Emerald Rose Whipples Bilder sind wie ein Streetstyle-Blog von Monet

Die Bilder dieser Malerin sehen aus wie Fotos.

von Sarah Moroz; illustrationen von Emerald Rose Whipple
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Sep. 8 2015, 1:11pm

Emerald Rose Whipple hat ihr Studio in Chinatown, in der Nachbarschaft der Manhattan Bridge. Züge ruckeln regelmäßig vorbei ("Es ist wie die Schulklingel", sagt Whipple über das laute, rhythmische Geräusch), dennoch vermittelt ihr Arbeitsplatz ein Gefühl von Stille und Ruhe. An der Wand hängt ein Moodboard für ein Shooting, das im Magazin Transmission erscheinen soll. Auf dem Fensterbrett liegen Muscheln, Silberohrringe, Charms und Steine - Andenken an ihre Eltern, die Schmuckhändler sind. Eine Armada aus akribisch ausgeführten Ölgemälden hängt senkrecht an der Wand: Bilder von üppigen Landschaften, verblüffend realistische Porträts und Bilder von Freunden, die ein "Schnappschuss"-Gefühl mit einer gekonnten, pastoralen Pinselführung des 19. Jahrhunderts verbinden. Unter den Freunden sind die Gesichter der Models Samantha Gradoville und Hanne Gaby Odiele zu erkennen.


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Wir trafen die Malerin und sprachen mit ihr über ihre Westküsten-Herkunft, was sie inspiriert und wieso sie die Kunstwelt der Modeindustrie vorzieht.

Woran arbeitest du im Moment?
Ich beende gerade die Arbeiten an Landschaftsbildern von Hawaii, wo ich aufgewachsen bin, für meine Ausstellung in Belgien, die bald eröffnet. Die beiden Decken sind auch für die Ausstellung, es wird eine Art abstrakte Installation. Die Decken lege ich unter die Bilder auf den Boden, der Besucher soll sich auf sie draufsetzen. Das ist dann so, als ob man am Meer oder im Wald ist - eine Montage meiner Kindheitserinnerungen.

Ich arbeite außerdem an Schnappschüssen von meinen Freunden. Das wird eine umfangreichere Bilderreihe. Ich schätze, dass ich ungefähr Hunderte Bilder zusammengestellt habe, ich die malen möchte. Sie haben etwas mit Mode zu tun.

Sie erinnern aber auch sehr an Impressionismus und Pointillismus.
Ja! Als ob Monet jetzt Streetstyle malen würde.

Erzähle mir mehr über deinen Hintergrund.
Ich wurde im Norden Kaliforniens geboren, meine Eltern sind dann nach Kauai gezogen, wo ich bis zur Highschool gelebt habe. Mein Vater ist ein Hippie-Surfer-Typ und immer auf der Suche nach dem endlosen Sommer. Meine Eltern waren Schmuckhändler.

Nach der Highschool habe ich Modedesign am Pratt Institute studiert und dann in Modeindustrie gearbeitet, ich wollte dann aber weg, um mich ganz auf die Malerei konzentrieren zu können. Ich habe im Schuhdesign-Team für Marc Jacobs gearbeitet, danach im Großhandel und Einkauf bei Acne, dann war ich für eine Weile bei Proenza Schouler.

Wieso wolltest du aus der Modeindustrie raus?
Die Industrie ist sehr aggressiv. Der kommerzielle Aspekt von Modedesign macht mich fertig, weil es ansonsten so viel Schönes im Modedesign gibt. Haute Couture hat mich wirklich interessiert: die Qualität, die Stoffe, die Perlenstickereien und die Detailarbeit, die in die Herstellung einfließt. Es ist nicht so wie 'Hosenröcke sind diese Saison in; jeder macht Hosenröcke. Céline verkauft Hosenröcke, also lasst uns Céline kopieren', und alles ist letztlich dasselbe. Einige der Leute sind auch echt anstrengend. Deshalb habe ich im Dezember 2012 mit dem Malen angefangen - als Ausgleich.

Wie hat sich seitdem dein Stil weiterentwickelt?
Die Bilder waren damals noch weich, luftig und vielschichtig. Die Pinselstriche sind breiter und freier geworden. Es gibt dann noch die Pixel-Gemälde. Sie fühlten sich irgendwann sehr kontrolliert an, ich wurde fast manisch, wohin die Tupfer nun kommen müssen. Jetzt versuche ich fließender zu sein und diesen sehr verpixelten Bildern ein Gegengewicht zu geben, aber gleichzeitig dieselbe Bildsprache beizubehalten. Ich habe auch mit Model Schrägstrich Fotograf Dylan Forsburg an gemalten Fashion-Editorials zusammengearbeitet. Ich versuche, meine Freunde einzufangen, und aus ihnen mehr als nur ein Foto zu machen. Fotos sind in unserer Zeit zu einem Wegwerfprodukt geworden. Freunde von uns geben kostenlose Magazine heraus und verteilen sie in der ganzen Stadt. Die Magazine sind eine einfache, natürliche Verbindung zwischen Kunst und Mode.

Was inspiriert dich?
Ich schaue mir Gemälde aus dem frühen 20. Jahrhundert an. Ich habe den Eindruck, dass es in diesem Jahrhundert eine große Lücke gibt, in der niemand wirklich Menschen gemalt hat - bis in die 1990er mit Elizabeth Peyton und Lucian Freud. Meine Bilder spiegeln unsere Zeit - besonders unsere Generation - wider. Ich kann in 20 Jahren zurückblicken und sagen 'Wow, mit den Leuten habe ich damals abgehangen!'

Fällt es dir schwer, dich von Bildern zu trennen? Gerade mit der sentimentalen Verbundenheit, weil Freunde als Motive dienen?
Ja, es ist schon schräg. Es gibt einige Bilder, die mich nicht loslassen. Die schicke ich meinem Vater und sage ihm, dass er sie sich für eine Weile anschauen soll. Das Wesen einer Person einzufangen, ist ein sehr intensiver Prozess. Es ist ein Teil von mir, was da an der Wand hängt.

Gehst du regelmäßig in Museen oder Galerien?
Das ich in Uptown New York gearbeitet habe, ich bin jeden Tag in der Mittagspause ins Whitney oder ins Met gegangen und habe mich einfach für eine Stunde vor irgendein Bild gesetzt. Im Metropolitan Museum habe ich am längsten vor Balthus' Thérèse träumend gesessen. Ein Schulmädchen, das schläft und träumt - das versuche ich auch zu verkörpern. Ich liebe den Schaffensprozess von Chuck Close, er ist unglaublich. Ich liebe auch die Kunst von Richard Phillips.

Du hast so viele Bücher aus unterschiedlichen Disziplinen. Dash Snow, Mary Cassatt, Das tibetische Totenbuch, Psychologiebücher, Henry Miller und You and the Psychic Within mit Dali auf dem Cover.
Das habe ich in einem Buchladen in Ojai gefunden! Viele meiner Landschaftsbilder drehen sich um Energie, Kristalltherapie, Bewusstsein und das ganze weite Gebiet der Existenz. Bevor ich male, meditiere ich, damit ich ausgeglichen bin und meine Negativität nicht in meine Kunst transportiere, weil man das merken würde. Ich möchte, dass meine Bilder heilige Oasen sind, in denen sich die Leute sicher verlieren können.

http://www.emeraldwhipple.com/