Photography Bruce Weber

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Pussy Riot ist nicht nur eine Band, sondern eine Bewegung. Drei Jahre nachdem Nadia und Maria für ihr Punk-Gebet in einer Moskauer Kirche festgenommen wurden, ziehen sie gegen die Ungerechtigkeit in Russland und darüber hinaus in den Kampf. Bruce Weber...

von Rory Satran
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26 März 2015, 9:50am

Photography Bruce Weber

Masha fotografiert von Bruce Weber

„Ich fühle mich wie fucking Aschenputtel", sagt Maria von Pussy Riot, als sie einen Schuh am Strand von Miami verliert. Zusammen mit Nadeschda hielt sie gerade einen einen Talk bei der Clinton Global Initiative in Florida. Dies ist kein Märchen, aber trotzdem umgibt die zwei jungen Frauen, die erst im Hungerstreik waren und jetzt Selfies mit Bill Clinton schießen, etwas Magisches. Nadeschda und Maria schieben sich Zigaretten hin und her, während sie ihre jeweiligen Sätze beenden, was oft in wildem Gelächter endet. Verschwunden sind die Dolmetscher, die sie noch bei früheren Interviews brauchten, sie sprechen in ihrem einfachen, aber verständlichen Englisch. In den drei Jahren, die seit ihrem Punk-Gebet vergangen sind, wurden die Stars von Pussy Riot ein bisschen erwachsener, aber wirklich nur ein bisschen. 

Ihre Geschichte ist nicht neu und du solltest sie bereits kennen: Nadia (Nadeschda Tolokonnikowa), Masha (Maria Alechina) und Jekaterina Samuzewitsch wurden wegen Vandalismus nach ihrer Performance in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale als Protest gegen Putins Wiederwahl 2012 verhaftet. Seitdem sie in knallbunten Sturmhauben „Shit, Shit, the Lord's Shit" gesungen haben, saßen sie 21 Monate im Gefängnis, traten weltweit für Gefangenenrechte ein und wurden bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi nach einer Performance von Kosaken ausgepeitscht. Sie wurden zu feministischen Ikonen, die von Madonna, Kathleen Hanna und einer neuen Generation von Riot Grrrls bewundert werden. „Wir glauben nicht, dass wir Stars sind", sagt Nadia trotzdem. 

Nadia fotografiert von Bruce Weber

Und das alles mit Mitte 20. Jetzt, da der Hype ein bisschen abebbt, beginnt vielleicht die wichtigste Phase von Pussy Riot. Das politische Klima ist angespannt mit dem Ukraine-Konflikt und dem neuen russischen Gesetz, das schwule Propaganda verbietet. Pussy Riot ist mittlerweile ein Kollektiv aus 15 bis 20 Künstlerinnen, das zunehmend international agiert und sich mit jeder Form politischer Ungerechtigkeit beschäftigt. In der Woche, in der wir mit Nadia und Masha sprachen, veröffentlichten sie ihren ersten englischsprachigen Song „I Can't Breathe", eine Referenz an den Tod von Eric Garner durch die Polizei in New York.

Der Song wurde im letzten Dezember in New York zusammen mit Nick Zinner und Richard Hell aufgenommen. Im Musikvideo werden Nadia und Masha bei lebendigem Leibe in russischen Polizeiuniformen begraben, eine Betonung der Unterdrückung in Russland und in Amerika. Eigentlich wollten sie in New York einen vom Ukraine-Konflikt inspirierten Anti-Kriegs-Song aufnehmen, aber das Duo entschied sich um, nachdem sie an Demonstrationen zum Garner-Urteil teilgenommen hatten. „Wir haben in Russland die traurige Situation, dass unsere Regierung alle Demonstrationen verbietet", sagt Masha. „Ihr ward so inspirierend. Wir entschieden uns, dass „I Can't Breathe" unser Slogan werden soll. Wir können uns damit identifizieren. Es ist so, als ob man in seinem eigenen Land nicht atmen kann."

Nadia und Masha sehen eine ähnliche Apathie von jungen Kreativen in Russland und in Amerika. „Viele sehen keine Verbindung zwischen Politik und ihrem eigenen Leben", sagt Nadia. „Wir haben das nie verstanden. Auf der einen Seite haben uns viele Leute unterstützt, aber auf der anderen Seite unterstützen sie keine politischen Aktionen in ihren eigenen Ländern oder in ihrer eigenen Stadt. In Russland haben wir eine ähnliche Situation. Wir haben viele Talente, aber die möchten nichts mit der politischen Situation zu tun haben. Für sie ist Politik schmutzig", sagt Nadia.

