Bild über The Sims Forums

Wie Videospiele dabei helfen, die eigene Queerness zu erforschen

Passend zur neuen Ausstellung 'Rainbow Arcade' im Schwules Museum Berlin untersucht Autor Jake Hall, wie die virtuelle Welt zum Zufluchtsorts für die Menschen wurde, die sich nicht im heteronormativen Mainstream wiederfinden.

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28 Januar 2019, 11:57am

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Eine der intensivsten Erinnerungen an meine Teenager-Jahre ist meine Besessenheit mit Desperate Housewives. So besessen, dass ich mir das – zugegebenermaßen furchtbare – Computerspiel zur Serie kaufte. Es war ein bisschen wie The Sims nur mit einer schlüpfrigeren Handlung. Aber ich war nicht daran interessiert, Susans verbrannte Käse-Makkaroni nachzukochen oder mir auszumalen, wie ich am besten meine Nachbarn killen könnte. Nein, stattdessen habe ich viel lieber (und vor allem sehr regelmäßig) den attraktiven Handwerker Mike Delfino verführt. Als ich dann mit The Sims angefangen habe, habe ich meine Zeit nicht damit verbracht, komplette Familien im Pool zu ertränken (du kannst es nicht leugnen!), sondern die extravagantesten Charaktere zu designen, die sich meine Fantasie ausmalen konnte. Damals war es mir zwar nicht bewusst, aber es waren die ersten frühen Momente, in denen ich meine Queerness virtuell erforschte.

Wir leben in einer Welt, die Heterosexualität als Norm ansieht, deswegen tendieren Videospiele dazu, diese Dynamik zu kopieren. Das ist wohl auch der Grund, warum so viele von uns immer noch in Ekstase geraten, wenn ein neues Release von The Sims vor der Tür steht – endlich können wir wieder unsere eigenen Welten und Geschichten erfinden. "Ich habe so viel über Gay Sims zu sagen", scherzt Izzy Jagan, die momentan im PR-Sektor arbeitet und ein großer Fan von Videospielen ist. "Wie oft findet man schon Narrative, in denen queere Menschen die Möglichkeit haben, banale häusliche Aktivitäten zu machen? Waschen? Kochen? Heiraten?! In The Sims können wir das!"

Andere Spiele wie Mass Effect oder Dragon Age, die beide vom progressiven Entwickler BioWare kreiert wurden, "erlauben" ihren Charakteren in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu sein, während Protagonisten wie Poison (Street Fighter) und Birdo (Mario) scheinbar als Trans-Personen angelegt wurden (auch wenn die Repräsentation von Poison einige Kontroversen und sogar Beschuldigungen der Transphobie ausgelöst hat). The Sims bleibt trotzdem die höchste Instanz für queere Gamer – für Izzy sind es besonders die umfangreichen Gestaltungsoptionen, die es ihr erlauben, sich repräsentiert zu fühlen. "Es hat meine Seele unglaublich beglückt, als ich einen Teil meiner Selbst in einer Handlung gesehen habe, die ich liebe. Nun ja, ich sage einen Teil – ich bin eine queere, braune Immigrantin in der zweiten Generation. So weit sind wir dann doch noch nicht!"

An einen Punkt zu gelangen, an dem alle in ihrer ganzen wunderbaren Einmaligkeit repräsentiert werden, benötigt Entwickler, die eine politische Haltung beziehen. In anderen Worten: Die es riskieren, Leute anzupissen, um einen wirklichen Fortschritt zu erreichen. Der Journalist Jordan Emery hat diese Thematik in einem Artikel für das unabhängige, queere Magazin FRUITCAKE aufgegriffen, in dem er seine bittersüße Beziehung zum Gaming erklärt. "Die Motivation, den Artikel zu schreiben, liegt in meiner Liebe fürs Gaming begründet, auch wenn ich mich selbst in den Spielen nicht repräsentiert fühle", schreibt er via Mail. "Ich wollte erforschen, wie wir es schaffen können, dass queere Belange bezüglich des Narrativs ermöglicht werden, besonders wegen der häufig negativen Gegenreaktionen von Gamern auf Spiele, die einen politischen Standpunkt vertreten."

Diese Haltung ähnelt stark der von Izzy, die sich selbst in der eskapistischen Fantasiewelt von Spyro – "eine queere Ikone" – verloren hat. Tiere und Fantasiecharaktere wurden von queeren Gamern schon lange dankbar angenommen, man denke nur an Pokémon. Der Grund ist leicht zu erkennen: Ditto ist ein amorphes Ding, das seine Gestalt ganz nach Belieben ändern kann. Jynx ist die stärkste animierte Drag-Queen aller Zeit. Und die beiden Muskelprotze Gyarados und Machoke sind die geheime Fantasie von Baby-Gays weltweit.

