MICHAEL LAVINE CLUB KIDS AT LIMELIGHT, 1992. (Im Uhrzeigersinn von links) JULIE JEWELS, WALTPAPER, DJ KEOKI, SACRED BOY, BJÖRK, LIL KENI, KEDA, REIGN VOLTAIRE. COPYRIGHT MICHAEL LAVINE. ALL RIGHTS RESERVED.

Seltene Fotos der New Yorker Club Kids aus den 90ern

"Wir haben uns nicht über einen Bildschirm definiert, sondern unsere Identitäten wortwörtlich am Körper getragen."

von Brittany Natale
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27 November 2019, 4:58pm

MICHAEL LAVINE CLUB KIDS AT LIMELIGHT, 1992. (Im Uhrzeigersinn von links) JULIE JEWELS, WALTPAPER, DJ KEOKI, SACRED BOY, BJÖRK, LIL KENI, KEDA, REIGN VOLTAIRE. COPYRIGHT MICHAEL LAVINE. ALL RIGHTS RESERVED.

Bevor es Influencer gab, waren Club Kids die Ikonen der Popkultur. Eine Gruppe Jugendlicher, die durch ihre Auftritte in New Yorker Nachtclubs und Modekampagnen bekannt wurde. In seinem neuen Buch, New York: Club Kids, blickt der Schmuckdesigner und Künstler Walt Cassidy aka Waltpaper zurück auf jenes bunte und aufregende Leben. Ein Leben, das von unglaublichen Partys und extravaganten Outfits bestimmt wurde.

Unzählige der Bilder wurden noch nie abgedruckt, darunter auch solche von Björk im Club, Porträts von Chloë Sevigny und Polaroids von Amanda Lepore. Doch das neue Buch von Waltpaper ist mehr als das Abbild wilder Partys. Die Club Kids schufen Safe Spaces, in denen sie das Konzept der Geschlechterfluidität und ihre Sexualität erforschen konnten. Sie setzten sich dafür ein, sich auszuprobieren und förderten ein tiefes Gemeinschaftsgefühl – besonders für marginalisierte Gruppen. Schon damals haben diese Club Kids den Weg für Gespräche geebnet, die wir heute noch führen.

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Die Club-Kultur der 90er Jahre schuf integrative Räume. Warum waren diese Orte so wichtig?
Sie waren sicher. Es gab immer ein Team von Sicherheitskräften, das uns vor den Menschen 'außerhalb' und auch untereinander beschützt hat. Es war unglaublich befreiend uns anzuziehen, wie wir wollten. Zu tanzen, wie wir wollten. Mit allen Drogen zu experimentieren, ohne verfolgt zu werden. Als Teenager wurden wir schon angegriffen, nur weil wir auf der Straße liefen. Früher, von der Grundschule bis zur High School, wurde mir ständig ins Gesicht geschlagen. Manchmal wurde ich sogar mit Eiern beworfen. Aber etwas in mir ging immer einen Schritt weiter, wollte sich nicht verstecken.

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Joseph Cultice, Sara K. in High Times, 1994. Copyright Joseph Cultice. All Rights Reserved.

Als ich in New York ankam und diese großartigen Club-Räume betrat, fühlte ich mich sicher und blühte auf. Selbst wenn du kein Club-Kind warst, hast du diese Gruppe von Menschen angesehen und wusstest: das ist Freiheit. Selbst für das Kind aus dem Außenbezirk waren wir ein Beispiel für ein freieres Leben. Wir wurden wegen unserer Kreativität eingestellt und hatten Geld, auf das wir uns wöchentlich verlassen konnten. Als die Mega-Clubs in New York geschlossen wurden, war die eigentliche Tragödie, dass so viele kreative Menschen ihre Arbeitsplätze verloren. Schauspieler_innen, Musiker_innen und Maler_innen hat es besonders stark getroffen. Sie finanzierten ihre Kunst durch das Einkommen aus den Nachtclubs.

Was glaubst du, wäre anders gewesen, wenn die Club Kids der 80er und 90er Zugang zu der heutigen Technologie gehabt hätten?
Ich denke, jede Generation trägt eine ähnliche Energie in sich. Junge Menschen sind so gestrickt, dass sie die Werkzeuge nutzen, die ihnen zu ihrer Verfügung stehen. Wir hatten kein Social Media, dafür aber Talkshows, die wir ähnlich wie Instagram nutzten. Wir hatten unsere Profile so weit vervollständigt, dass wir in Sendungen eingeladen wurden. Ähnlich wie Influencer heute mussten wir auch damals unsere Identitäten pflegen und ein eigenes Publikum anlocken. Wir hatten Nachtclubs und lebten in einer analogen Welt. Wir haben uns nicht über einen Bildschirm definiert, sondern unsere Identitäten wortwörtlich am Körper getragen. Aber es ist immer noch der gleiche Prozess: Junge Leute verstehen die Idee ihrer Identität als Marke.

