wie harley weir das flüchtlingscamp in calais wahrgenommen hat

Harley Weir hatte genug von der einseitigen und negativen Berichterstattung über das Flüchtlingscamp in Calais, besser bekannt als der Dschungel. Die Fotos in den Mainstreammedien haben ein sehr düsteres Bild der Situation gezeichnet. Die erfolgreiche...

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Nov. 16 2016, 10:05am

Das Flüchtlingscamp in Calais wurde und wird nicht oft mit Schönheit assoziiert, aus nachvollziehbaren Gründen. Doch die Fotos in dem neuen Bildband Homes von Harley Weir zeigen die Schönheit davon. Sie haben auch etwas Melancholisches. Diese Fotos aus dem Camp sind anders als all die Fotos, die wir im letzten Jahr über das Camp gesehen haben.

Das liegt daran, dass der Fokus der Fotos in Homes statt auf den Menschen auf den Strukturen liegt, die von ihnen gebaut und bewohnt wurden. Diese Struktur ist eine temporäre Landschaft aus Zelten, Kirchen und Baracken. Schön sind die Fotos, weil Harley mit einer Ehrlichkeit die Zeit und die Liebe eingefangen hat, die die Menschen in den Ort, den sie Zuhause nennen—das Camp und die Unterkünfte—gesteckt haben. Sie zeigt die Häuser und den Stolz der Bewohner darauf,—Qualitäten, die in Darstellungen vom Dschungel oft fehlen. Die Bilder zeigen das Universelle, das Zuhause als Symbol, das alle Menschen eint. Homes ist ein Dokument der Flüchtlingskrise und ein Aufruf zum Handeln. Die Aufnahmen sind während, vor und nach der Auflösung des Camps entstanden. 

Was hat dich zu diesem Projekt inspiriert? Ich weiß, dass die Fotos in einem Zeitraum über drei Tagen entstanden sind. Wie kam es dazu?
Ich denke schon länger über Calais und Grenzen im Allgemeinen nach. Es gab einen Teil von mir, der sich zu lange zu sehr mit sich selbst beschäftigt hat, damit ich mich mit solchen großen Themen hätte beschäftigen wollen. Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Stimme bei solchen Themen habe. Oder besser gesagt, dass ich keine Stimme haben darf. Wenn man aus der Modebranche kommt, nehmen es einem die Leute oft, wenn man sich auch noch für andere Dinge auf der Welt interessiert. Ich habe diesen Druck gespürt und habe mich von solchen Themen ferngehalten. Ich hatte einfach das Gefühl, dass meine Meinung nicht zählt.

Ich bin dann im Frühling mit einem Freund über Calais nach Paris gefahren. Die Szenerie, durch die wir gefahren sind, war einfach nur verrückt. Männer sind kreuz und quer gelaufen, die Luft war von Tränengas erfüllt, es haben sich Staus gebildet, die Menschen sind auf LKWs gesprungen. Diese Bilder sind bei mir hängengeblieben. Als ich dann gehört habe, dass sie das Camp dichtmachen wollen, wusste ich, dass ich dahin muss.

Hast du dir Sorgen darum gemacht, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde, wenn sich eine Modefotografin dem Thema annimmt?
Ich hatte definitiv das Gefühl, dass mich die Menschen nicht ernst nehmen würden. Ich bin aber an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem mich die Leute ernst nehmen können, wenn sie es denn wollen. Wenn sich jemand das Buch anschaut und sie hinterher mehr über das Thema wissen, dann macht mich das glücklich.

Was hast du zuerst gedacht und gefühlt, als du dort warst?
Mich hat überwältigt, wie schön die Menschen in Eigenregie ihr Zuhause gestaltet haben. Sie waren so warm und gastfreundlich zu mir, einer völlig Fremden. Das Glück war einfach so ungerecht zwischen uns verteilt.

Der Fokus im Buch liegt auf Häusern und Strukturen. Hat sich das so entwickelt, als du dort warst oder hast du das von Anfang an geplant?
Für mich war es genauso stark, ihre Gesichter nicht zu zeigen. Ich finde, man erkennt die Menschen anhand ihrer Unterkünfte, man sieht, wie viel Arbeit sie da rein gesteckt haben. Viele der Personen in dem Camp haben mir gesagt, dass sie Journalisten nicht mögen und die meisten haben zu mir gesagt: ‚Keine Fotos', als ich vorbeigelaufen bin. Man muss das respektieren, das ist wichtig. Ich wollte die Menschen, mit denen ich mich angefreundet hatte; die mir das Camp gezeigt haben; mit denen ich meine Mahlzeiten geteilt habe, nicht fragen: ‚Kann ich jetzt ein Bild von euch machen?'. Das hat etwas von einer Transaktion und ist unangebracht. Doch ein Foto vom ihrem Zuhause zu machen, damit hatten die meisten keine Probleme. 

Die Fotos sind auch schön. Das sieht man nicht oft.
Ich war geschockt, als ich dort ankam. Jeder hatte mir gesagt, dass es das dreckigste Camp sei, das sie je gesehen hätten. Das hat nicht gestimmt. Ich sage damit nicht, dass es ein Paradies war, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass in den Berichten über das Camp etwas fehlt. Dass die Bilder oft distanziert, wie Kriegsbilder von geschundenen Seelen, wirken. Dass sie Steine auf Polizisten werfen und untereinander kämpfen. Das erschien mir doch alles sehr einseitig. Wir brauchen diese Art von Fotos natürlich, aber ich wollte mich mit eigenen Augen davon überzeugen. Dieser Ort ist sehr traurig, aber er steht für ich auch für etwas Positives, die kaum gezeigt wird. Ich habe Leute gesehen, die unglaublich liebevoll und herzlich sind. Für mich ist Schönheit integraler Bestandteil des Menschseins und ich wollte das zeigen. Statt der Situation wollte ich die Menschen dahinter zeigen.

