Thirstin Howl the 3rd and Jesus, Photography Tom Gould

dieser fotograf hat 30 jahre lang die lo-lifes aus brooklyn dokumentiert

Das neue Buch „Bury Me With the Lo On“ ist der erste umfassende Überblick über die Geschichte der Ralph-Lauren-Crew und zeichnet ihre Entwicklung von einer lokalen Erscheinung in den 80ern bis zur heutigen globalen Szene nach.

von Emily Manning
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15 Juli 2016, 10:30am

Thirstin Howl the 3rd and Jesus, Photography Tom Gould

Vor dem New Yorker Supreme Store wird mal wieder eine neue Kollaboration lanciert und die Fans campieren schon seit Tagen vor dem Eingang. Ein paar davon versuchen sogar, die Sicherheitsleute zu bestechen, um die ersten bei der Ladeneröffnung um elf Uhr zu sein. Unter ihnen sind auch Mitglieder der treuesten Fangemeinde des amerikanischen Streetwear-Labels und viele stehen nur in der Schlange, um die begehrten Sammlerstücke zu ergattern, um dann von dem Wiederverkauf auf eBay ihre Miete bezahlen zu können. Manchmal werden Launch-Events von der Polizei aus Sorge um die öffentliche Sicherheit verboten. Es kam sogar schon zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Doch das hält sie nicht davon ab, es jeden Donnerstag wieder zu versuchen. Exklusivität, der Wunsch, gut auszusehen, und ein unbändiger Wille sind die Eigenschaften, die wohl am ehesten auf die Ultra-Fans zutreffen. Und sie haben eine lange Tradition in New York. Was heute Supreme ist, war früher Ralph Lauren Polo.


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Die Lo-Lifes, so wurden die Mitglieder der Crew genannt, lebten im wahrsten Sinne des Wortes für Ralph Lauren Polo—in ein paar Fällen sind Leute für ihre Leidenschaft auch gestorben. Heute sind sie ein Mythos. Sie gehören zu einem New York, das längst nicht mehr existiert. Entstanden ist diese Kultur in den späten 80ern: Die Lo-Lifes sind in Scharen mit der U-Bahn nach Manhattan gefahren und in die Kaufhäuser ausgeschwärmt, um sich jedes Teil von Polo zu schnappen, was sie in die Finger kriegen konnten. Über die Brooklyn Bridge ging es dann zurück. Manchmal haben sie ihre Beute mit dem berühmten Pferdelogo noch direkt in der Bahn verkauft. Bevor es die gemeinsame Bezeichnung Lo-Lifes gab, waren sie regional organisiert: es gab Ralphie's Kids aus Crown Heights und Polo USA (= United Shoplifter's Association) aus Brownsville.

Foto: Thirstin Howl der Dritte, 1988

Ralph Lauren war damals der ultimative Inbegriff des amerikanischen Luxus: eine Marke, die auf den visuellen Codes der Studenten und der amerikanischen Elite beruhte. Das spiegelte sich auch in den Preisen wider. Dieser American Deam war nie für die Jungs aus Brooklyn gedacht, also haben sie ihn sich zu eigen und ihren eigenen Style daraus gemacht. Damit haben sie den Grundstein für die heutige Konvergenz zwischen HipHop-Kultur und Haute Couture gelegt. Im Nachhinein erscheint es ironisch, aber Ralph Lauren (geboren Lifshitz) und Rap kommen beide aus der Bronx.

Das neue Buch Bury Me With the Lo On ist der erste umfassende Überblick über die Geschichte der Lo-Life-Crew und zeichnet ihre Entwicklung zu einem globalen Phänomen nach und ist eine Kollaboration zwischendem „Lo-Life"-Gründer und Rapper Thirstin Howl dem Dritten und dem Fotografen Tom Gould. Darin zu finden sind Interviews mit den ersten Lo-Lifes und Verbündeten wie Raekwon, Just Blaze und Despot—um nur einige zu nennen. Außerdem sind intime Porträts von Tom Gould, Presseartikel über Lo-Lifes und Landschaftsaufnahmen der Gegenden, die die Kinder ihr zu Hause genannt haben, sowie private Polaroid-Aufnahmen von Howl zu bestaunen. Auf einem Foto sieht man ein Jugendzimmer voll mit Polo-Sachen, auf einem anderen zeigt ein Mitglied sein breitestes Grinsen. Es ist ein Polizeifoto, weil er dabei erwischt wurde, wie er Waren im Wert von 4.000 Dollar bei Bloomingdales geklaut hatte. Die handgeschriebene Bildunterschrift: „Proud 2 Be There".

Wir haben dem Fotografen Tom Gould ein paar Fragen gestellt.

Uncle Disco, Foto: Tom Gould

Wie hast du die Lo-Lifes dokumentiert? Und was hat dich an ihnen so fasziniert?
Ich komme aus Neuseeland, also sehr weit weg von Brownsville und Brooklyn. Ich habe Anfang der 2000er als Teenager zum ersten Mal von den Lo-Lifes gehört. Thirstin Howl der Dritte hat 1999 sein erstes Album Skillionaire veröffentlicht. Viele der Älteren, zu denen ich aufgeschaut und mit denen ich abgehangen habe, haben seine Musik gehört. Die hatten sich schon davor für Polo interessiert, weil wir in Neuseeland alles, was aus New York kommt, cool finden. Für mich war es etwas Besonderes, weil die meisten Rapper, die ich damals gehört habe, über Waffen, Geld, Girls, Drogen und Juwelen gerappt haben, aber niemand hat über Diebstahl oder so was geredet. Und erst recht hat keiner darüber mit Humor gerappt.

