mit dem skateboard durch die postsowietischen ruinen von tiflis

Zwischen Modernität und postsowjetischer Realität begleitet die Dokumentation „When Earth Seems to be Light“ von Lukas Ionesco eine Skateboard-Crew auf den Straßen der georgischen Hauptstadt Tiflis.

von Anastasiia Fedorova
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07 März 2016, 9:40am

Kaum eine andere Subkultur ist so weitverbreitet wie die Skateboardszene. Egal welches Jahr, welcher Längengrad oder welches politische Regime, überall gibt es Skater mit ihren Boards, Verletzungen und ihrem Freiheitsdrang. Die Dokumentation When Earth Seems to Be Light fängt die wachsende Skateboardszene in Georgien ein. Unter der Regie von Salome Machaidze, Tamuna Karumidze und David Meskhi entstanden, geht es darin um eine Gang aus Tiflis. In der Stadt prallen Modernität und die Überreste aus Sowjetzeiten aufeinander. Die Sonne scheint genauso hell wie im Skateboardparadies Kalifornien, aber die politische Situation könnte anders nicht sein: Während die Skateboarder ihre Kickflips üben, säumen Demonstranten die Straßen der Hauptstadt Georgien und protestieren gegen die Kirche und die konservative Regierung.

Die Dokumentation hat bereits beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam den Award für das beste Erstlingswerk gewonnen und wird auf Dokumentarfilmfestivals in Istanbul, Bergamo, Stockholm, Brüssel und Sofia gezeigt. Der Film zeigt wieder einmal, dass Skateboarding mehr als nur ein Freizeitspaß ist—es geht dabei um Freiheit, sie zu erhalten und dafür zu kämpfen.

Wie seid ihr auf die Idee zum Film gekommen?
Salome: Wir kannten die Skateboarder, weil David sie fotografiert hat. Das macht er schon seit Jahren. Irgendwann brachte er Fotos von einem Trip aus Georgien mit, wie sie auf einer verlassenen Pferdelaufbahn skaten. Die Bilder hingen bei uns überall an den Wänden. Ich habe sie angesehen und habe plötzlich gedacht, dass wir einen Dokumentarfilm machen müssen.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Skateboardern?
Salome: Wir kamen an und haben zuerst mit den Jungs gesprochen, bevor wir gedreht haben. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt. Ich habe gedacht, dass sie echte Punks sind, weil die Skateboarder in meiner Kindheit eben so waren. Das ist aber eine ganz andere Generation. Heutzutage ist die ganze rebellische Haltung weniger ausgeprägt. Die heutige Generation ist entspannt, smart und sehr artikuliert.
David: In der Doku sieht man, wie sie enger werden. Sie verschmelzen immer mehr zu einer Einheit und das haben wir auch eingefangen.

Habt ihr den Jungs irgendwelche Anweisungen gegeben oder sie einfach beobachtet?
Tamuna: Wir haben den Ort vorgegeben und dann einfach beobachtet, was passiert. Wir haben ihnen nicht gesagt, was sie machen sollen. Es ist einfach eine Mischung aus unseren Ideen und was sie daraus machen.

Wir sehen auch den französischen Schauspieler und Musiker Lukas Ionesco, der hauptsächlich durch Larry Clarks The Smell of Us bekannt wurde. Wie kam es dazu, dass er mit den Jungs in Georgien abhängt?
Tamuna: Wir kannten ihn schon vorher, er ist echt interessant. Wir wollten schon länger mit Lukas drehen und kurz bevor wir mit den Dreharbeiten angefangen haben, war er in diesem Larry-Clarke-Film. Dann passierte dort etwas während der Dreharbeiten, sodass er das Set verlassen hat und direkt zu uns kam. Für ihn war es eine Flucht. Es ist genau so wie im Film: Er taucht einfach auf und skatet mit den Jungs, entdeckt das Land und fühlt sich ziemlich verloren.

Die Dynamiken zwischen Lukas und den georgischen Jungs sind sehr interessant. Lukas spricht die ganze Zeit das Gefühl von Freiheit an. Das habe ich schon öfter von so vielen anderen Leuten gehört: Dass sich Leute aus dem Westen in postsowjetischen Ländern freier fühlen.
Tamuna: Da gibt es eine Debatte unter den Beteiligten. Die Jungs denken, dass dort, wo er herkommt—in Paris und Europa—, Freiheit herrscht. Alle sagen, dass sie von dort weg und nach Paris wollen. Er sagt, dass er nach Georgien kam, weil es besser ist als in Paris, weil hier jeder frei ist.
Salome: Für ihn war es wirklich komisch, weil Georgien eigentlich sehr korrupt ist. Er sieht ein Plakat mit dem Präsidenten und einige von uns kennen den. Er hat nicht verstanden, warum wir jeden kennen. Für ihn schien es so zu sein, dass es hier nicht so in festen Bahnen läuft wie im Westen.
Tamuna: Fehlende Strukturen geben dir viel Freiraum, jedenfalls am Anfang.
David: Dafür gibt es hier aber ganz andere Probleme.

Skateboarder gibt es überall auf der Welt. Worin unterscheiden sich die Jungs in Tiflis?
Salome: Ich hatte das Gefühl, dass das heutige Georgien so ist wie Amerika in den 60ern. Skateboarden ist hier noch etwas, was komplett im Untergrund stattfindet.
Tamuna: Im Westen hat jeder ein Skateboard, es ist Mainstream. In Georgien bist du mit einem Skateboard noch ziemlich einzigartig. Du bringst 20 Jungs zusammen und sie haben das Gefühl, dass sie eine Szene sind.

Kann der Film dazu beitragen, die Skateboardszene—und Jugendkultur im Allgemeinen—in Georgien nach vorne zu bringen?
David: Alle Skateboarder in Tiflis sind in diesem Film. Spaß beiseite, es gibt mittlerweile noch ein paar mehr.
Salome: Nach dem Dreh wurde für sie der Gedanke präsenter, dass sie als Subkultur stärker und unabhängiger sein wollen. Das hat mir gefallen. Sie haben begriffen, dass es dabei nicht nur um lange Haare geht, sondern auch um die Botschaft. Sie beeinflussen andere. Es ist wichtig, dass es in Georgien diese Jugendlichen gibt. 

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Credits


Text: Anastasiia Fedorova 
Fotos: Courtesy of David Meskhi