"Wenn ich in der Schule gemobbt wurde, kam ich nach Hause, habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen und konnte von einer magischen Insel zur nächsten schweben, ohne auch nur eine Sekunde an die Realität denken zu müssen."

Es gibt auch eine langgehegte Theorie, dass schwule Männer dazu neigen, weibliche Figuren auszuwählen – etwas, das auch ich während meiner Kindheit tat. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in dem Hyper-Maskulinität großgeschrieben wird. So groß, dass diese Erwartungen und Standards erdrückend auf mich wirkten. Wenn ich dann Charaktere wie Nina aus Tekken oder Princess Peach aussuchte, konnte ich stellvertretend Femininität erforschen und meine Idee in Einklang bringen, dass Menschen stark sein können, ohne in die hyper-maskuline Blaupause zu passen.

Izzy beschreibt ein ähnliches Zusammengehörigkeitsgefühl mit Spyro. "Spiele mit Menschen als Protagonisten haben mich nie wirklich interessiert", erinnert sie sich. "Aber ein Drache?! Ich nehme zehn davon. Ich könnte eine Dissertation über das 'monströse Andere' schreiben, aber es wäre falsch zu behaupten, dass ich auch nur die geringste Ahnung davon hatte, als ich acht Jahre alt war. Was ich mit Bestimmtheit weiß? Dass dieses kleine, queere, braune Mädchen mit dem komischen Hirn mehr von sich in einem lila Drachen wiedererkannt hat als in Solid Snake."

Eskapismus ist das, was Gaming so großartig macht. Wenn ich in der Schule gemobbt wurde, kam ich nach Hause, habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen und konnte von einer magischen Insel zur nächsten schweben, ohne auch nur eine Sekunde an die Realität denken zu müssen. Aber so wichtig Fantasie auch ist, genauso essenziell ist es für Spieleentwickler darüber nachzudenken, wie unsere Leben tatsächlich repräsentiert werden können.

Unabhängige queere Entwickler sind federführend an dieser Front. Die Spiele von Robert Yang, besonders The Tearoom, statuieren hier ein Exempel – Gamer müssen sich durch die Gefahren navigieren, die das Cruising auf öffentlichen Toiletten mit sich bringt. Nach einer Reihe elektrisierender Treffen mit potentiellen Sex-Partnern wirst du irgendwann mit dem Anblick belohnt, dass deine Eroberung langsam seine Hose öffnet – doch statt seinen Penis zu entblößen, kommt eine Knarre zutage, an der du lutschen sollst. Nicht unbedingt eine subtile Metapher, aber sie erfüllt ihren Zweck. Dann gibt es noch Brianna Lei, deren eindrucksvolles Spiel Butterfly Soupin ihren eigenen Worten – von "homosexuellen asiatischen Girls handelt, die Baseball spielen und sich verlieben". Und nicht zu vergessen Deirdra Kiai, deren genderqueere Kriminalbeamtin Dominique Pamplemousse sichtbar macht, mit welchen ignoranten Fragen gender non-conforming Menschen tagtäglich konfrontiert werden.

Doch der wohl größte Überraschungshit der letzten Jahre ist Dream Daddy, eine Dating-Simulation, die ihren Spielern ermöglicht, aus einer Fülle attraktiver, aber gestörter Daddys ihren Favoriten auszuwählen. Da gibt es den sexy, betrunkenen Bad Boy oder den einschüchternden, wortgewandten Intellektuellen. Es gibt sogar den stolzen Goth, der ausschließlich bodenlange Ledermäntel trägt. Klingt nischig? Ist es auch. Doch der Gebrauch des queeren Worts 'Daddy' – aka die Sorte heißer, älterer Männer, die dir nicht nur Nachhilfe im Aufklärungsunterricht geben, sondern auch ordentlich den Po versohlen können – und das ironische Konzept katapultierten das Spiel an die Spitze der Online-Plattform Steam sowie in das kulturelle Bewusstsein der Mainstream Medien.

Zwar verzogen einige Kommentatoren ihre Augenbrauen und rissen unangebrachte Daddy-Jokes, aber für queere Gamer lieferte das Spiel eine neue Form der Repräsentation und gab ihnen Hoffnung, dass eine inklusive Zukunft möglich ist. Entwickler können ausgedehnte Fantasiewelten erschaffen, Monster animieren und sich fiktive Narrative ausdenken, die sogar die imaginativsten Geister überraschen. Umso verwunderlicher ist es, dass queere Gamer selbst die Initiative ergreifen müssen, um ihren Sim in eine gleichgeschlechtliche Ehe zu bugsieren oder ihre eigenen subversiven Narrative auf animierte Pokémon und süße lila Drachen projizieren müssen. Glücklicherweise gibt es eine Handvoll queerer Kreateure, die es der nächsten Generation vielleicht etwas leichter machen.

Die Ausstellung Rainbow Arcade läuft bis zum 13. Mai im Schwules Museum Berlin. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.