Foto: Thirstin Howl der Dritte, 1988

Mich haben als junger Fotograf schon immer Subkulturen und Dinge, die man nicht immer in den Mainstream-Medien findet, interessiert. Ich mag interessante Geschichten, die etwas Gefährliches haben. Als Kind hat mich alles inspiriert, was aus New York kam, von der Musik über Mode bis zu meinen Lieblingsfotografen. Ich wollte schon immer dorthin ziehen. 2009 habe ich das schließlich getan, ohne jemanden zu kennen und obwohl ich noch nie da war. Ich habe durch Glück Meyhem Lauren kennengelernt. Er ist Rapper und Musiker, und auch Mitglied der neuen Generation von Lo-Lifes. Sie wurden zwar jahrelang in HipHop-Magazinen dokumentiert, aber noch nie wurde ein richtiges Buch über sie gemacht. Meyhem hat mich Thirstin vorgestellt und wir haben dann beschlossen, gemeinsam an diesem Buchprojekt zu arbeiten.

RLPC, Foto: Tom Gould

Wie hat sich die Community seitdem entwickelt?
Die 90er waren eine interessante Zeit. Viele der ersten Lo-Lifes sind nicht mehr am Leben, sitzen im Gefängnis oder haben inzwischen Familien gegründet. Mittlerweile ist eine neue Generation nachgewachsen. Ralph Lauren lancierte in den 90ern neue Linien und Designs. Sie wurden grafischer, es gab mehr Illustrationen, sie wurden sportlicher und sie orientierten sich immer stärker an der amerikanischen Kultur. Das goldene Zeitalter von Polo war von Ende der 80er bis Mitte der 90er. In der Zeit ist eine große Sammlerszene entstanden. Es waren neue Leute, die mit allen Mitteln die seltenen Sammlerstücke haben wollten.

J-Love und Jedi, Foto: Tom Gould

Aber Musik scheint am meisten zur Verbreitung dieser Kultur beigetragen zu haben. Der Style wird von Kids auf der Straße kreiert und die Rapper schauen es sich dann von denen ab. Das ist auch der Fall, wenn wir über Leute wie Raekwon sprechen. Im Buch spricht er darüber, dass er in Downtown Brooklyn Kids gesehen hat, die von oben bis unten Sachen von Ralph Lauren Polo getragen haben und wie sehr er den Look gemocht hat. Er wurde zu einem der großen Künstler, die den Look im Fernsehen präsentiert und ihn damit in die Welt getragen haben. Heutzutage umfasst die Kultur alle möglichen Leute, die wirklich alles versuchen, um an diese Kleidungsstücke zu kommen. Auch wenn sie aus sozial schwächeren Familien kommen, sie tragen und sammeln sie, weil sie etwas Besseres sein möchten.

Lo Lifes Japan, Foto: Tom Gould

Das Zitat von Just Blaze gehört zu meinen Lieblingstellen: „Ich bin kein Cowboy, ich fahre kein Ski und ich verdiene auch nicht mit Jachtrennen mein Geld, aber als junges Kind im Ghetto habe ich davon geträumt, genau all das zu sein und zu machen, und deswegen tragen wir die Kleidung, die wir tragen."
Ralph Lauren war nie für Leute gedacht, die in Brownsville oder in Crown Heights gewohnt haben. Diese Mode wurde nie für diese Menschen gemacht. Sie wurde ja nicht mal an ein HipHop-Publikum vermarktet. Die Leute haben der Kleidung ihre eigene Bedeutung gegeben, um sich damit selbst besser zu fühlen. Das ist für mich etwas Besonderes. Teenager aus Brownsville und Crown Heights haben sich zusammengeschlossen, um etwas aus den Situationen, in denen sie aufgewachsen sind, zu machen. Sie wollten fresh und gut aussehen und die Dinge, die nicht für sie bestimmt sind, besitzen. Gleichzeitig ist das aber auch ein trauriger Ausdruck der Klassengesellschaft und des Konsumverhaltens in den USA. Es gibt Leute, die gestorben sind, weil sie diese Kleidung wollten.

RLPC, Foto: Tom Gould

Was erhoffst du dir durch das Buch?
Eine Wertschätzung von Mode und ihrer Geschichte und der Geschichte dieser Leute. Das ist eine weitere Bewegung aus New York, die dokumentiert, aufbereitet und wertgeschätzt gehört. Ich möchte einfach, dass die Leute Spaß daran haben und versuchen, die Szene zu verstehen.

Bury Me with the Lo On erscheint bei Victory Journal.

In Times Square (The Deuce), Foto: Tom Gould

Preme, Foto: Tom Gould

RLPC, Foto: Tom Gould

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Tom Gould and Thirstin Howl the 3rd Archive

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