“Jetzt merke ich, dass jeder einzelne von uns menschliche Interaktion braucht”

5 junge Kreative erzählen uns, wie sie zusammen vorankommen

von Jack Sunnucks
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15 Oktober 2020, 3:57pm

“Moving Forward Together” lautet der Ethos von Tommy Hilfiger und bedeutet, unsere Communitys zu vereinen, Diversität zu leben und füreinander da zu sein. Es ist nun klar, dass “das neue Normal” nicht wirklich normal ist und für viele Kreative vor allem dieses Jahr besonders schwierig ist. Doch wie halten wir unsere Beziehungen zueinander aufrecht, wenn wir voneinander getrennt sind? Wie arbeiten wir heute?

i-D hat fünf Kreative gebeten, einige dieser Fragen zu beantworten. Und sich dabei von einem Freund oder einer Person, mit der sie viel gemeinsam arbeiten, fotografieren zu lassen. Sinn dahinter ist, zu verstehen, wie Zusammenarbeit heute aussehen kann.

“Wenn wir uns außergewöhnlichen sozialen und ökonomischen Herausforderungen stellen, ist der Zusammenhalt der stärkste Weg”, sagt Tommy Hilfiger. Das zeigt sich auch in den Reaktionen unserer Kreativen, die alle glücklich darüber waren, endlich wieder in einem Team zu arbeiten. Kemar, Grafikdesigner und DJ, fühlt sich zu seiner Community in East London verbundener denn je während Nicole, Model und Stylistin in Berlin, versucht, die Modeindustrie von innen heraus zu verändern. Magaajyia, Schauspielerin und Regisseurin in Paris, findet, dass die Regie ihrer eigenen Projekte das ist, “was mich am Leben hält”, während Dan, Fotograf in London, einfach nur Menschen fotografieren möchte, die nicht seine Schwester sind, sein Lieblingsmotiv im Lockdown.

Tommy Hilfiger möchte mit seiner “Moving Forward Together”-Bewegung eine nachhaltigere und inklusivere Zukunft aufbauen. Sie haben ihre Fans dazu aufgerufen, ihren Lieblings-Teilen von Tommy individuell zu gestalten, alte Kleidungsstücke zum Wohle des Planeten wiederzuverwerten und dabei nichts zu verschwenden. Während der anhaltenden Pandemie hat Tommy Hilfiger Kleidung an Ärzte und Mitarbeiter des Gesundheitswesens gespendet und eine Kollektion initiiert, deren gesamten Einnahmen an COVID-19-Hilfsaktionen gespendet werden. Das alles zielt darauf ab, zu erkennen, wie stark wir gemeinsam sind.

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Fotografie Alexander David Kern

Nicole, Model und Stylistin, Berlin

Wie hat COVID-19 deine Arbeit beeinflusst?
Drei oder vier Tage nachdem ich von der Fashion Week zurück nach Hause gekommen bin, war der Lockdown. Ich war bei meinen Eltern. Und dann, im letzten Monat von London, war ich in Berlin. Es gab für mich weder Reisen noch Arbeit – das hat sich wie ein Neustart angefühlt.

Was hast du aus der Situation gelernt?
Ohne Teamwork funktioniert auch die Industrie nicht.

Wie war dein Leben vor dem Lockdown in Berlin?
Vor dem Lockdown war es echt verrückt. Es ist wie ein Leben im Underground, das man gerne lebt. Jeder ist irgendwie mit der Community verbunden. Sobald du eine Person kennst, lernst du jeden kennen. Es gibt hier so viele Künstler und Musiker.

Wie kommst du zusammen voran?
Mein Agent Alex unterstützt mich so sehr. Er ist meine Nummer Eins! Wir sind beste Freunde und machen Styling zusammen. Es macht alles so viel einfacher, mit jemandem zusammenarbeiten zu können. Er fotografiert und bringt mir viel bei.  Gerade erfinden wir uns neu und arbeiten an unseren eigenen Ideen, wie wir weiterhin in der Mode tätig sein können. Was wollen wir machen? Und wie können wir rundum kreativ sein? Es hat sofort Klick gemacht, wir sind ein großartiges Team.

Was stimmt dich hoffnungsvoll?
Diesen Sommer ist die Arbeit plötzlich wieder angelaufen und es hat sich großartig angefühlt, endlich wieder aktiv und von kreativen Menschen umgeben zu sein. Ohne Teamwork funktioniert die Industrie nicht wirklich gut. Das habe ich echt vermisst!

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Fotografie Foday Fofana

Kemar, Graphic Designer und DJ, London

Wie hat COVID-19 deine Arbeit beeinflusst?
Glücklicherweise sind Grafikdesigner gerade gefragter denn je, weil wir uns alle mit Grafik und sozialen Medien beschäftigen. An der DJ-Front ist es dagegen ruhiger geworden.

Wie musstest du dich an die Situation anpassen?
Ich hatte echt Glück, weil ich meine eigene Reihe bei No Signal bekommen habe und wir die Radioshows aus meiner Küche aufnehmen. Es läuft echt gut, wir sind richtig erfolgreich damit. Ich schätze, ich habe eine positive Einstellung.

Was hast du dieses Jahr gelernt?
Jetzt merke ich, dass jeder einzelne von uns menschliche Interaktion braucht. Und alle in dieser Zeit zusammenkommen, weil wir alle in einer ähnlichen Situation stecken mit der Arbeit oder dem Liebesleben. Ich kenne viele Pärchen, die sich getrennt haben. Meine eigene Beziehung ist dagegen stärker geworden.

