warum überproduktion das eigentliche problem der mode ist

Wie viel Wert hat Kreativität noch in einer von Marketing bestimmten Industrie?

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Juli 20 2016, 10:05am

Tigran Avestiyan, spring/summer 17

Letzten Monat hat der vielversprechende Nachwuchsdesigner Tigran Avetisyan seine neue Kollektion in Paris präsentiert. Als ich mich durch das Lookbook, das in meinem E-Mail-Eingang landete, geklickt habe, habe ich langsam begriffen, was das vor meinen Augen ist: Ein Schlag ins Gesicht einer Industrie, die vom Neuen besessen ist. Die Kollektion heißt In loving memory of Spring Summer 2014 by Tigran Avetisyan und besteht aus zwölf identischen Mänteln, die er ursprünglich für die Frühjahr-/Sommerkollektion 2014 entworfen hatte. In großen weißen Buchstaben prangt auf jedem Mantel „Nothing Changes", nichts verändert sich.

„Wie all meine vorherigen Kollektionen auch, so ist diese Kollektion wieder ein Kommentar über den Zustand der momentanen Modeindustrie", erklärt uns Avetisyan. „Die Hauptfrage, die ich aufwerfen wollte: Wie viel Wert hat Kreativität noch in einer von Marketing bestimmten Industrie? Deshalb habe ich mich vom Designen komplett verabschiedet und mich stattdessen darauf fokussiert, ein starkes Bild zu entwerfen, das gut auf Instagram aussieht." Die hohe Geschwindigkeit der Industrie, ein enger Produktionszeitplan, der Druck von den Einkäufern, die Oberflächlichkeit der Presse—all die Probleme, die ein Nachwuchsdesigner bewältigen muss, hat Tigran auf den Punkt gebracht.

Das Schockierende daran ist, dass das von jemandem mit so einem perfekten Lebenslauf kommt. Tigran Avetisyan hat 2012 seinen Abschluss am Central Saint Martins gemacht und sofort danach ein LVMH-Stipendium erhalten. Seine Mode ist mittlerweile bei Opening Ceremony, 10 Corso Como und Machina-A zu finden. Kann er so eine Anti-Business-Aussage trotz oder gerade wegen seines offensichtlichen Talents treffen?

Nasir Mazhar Spring/Summer 17

Mit seiner Meinung steht er bei weitem nicht alleine da. Dieses Jahr ist die Kritik am gegenwärtigen Modesystem lauter denn je geworden. Und sie kommt aus allen Ecken: von den Etablierten, den Anerkannten, den Erfolgreichen und den Newbies. Es gibt zu viele Klamotten auf der Welt und der schneller werdende Konsumkreislauf hat zu einer Wirtschafts- und Umweltkrise geführt. Es ist an der Zeit, dass die neue Generation von Designern sich eine Frage stellt: Wie können wir die Dinge anders machen? Die Jungen sitzen nicht mehr länger still und haben dieses Jahr bereits Pläne wie sie ihre Geschäfte führen, wie sie ihre Produkte präsentieren und wie sie operieren, um sich von dem belastenden und unnötigen Hamsterrad befreien zu können, vorgestellt. 

Im April hat der britische Designer Nasir Mazhar, der mit seinem Debüt 2006 neue Energie und die dringend benötigte Vielfalt in die Londoner Modeszene brachte, bekannt gegeben, dass er aufhören wird, seine Kollektionen über Zwischenhändler zu verkaufen. Das hat er bis dato in 14 Ländern getan. „Wir werden fast 100 Prozent unserer Kollektionen direkt online verkaufen", erklärt er dem LOVE Magazine. „Und wir werden einen Store haben, der jedes Wochenende offen haben wird. Wir werden einmalige Sachen und brandneue Pieces verkaufen. Wir können das produzieren, was wir möchten." Sich vom Handel zu verabschieden, stellt für Nasirs Geschäft ein großes Risiko dar. Und trotzdem glaubt er, dass er dadurch eine größere Freiheit erhält, experimentellere, qualitativ gute Produkte in seinem eigenen Tempo zu produzieren, anstatt große Mengen von kommerziellen erfolgreichen Kleidungsstücke mit seinem eigenen Logo herzustellen. „Ich persönlich finde, dass die Mode wieder richtig eigenständig werden muss. Ich will, dass die Leute wieder progressive Dinge entwerfen, die zum Nachdenken anregen, statt in diesem existierenden System eingesperrt zu sein", so der britische Designer.