Würdest du so weit gehen und sagen, dass es dir bei dem Projekt darum geht, ein Verständnis für die Geschichten der Menschen im Camp zu erzeugen?
Mich hat es so berührt, dorthin zu gehen. Andere müssen diese Fotos sehen. Ich hoffe, dass das Buch etwas bewirkt; dass Menschen die Welt so sehen, wie sie ist. Das Buch soll aber gleichzeitig auch zeigen, dass das Leben schön ist. Und egal wie die äußeren Umstände sind: Es ist nie sinnlos. Es ist wichtig, etwas zu tun.

Das eigene Zuhause besitzt große universelle Symbolkraft.
Zuhause ist da, wo das Herz ist. Ohne groß wie ein Klischee klingen zu wollen, ist es doch wahr. Ich erkenne in Häusern Persönlichkeiten, Leute wie mich. Durch Fotografien können sich Menschen anderen näherfühlen, die für sonst Fremde sind. Ich bin einfach froh, dass ich diese Unterkünfte und die Menschen dahinter für die Nachwelt dokumentiert habe, so werden sie nicht vergessen werden.

Wie kam es zu dem Buch?
Ich wollte anfangs Prints von den Fotos verkaufen. Aber die Plattform Buch eignet sich viel besser dafür, einen Dialog über etwas, mit dem man sich stark identifiziert, zu starten. Der Zugang ist viel leichter, als wenn man sich einen Print kauft. Die Leute müssen nicht mal das Buch kaufen. Einfach durch die bloße Existenz des Buches habe ich die Plattform, um über die Anliegen zu sprechen, die ich in dem Buch anspreche.

Was erhoffst du dir durch das Buch?
Ich hoffe, dass die Leute durch das Buch blättern und das Gefühl bekommen, dass das Leben schön ist und dass nichts im Leben sinnlos ist. Ich hoffe, dass die Menschen erkennen, dass jeder die Chance verdient, sich sein eigenes Zuhause zu schaffen. Zwar wurde das Camp aufgelöst, aber das Problem hat sich nicht in Luft aufgelöst. Wir müssen weiter darüber reden. Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Die meisten Bewohner des Camps wurden in andere Teile Frankreichs umgesiedelt. Das wirkt wie eine Verbannung aus einer griechischen Sage. Ein Mann, mit dem ich immer noch in Kontakt stehe, lebt jetzt auf der Insel Île de Noirmoutier, eine kleine Insel, die wie das Paradies erscheint, aber letztlich ein Gefängnis ist. Dort hat er hat keine Chance, einen Job zu bekommen. Alle Einheimischen haben Angst vor ihn. Er ist gelangweilt.

Was ist das Schockierendste? Nicht nur wie die Leute im Dschungel behandelt wurden, sondern auch wie sie danach behandelt wurden?
Am schlimmsten ist die Frustration, keine guten Antworten zu haben. Als ich von dem Abriss wiedergekommen bin, wurde es später und die Leute haben angefangen, Feuer zu machen. Ich bin dort rumgelaufen und habe versucht, ein Taxi zu finden. Ein Afghane, der gerade angekommen war, und nicht wusste, dass der Dschungel dichtgemacht wurde, hat mich um Hilfe gebeten. Er hat gefroren und mir erzählt, dass ihm die paar Helfer, die noch übriggeblieben waren, sagt hätten, dass er zu alt für Hilfe sei. Ich habe ihm Essen angeboten, aber er war zu höflich und hat es abgelehnt. Ich hatte keine Antworten auf seine Frage. Das war der emotional anstrengendste Moment. Die ganze Situation hat sich einfach als nicht lösbar angefühlt.

Ich habe ihn davonlaufen sehen. Er hat alle zehn Meter angehalten, der ganze Körper hat gezittert und er hat geweint. Es war total dunkel und ich hatte jedes Taxiunternehmen in Calais und Umgebung angerufen, aber ich hatte kein Glück. Ich wollte mich an den Straßenrand setzen und anfangen zu weinen. Fünf Minuten später haben mich zwei Frauen aufgegriffen, die vorbeigefahren sind. Wir sind zum Bahnhof gerast. Ich hatte noch drei Minuten, bevor mein Zug abgefahren ist.

Den ganzen Rückweg habe ich darüber nachgedacht, wie traurig und ungerecht es ist, dass ein weißes Mädchen fünf Minuten am Straßenrand schluchzt und sofort gerettet wird, während der Mann allein an der Straße zurückgelassen wurde. Die ganze Tragweite habe ich erst zu Hause begriffen: Was können wir tun? Wie können wir helfen? Das hat mich schockiert. Die Realität, dass wir in Wahrheit nicht viel tun können. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht versuchen werde.

Homes erscheint bei Loose Joint. Die Standardausgabe ist bereits vergriffen, aber du kannst hier noch die Special Edition kaufen. Und wenn du spenden willst, kannst du es für lacimade.org tun.

Credits


Text: Felix Petty
Fotos: Courtesy of Harley Weir