alles, was du übers frausein wissen musst, kannst du von kristen mcmenamy lernen

Für Rookie-Magazin-Autorin Laia Garcia steht die in Puerto Rico aufgewachsene Kristen McMenamy für eine andere Art von Schönheit in der Welt. Alles, was Laia über das Frausein weiß, hat sie von Kristen mit ihren extrem kurzen Haaren, markanten Ponys...

von i-D Team
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19 November 2014, 2:35pm

Juergen Teller

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zum ersten Mal auf Kristen McMenamys Existenz aufmerksam wurde. Irgendwie scheint sie immer da gewesen zu sein, wie sie mich von den Seiten der Fashion-Magazine anstarrt, ein Mysterium, das ich verzweifelt zu ergründen versuchte. Sie hatte diese sonderbare Art an sich, eine Schönheit wie ein Spagat zwischen klassischer Schönheitskonvention und maskuliner Energie, die sie in Sekundenschnelle androgyn erscheinen ließ. Manchmal hatte sie keine Augenbrauen. Ich frage mich, wie es wohl ist, Kristen zu sein.

Mitte der 90er war ich das schlaksige Schulkind, lange Arme und Beine, und meine Brüste haben keine Anstalten gemacht, demnächst mal zu wachsen. „Oh ja, erzähl mir mehr über deine Probleme", denkst du jetzt vielleicht und rollst mit den Augen, aber in Puerto Rico, wo ich aufgewachsen bin, hätte das nicht weiter vom Schönheitsideal entfernt sein können. Unsere Zeitschriften und TV-Sendungen sind voller draller Frauen, die mit ihren enormen Titten und Ärschen in winzigen Bikinis herumposen, sich im Sand räkeln oder in hautengen Glitzer-Ensembles herumtanzen. Da hätte ich genauso gut ein Junge sein können.

Und dann kam Kristen. Kristen mit kurzen, schwarzen Haaren und markantem Pony. Kristen ohne Augenbrauen. Da ist Kristen, die durch Steven Meisel unsterblich gemacht wurde, in einem Nirvana-T-Shirt sitzt sie neben Naomi, kuckt direkt in die Kamera und in deine Seele, wie ein fremdartiges Alien, das versucht herauszufinden, wie die menschliche Rasse funktioniert. Da ist die splitternackte Kristen, nur Versace ist Lippenstift auf ihren Bauch gekritzelt, ein Herzchen drumherum. Ihre Haare sind zerzaust und sie hat eine Zigarette im Mund. Sie ist sehr ernst und ihre Nacktheit ist wie eine Waffe. Sie hat eine Narbe am Bauch und wenn du sie zu lange anstarrst, haut sie dir womöglich aus dem Foto heraus eine rein.

Ich versuche heute noch, nackt genauso stark auszusehen.

Irgendwann im Frühling 1995 blätterte ich durch eine Zeitschrift und sah da eine sich räkelnde Kristen, allein im Garten einer herrlichen Villa, Glamour ergießt sich über sie, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Auf einem Bild trägt sie einen zweiteiligen schwarzen Anzug und streicht sich mit einer Hand durch die Haare. Sie ist aufgebracht, aber ihr Ärger löst sich in Schönheit auf. In einem anderen trägt sie ein hautenges mintgrünes Kleid; sie ist über einen Tisch gebeugt, auf dem ein Hündchen sitzt und schaut hoch, als ob sie gerade von jemandem gerufen wurde. Genau dieses Bild hat sich für immer in mein 10-jähriges Gehirn gebrannt - eine prachtvolle Version von Weiblichkeit. Ich riss die Seiten aus dem Magazin und klebte sie an meine Wände. Ich erinnere mich noch an ihrer Kurven und Winkel, anmutig wie eine Ballerina mit einem vergleichbar schlanken und muskulösen Körper. Kristen verlieh ihrer Sanftheit harte Kontur. Die Werbekampagne der folgenden Saison brachte zeigte ihre Stärke als wäre sie eine Explosion. Ihre Haare waren rot mit einer blonden Strähne, sie war frontal, mittig und im weiten Winkel in einem roten Anzug zu sehen, vornüber gebeugt versuchte sie ihren Körper auf die Seite zu drängen, die sie gerade so unterbringen konnte. Wie soviel Dynamik auf einem Bild enthalten sein konnte, es war mir ein Rätsel. Und wieder habe ich die Fotos ausgeschnitten, aber diesmal klebte ich sie als Collage auf meine Schulhefte. Wenn dann wieder mal ein Junge in der Schule zu mir sagte, dass mein Schwarm mich hässlich findet, dann musste ich nur Kristen auf meinen Heften ankucken und daran denken, noch ein wenig länger durchzuhalten. Bis mein seltsamer Körper eines Tages nicht mehr als missgestaltet empfunden wird.

Kristen war für eine Weile verschwunden und ich wurde älter. Wenn ich mich jetzt in Erwachsenen-Situationen wiederfinde, fallen mir all die kleinen Sachen von ihr wieder ein, die ich mir einmal eingeprägt hatte. Obwohl ein Model in Magazinen hauptsächlich vom Fotografen und Creative Director dirigiert wird, schaffen es die richtig guten, etwas von ihrer Persönlichkeit zu injizieren - ob sie nun ganz in der Rolle aufgehen oder allem nur ihren verrückten oder charmanten Unterton verleihen. Kristen kann all das und deshalb wurde sie auf eine Art mein Vorbild, während ich versuchte, Frau zu sein. Ich habe High Heels getragen in perfekter Positur, die Jacke über die Schultern drapiert, mein Becken immer etwas angekippt, dabei eine Zigarette geraucht, mit perfekt manikürten Händen, und kämmte meine Wimpern sorgfältig mit den Fingern, gleich nachdem ich Mascara aufgetragen hatte, damit sie so weit offen und imposant wie möglich blieben. Das sind alles Dinge, die ich von ihr gelernt habe. Alles Dinge, die wie eine Kuscheldecke der Sicherheit für mich waren.

Und dann kam sie zurück. Buchstäblich wie eine Hexenkönigin, der durch die Hand Gottes oder Satans oder von beiden ein außergewöhnliches, übernatürliches Ereignis widerfahren sein muss, mit langen, silbernen Haaren und einem Gesicht, dessen Schönheit und Stärke noch offensichtlicher geworden war. Wie ein neugeborenes Wesen, wirkte sie auf Bildern jetzt noch stärker und rätselhafter, gräbt sie sich ihren Pfad durchs Leben und hinterlässt dabei eine Fährte von noch drastischeren Bildern und Augenblicken. Es geht nicht ums „würdevoll Altern", das nur ein anderer Ausdruck dafür ist, den Mund zu halten und darauf zu hören, was einem gesagt wird. Indem sie sich voll eingesteht, wer sie ist, und sich ganz dem Lauf des Lebens hingibt, forciert sie die Macht der (menschlichen) Natur. Bisher habe ich es noch nicht erreicht, mich in meiner eigenen Haut derart wohlzufühlen, aber es macht mir Mut, zu wissen, dass es einen Weg gibt, das System zu durchbrechen. Dass ich stark sein kann, ohne an Weiblichkeit einzubüßen. Dass ich ein Spinner und trotzdem erfolgreich sein kann, dass ich Zeit habe, zu meinem ultimativen Selbst zu gelangen. Das Beste sind natürlich meine vielen Bilder von Kristen, an denen ich mich erfreuen kann, bis ich dort angekommen bin.

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Credits



Text: Laia Garcia, Rookie-Magazin
Fotos: Juergen Teller

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