Für Pussy Riot ist Politik unausweichlich. Auf die Frage, ob sich Künstler einmischen müssen, antworteten sie: „Es ist keine Verpflichtung, es ist Realität. Wenn du nicht an Politik denkst, wird die Politik über dich bestimmen! Und wenn du denkst, dass du dich in keiner politischen Situation befindest, dann bist du mittendrin." Sie glauben aus ganzem Herzen daran, dass Kunst Politik beeinflussen kann. Ein leuchtendes Beispiel für sie ist Ai Weiwei: „Er steht für ein anderes China", sagt Masha.

Zurück zum wilden Gelächter. Pussy Riot sind bekannt für ihren Sinn für Humor. „Es ist nicht möglich, ernst zu bleiben, wenn man soziale Arbeit oder Politik in Russland macht, weil man sonst verrückt wird. Man sollte lachen! Es ist absurd, es ist lustig, es ist kafkaesk. Was ist denn das für ein Leben, wenn man alles ernst nimmt, was man sieht? Dann wird man nichts machen, man wird nur auf seiner Couch hocken, weinen oder fernsehen. Um also etwas zu machen, muss man sich selbst stimulieren" [Alle fangen an zu lachen], sagt Masha. Oberstes Gebot im Pussy-Riot-Handbuch für Aktivismus: Die Absurdität der Weltpolitik akzeptieren, den Arsch hoch kriegen und etwas dagegen unternehmen.

Lachen? Klar, aber was ist mit Mode? Ist der Gedanke nicht ein bisschen frustrierend, dass junge Leute den politischen Forderungen von Pussy Riot offener gegenüber stehen aufgrund ihrer Kleidung? Man muss wissen, dass ihr Erscheinungsbild von Anfang Teil ihrer wohl kalkulierten knallbunten Performances war. „Wir mögen Kleider", gibt Masha zu. Nadia fügt hinzu: „Es ist dasselbe wie mit politischen Institutionen oder Social Media. Man kann sich vormachen, dass Mode für einen selbst unwichtig ist, aber das Äußere ist nun mal per Definition was andere wahrnehmen. Wenn du eine linke Aktivistin bist, die Glamour hasst, dann wird deine Kleidung deiner Umwelt trotzdem etwas über dich sagen." Sie können sich sogar vorstellen, eine eigene Modelinie auf den Markt zu bringen: „Wir wollen Mode, die etwas über die politischen oder sozialen Ansichten der Trägerin aussagt", sagt Masha. „Bis jetzt gibt es vor allem T-Shirts, die Messages tragen. Wir wollen Kleider, Hosen und BHs - alles eben." (Habt ihr das gelesen, Designer der Welt?)

Nadia und Masha sind mehr an einem allgemeinen Umdenken als an der Verbreitung einer speziellen Botschaft interessiert. „Jeder kann Pussy Riot sein", sagt Nadia. „Um Pussy Riot zu sein, kannst du deine Stimme nutzen oder eine andere Form, um dich selbst und deine politischen Ansichten auszudrücken." Wie man das macht, erklärt Masha so: „Indem du handelst, Musik oder Videos machst, oder alles." Nadia fügt noch hinzu: „Oder du machst dein eigenes Ding. Egal was, Hauptsache etwas passiert. Pussy Riot gehört nicht uns alleine. Du kannst deine eigenen Ideen entwickeln."

Die Revolution findet nicht im Fernsehen statt, sondern auf Twitter, Facebook und in Blogs. Pussy Riot sind bekannt dafür, Video von ihren Aktionen extrem schnell zu schneiden und auf Social-Media-Plattformen zu teilen. „Das ist Teil unserer Strategie, wir sind die Herren über diesen politischen Kontext", sagt Nadia. „Die politische Diskussion passiert heute hauptsächlich über die Social-Media-Kanäle", fügt Masha hinzu. „Besonders seit dem letzten Jahr, als die russische Regierung unabhängige Medien geschlossen hat, wurde Social Media zur wichtigsten Informationsquelle. Facebook und Twitter sind jetzt die Hauptmedien in Russland."

Also was wollen sie erreichen? „Unsere Kinder sollen in einem anderen Russland leben können, mit unabhängigen Medien und mit Bildung. Einfache Dinge eben", sagt Masha. „Das sind keine Utopien, diese einfachen Dinge existieren in anderen Ländern; wir haben es erlebt. Wir versuchen, dieses neue Russland irgendwie aufzubauen und zu verbessern. Das können wir natürlich nicht alleine, wir versuchen unser ...", und als Masha nach Worten sucht, springt Nadia mit dem einem Song aus dem Musical Chicago ein: „I simply cannot do it alone!"

Credits


Text: Rory Satran
Fotos: Bruce Weber
Fotoassistenz: Chris Domurat, Ryan Brinkmann, Jeff Tautrim.
Produktion: Little Bear Inc.
Produktionsassistenz: Reynaldo Herrera.
Shot in Golden Beach, Florida.