Die Londoner Designerin Claire Barrow hat die Entscheidung getroffen, bis auf Weiteres keine saisonalen Kollektionen mehr auf der Fashionweek zu präsentieren und sich stattdessen auf ihr Handwerk zu konzentrieren. „Claire wird auch weiterhin an einer Bandbreite eigener kreativen Projekte arbeiten", teilte die Designerin in einer Pressemitteilung mit. „Sie freut sich auf die Chance, sich Gedanken darüber zu machen, wie ihre Arbeiten präsentiert werden und wie sie das auf ganz unterschiedliche Wegen weiterentwickeln kann, jedoch momentan außerhalb des Schauenplans." Barrows DIY-Kreationen, die an kulturelle und politische Debatten anknüpfen und voller Energie der Jugendkultur stecken, haben schon immer die Grenze zwischen Mode und Kunst ausgelotet. Die Londoner M. Goldstein Gallery hat ihr im April sogar eine Einzelausstellung gewidmet. Ihre Entscheidung wirft wieder die Frage auf, ob die Unterscheidung zwischen kreativen Gebieten wirklich notwendig ist? Ist die hohe Geschwindigkeit der Modewelt wirklich all die psychischen Auswirkungen wert? Für Barrow lautet die Antwort: definitiv nein.

Vetements Spring/Summer 17

Natürlich darf man bei diesem Thema die beiden Visionäre Demna und Guram Gvasalia nicht vergessen, die die Industrie sowohl kreativ als auch kommerziell herausfordern. Vetements hat seine letzte Show in einer Pariser Luxus-Shopping-Mall während er Haute-Couture-Woche abgehalten. In dieser Show hat das Label ihre Menswear und Womenswear kombiniert und auf einem Laufsteg gezeigt und ihre Kreationen zusammen mit denen von vielen anderen Marken, von Reebok bis Manolo Blahnik, präsentiert. Ihr Erfolg ist der Beweis, dass die jahrhundertalte Hierarchie langsam bröckelt. Demna Gvasalia duckt sich nie davor weg, das Tempo der Mode und die schiere Masse an produzierter Kleidung zu kritisieren. „All die Luxusmarken der großen Konzerne versuchen, wie Zara zu sein. Das ist absurd und unmöglich", sagte er in einem Interview mit 032c. „Was bei all dem verloren geht, ist der Sinn dafür, dass etwas Zeit braucht. Man muss darüber nachdenken dürfen, ob die Kunden wirklich das x-te Kleid brauchen, das man gerade entwirft, oder ob es nicht nur deswegen produziert wird, weil irgendein Brand Manager glaubt, dass es in den Stores hängen muss. Am Ende landet es dann im Sale oder wird verbrannt. Das gehört zu den vielen Fragen, die wir uns gestellt haben, als wir Vetements gegründet haben." Um die immer populärer werdende Marke unabhängig und einzigartig zu halten, arbeitet Vetements mit einer Begrenzung der Händler. Auch die Kollaboration mit 18 Marken für ihre neueste Kollektion (Brioni für Anzüge, Comme des Garçons Shirt für Shirts, Manolo Blahnik für Highheels, Schott für Lederjacken, Alpha Industries für Bomberjacken etc.) kann auch als Hommage an das oft unterschätze Handwerk der Schneiderkunst interpretiert werden und als Wertschätzung, was das alles für sich tolle Sachen sind, die Gvasalias Team zwar neu interpretiert hat, die es aber bereits gibt.

Wir erleben die Zeit der großen Krise des Kapitalismus, in der alles billiger und schneller produziert wird, als es tatsächlich sollte. Das ist zum Teil unsere Schuld. Wir sind trainiert darauf, zu wollen, zu bekommen und wegzuschmeißen, um Platz für Neues zu schaffen. Noch ist es nicht zu spät, das zu ändern. Investiert in Integrität und Kreativität! Schätzt die Sachen, die ihr ersteht! Unterstützt Designer bei ihren Bemühungen, etwas zu ändern! Dame Vivienne Westwood hat die neue Kundenphilosophie einmal trefflich zusammengefasst: „Weniger Konsum, gute Auswahl und Langlebigkeit. Qualität zählt - nicht Quantität". Wir denken kaum darüber nach, was das für Auswirkungen auf die Leute hat, die in der Mode arbeiten. Deshalb müsste es an die Adresse der Modeindustrie gleichlautend heißen: Weniger Produktion, gute Verarbeitung, Langlebigkeit. Qualität zählt—nicht Quantität.

Credits


Text: Anastasiia Fedorova