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Adolfo Gallela, Lil Keni and Waltpaper at Webster Hall, 1995. Copyright Adolfo Gallela. All Rights Reserved.

Kannst du uns mehr über die Bedeutung von Mode für Club Kids erzählen?
Das Schöne an New York City damals war sein Reichtum an Materialien. Die Club Kids prägten den Begriff der Einwegmode. Wir haben keine Looks kreiert, die dazu bestimmt waren, öfter getragen zu werden. Alles war nur für diese eine unvergessliche Nacht. Das war ein großer Kontrast zu der Art und Weise, wie die Menschen in den 80er Jahren an Mode herangegangen sind.

Konntest du etwas davon behalten?
Was ich behalten konnte, sind die Fotos.

Club Kids beeinflussen auch heute noch die Kultur. Was hat sich verändert?
Der größte Einfluss ist die Idee, dass Identität eine Marke ist. Wenn du eine kreative Stimme warst, warst du entweder Performer_in oder Künstler_in. Du musstest eine greifbare Manifestation deiner Kreativität haben oder zumindest ein Produkt anbieten können. Ich denke, die Menschen kämpfen noch heute damit, was das genau bedeutet. Ich denke auch, dass wir das Geschlecht als fließend anerkennen. Wir müssen andere Menschen nicht definieren und unsere sexuellen Vorlieben preisgeben. Damals hatten wir diese Begriffe noch nicht. Wir haben sie nur improvisiert, intuitiv gehandelt. Es ist so aufregend zu sehen, dass sich das Gespräch und die Sprache rund um Themen wie Gender so weiterentwickelt haben.

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Joseph Cultice, Chloë Sevigny in High Times, 1994. Copyright Joseph Cultice. All Rights Reserved

Wie sah eine typische Nacht für euch aus?
Viele dachten, wir seien rücksichtslose Hedonisten, die sich einfach durch die Nacht treiben ließen. In Wirklichkeit wurden wir von den Nachtclubs angeheuert. Es gab Teams von PR-Leuten, Fotograf_innen, Lichtmenschen, Securities – alle Arten von Management hinter den Kulissen. Wir hatten unsere eigenen Büros in den Clubs, in die wir tagsüber gingen, um Veranstaltungen zu planen. Und sogar ein eigenes Magazin.

Unsere Club-Nacht war normalerweise ziemlich voll. Es war auch nicht ungewöhnlich, an einem Abend drei verschiedene Locations zu besuchen. Nachdem wir unsere Looks perfektioniert haben, sind wir ins Fotostudio gegangen. Die Bilder wurden dann für das Magazin, Werbeflyer und als Pressefotos verwendet. Danach mussten wir oft zu einer Outlaw-Party. Diese fanden meist am frühen Abend statt, um Energie und Hype zu erzeugen. Die Strategie war immer: Wie bringen wir die Leute vor ein Uhr morgens in die Clubs? Der Höhepunkt jeder Outlaw-Party war die Polizei, dann rannten wir in den Nachtclub, in dem wir arbeiteten. Wir sollten die Partygäste dorthin navigieren, wo der Spaß anfing. Danach ging es für uns zu einer After- oder einer anderen Outlaw-Party. Oder wir trafen uns alle in einem der Club-Kids-Häuser. Damals gab es zwei große mit mehreren Stockwerken, hier lebten wir zusammen. Das ist etwas, das die wenigsten über Club Kids wissen: Wir waren eine Familie.

Was würdest du jungen Kreativen gerne mit auf den Weg geben?
Ich sage Künstler_innen immer, sie sollen ihr Archiv pflegen. Mit zunehmendem Alter wird es zu deiner Währung. Arbeiten aus deinen frühen Zwanzigern sind die, die du für den Rest deines Lebens gebrauchen wirst. Junge Leute neigen dazu, wegziehen zu wollen. Sobald sie erwachsen sind, erkennen sie, dass sie immer an dem Ort waren, wo sie von Anfang an sein sollten. Auch ich habe damals so gedacht. Dabei ist es wichtiger, die Reise zu genießen und zu erkennen, dass du dich als Person immer weiterentwickeln wirst.

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Jojo Americo (Field), Connie Girl with mural by Martine at Patricia Field (Polaroid), 1990. Copyright Jojo Americo (Field). All Rights Reserved.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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