Fühlst du eine Art Zusammengehörigkeit, wo du lebst?
Ich habe das Gefühl, dass viele Dinge gerade schließen. Deswegen ist es mir wichtig, die lokale Kultur zu bewahren – besonders in Dalston [East London].

Wie sieht Zusammengehörigkeit in Zukunft aus?
Die DJ- und Modekultur wird immer mehr in den Underground wandern. Ich bin mir sicher, dass wir einige großartige Sachen sehen werden – und das ohne den Druck und die Auflagen, die normalerweise gelten.

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Magaajyia, Schauspielerin und Regisseurin, Paris

Wie hat COVID-19 deine Arbeit beeinflusst?
Eigentlich lebe ich zwischen L.A. und Paris, aber seit dem Lockdown stecke ich in Paris fest. Ich brainstorme viele Geschichten, hänge mit meinen Freunden auf Zoom ab und versuche, kreativ zu sein. Aber ich überlege schon seit einem Jahr, ob ich nicht doch nach Athen oder London ziehen soll.

Was hast du dieses Jahr gelernt?
Dass mich die Regie an diesem Punkt am Leben hält.

Wie kommst du zusammen voran?
Ich versuche, den Sinn von Zusammengehörigkeit in meine Arbeit einfließen zu lassen und mich nicht auf die geschäftliche Seite zu konzentrieren. Für mich ist es wichtig, kreativ zu sein. Und das ist gerade echt nicht einfach. Athen fühlt sich wie eine Chance an, dem zu entfliehen. Die Menschen dort sind so offen gegenüber Neuem, aber wahrscheinlich hilft dabei auch die Sonne [lacht].

Woran arbeitest du gerade?
Mein nächstes Projekt ist ein Kurzfilm über einen Immobilienmogul, dessen Schicksal sich in einer einzigen Nacht wendet. Es ist ein Film-noir-Drama über einen 60-jährigen Unternehmer, der in Ungnade fällt und am Ende nichts mehr hat. Ich interessiere mich vor allem für Geschichten über ältere Menschen.

Mit wem kommst du zusammen voran?
Ich habe einen neuen Cast, einen großartigen Kameramann und einen Co-Regisseur. Und ich spiele auch einen kleinen Teil darin. Ich suche nur noch nach jemandem, der mich finanziell ein bisschen unterstützt. Hoffentlich jemand, dem es um die Kunst geht, denn Kurzfilme machen kein Geld!

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Dan, Fotograf, London

Wie sieht die Lage in London gerade aus?
Es liegt eine ziemlich seltsame Stimmung in der Luft – so viel Ungewissheit. Und ich bin mir sicher, dass jeder sie bemerkt. Da ist diese Kluft zwischen den Menschen, die wirklich Angst vor der Zukunft haben und denen, die ihr Leben einfach weiterleben. Es ist komisch und unruhig.

Was hast du aus der Situation gelernt?
Ich habe die Pause genossen, weil alles davor so hektisch war. Aber ich finde es schwierig, nichts zu tun zu haben. Ich brauche meine Arbeit, um mich zu motivieren und weiterzumachen. Irgendwann habe ich mich dann dazu entschlossen, es einfach selbst in die Hand zu nehmen und habe angefangen, meine Schwester zu fotografieren. Es hat mich zwar sehr eingeschränkt, aber ich mochte es auch, mich selbst zu limitieren.

Wie kommst du zusammen voran?
Letztes Wochenende habe ich zum ersten Mal Leute auf Instagram gefragt, ob ich sie im Studio fotografieren darf. Es war so schön, neue Gesichter vor der Linse zu haben.

Bis vor Kurzem habe ich nur meine Freunde fotografiert, weil es sich bequem angefühlt hat. Wir kennen uns, deswegen ist es auch an keinem Punkt seltsam. Es gibt diese Art von Verbindung zwischen mir und dem Subjekt. Mit neuen Menschen musst du diese Verbindung erst herstellen. Das ist anfangs etwas schwierig, aber daraus kann auch eine interessante Zusammenarbeit entstehen.

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Fotografie Alexander David Kern

Yenni, Model, Berlin

Wie hat COVID-19 deine Arbeit beeinflusst?
Ich bin viel nach Paris gereist und habe nonstop gearbeitet. Seit März ist es dagegen ruhiger. Ich war echt schockiert und habe lange überlegt, ob ich in London bleiben soll, bin dann aber nach Deutschland gegangen und habe drei Monate bei meinen Eltern gelebt. Jetzt bin ich nach Berlin gezogen.

Was hast du aus der Situation gelernt?
Ich bin froh, dass ich diese Zeit mit meiner Familie hatte. Ich habe das Gefühl, dass uns die gemeinsame Zeit irgendwie näher gebracht hat. Dafür bin ich dankbar!

Wie kommst du zusammen voran?
Normalerweise leben meine Model-Freunde überall verstreut. Seit ich nach Berlin gezogen bin, habe ich auch Freunde gefunden, die hier sind. Ich wollte schon so lange hierherziehen, hatte aber nie die Zeit dafür!

Es ist wie eine große Community und irgendwie auch verrückt, weil du hier alles findest. Ich liebe es, wie sich die Menschen hier anziehen, deswegen sitze ich gerne im Café und beobachte Leute. Die verschiedenen Looks auf der Straße inspirieren mich wirklich. Wo ich herkomme, ist alles ein bisschen kleiner, niemand würde je auf die Idee kommen Heels zu tragen!