Lalah Delia und Annya Santana

Die Wellness-Industrie hat ein Problem mit Diversität

Drei Frauen erzählen, wie sie die Industrie zu einem inklusiven Ort für People of Color machen.

von Giselle La Pompe-Moore
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14 Februar 2019, 10:13am

Lalah Delia und Annya Santana

Ich erinnere mich noch genau, als ich kürzlich in einem Yoga-Studio lag und während des Shavasana realisierte, dass ich die einzige Schwarze Person im gesamten Kurs war. Die einzige! Ehrlich gesagt passiert mir das recht häufig, sobald ich etwas mache, das auch nur im entferntesten Sinne mit Wellness zu tun hat. Angefangen beim Kundalini-Workshop bis hin zur Frauenrunde, in der ich lerne mit meiner Yoni zu kommunizieren. Ich suchte nach Gleichgesinnten, doch fand kaum ein Schwarzes Gesicht, das zurückblickte.

Wellness und Weißsein sind in der westlichen Gesellschaft zum Synonym geworden. Der Mangel an Repräsentation und Diversität innerhalb dieser Industrie ist offensichtlich. Das beweisen Magazine und Kampagne, der Großteil meiner Kurse und die Lehrer*innen, die sie geben. Es scheint, als wäre das richtige Image, Zeit und Geld unabdingbar, um Teil der Wellness- und Gesundheitsszene zu werden. Bedenkt man die Unterrepräsentation an Menschen of Color, benötigt man scheinbar auch eine gewisse ethnische Zugehörigkeit, um mitmachen zu können.


Auch auf i-D: Diese Frauen of Color erzählen, wie es um ihre Repräsentation in der Popkultur steht ...


Ich habe mittlerweile vergessen, wie häufig ich bei meinem Hausarzt war und er mich förmlich bombardierte mit potentiellen Krankheiten, die mir wegen meiner Ethnie blühen könnten. Eine Studie der Adult Psychiatric Morbidity Survey aus dem Jahr 2014 hat herausgefunden, dass Schwarze Erwachsene die geringste Behandlungsrate bei mentalen Problemen haben. Die Wahrscheinlichkeit an Typ 2 Diabetes zu erkranken, ist bei Menschen mit südasiatischem Background sechs Mal, bei Menschen mit afrikanischer oder afrikanisch-karibischer Herkunft drei Mal höher. Addiert man diese wissenschaftlichen Fakten mit den täglichen Mikro-Aggressionen, dem Rassismus auf Social Media, mit Hassverbrechen und dem generellen politischen Klima, merkt man schnell, dass für Menschen of Color Wellness mehr als nur ein Luxus ist. Wellness bedeutet Selbstschutz für uns.

Statt darauf zu warten, dass wir eine Einladung in die Wellness-Welt bekommen, erschaffen wir uns selbst Räume und Praktiken. Websites wie Gal-Dem liefern ansprechende Berichterstattung über Mental Health und Self-Care. Auch Online-Communitys à la Black Girl in Om kreieren Content, Podcasts und Events, die speziell für Women Of Color gemacht sind. Doch die Liste der Wellness-Vorreiterinnen ist damit längst nicht vorbei.

i-D hat mit drei Frauen darüber gesprochen, wie sie mit ihrer Arbeit Wellness neu definieren und sie nach Tipps gefragt, wie der komplizierte Weg zum spirituellen Wohlbefinden gelingt.

Annya Santana of Menos Mas
Annya Santana, Foto: Justin Mariano

"Für mich war es selbstverständlich, die diverse ethnische Schönheit zu zelebrieren, die mich mein ganzes Leben umgab."Annya Santana, Gründerin von Menos Mas

"Ich bin eine Afro-Latina, die in der Bronx aufgewachsen ist. Als ich jünger war, fand ich keinerlei Repräsentation in Kampagnen, in der Werbung oder den Massenmedien. Die Welt hat mir beigebracht, dass mein krauses Haar, mein Melanin, mein gesamter Ursprung nichts wert, geschweige denn schön seien. Als ich Menos Mas gegründet habe, wollte ich die diverse ethnische Schönheit zelebrieren, die mich mein ganzes Leben umgab. Die Marke ist aus dem einfachen Grund entstanden, dass ich eine Kur für meine Akne brauchte. Heute überbrückt das Brand die Lücke zwischen Wellness und Kultur.

Als ich anfing, Wellness in mein Leben zu integrieren, merkte ich, dass ich Türen zu Orten einrannte, die nicht für mich gemacht waren. Ich erntete alle Vorzüge, besserte mich – doch auf Kosten meiner Community, Kultur und Menschen, mit denen ich mich identifizierte. Sie wurden aus meinen Erfahrungen gelöscht. Irgendwann wurde ich müde von der ganzen kulturellen Aneignung, die ich in meinen Sportkursen und unter den Wellness-Influencern bemerkte.

Es gibt eine Fülle von Informationen, die dir dabei helfen sollen, ein gesünderer Mensch zu werden, doch kommen die meist nicht bei den Leuten an, die sie am dringendsten brauchen. Unsere Stimmen, Interessen und Anliegen werden komplett vernachlässigt. Deswegen ist Menos Mas ein Ort, eine Community, um unsere reiche Kultur zu feiern und zu zeigen, wie sehr wir uns kümmern. Es ist meine Pflicht, meine Generation zu bestärken und ihr zu zeigen, dass wir die beste Version unserer selbst sein können, ohne die Verbindung zu unseren Ursprüngen zu verlieren."

Santanas Ratschlag: "Wellness ist ein Marathon, kein Sprint. Mein großes Mantra: Weniger ist mehr. Du solltest mit erreichbaren Zielen starten, die du täglich umsetzen kannst. Ist etwas erst einmal ein automatisierter Teil deines Alltags, kannst du immer weitere Schichten hinzufügen."

Lalah Delia, spiritual practitioner and wellness educator
Lalah Delia

"Ich rufe mir oft ins Bewusstsein, dass meine Vorfahren ohne das Wissen und die Freiheit auskommen mussten, die wir heute haben." – Lalah Delia, Autorin und Educator

"Als Kind afro- und latein-amerikanischer Eltern habe ich gesehen, wie beide Communitys mit voller Leidenschaft und Hoffnung danach strebten, ein gesundes und erfülltes Leben zu führen. Historisch gesehen waren es immer People of Color, die sich auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit und Angehörigen, um weiße Familie kümmerten. Wir sind die Enkel, die Groß-Enkel, die Groß-Groß-Enkel dieser erschöpften Menschen. Begründet durch Trauma und Ungleichheit, ist es in unserem genetischen Erbe manifestiert, dass wir Self-Care nicht als Priorität ansehen. Unsere Communitys brauchen denselben Zugang zum Erfolg: Zu Geist, Körper, Seele und allem anderen im Leben.

Schwarze Menschen konnten während der Sklaverei zwar Kräuter, Samen und Wissen mit sich bringen, doch dieselbe Spiritualität, die wir heute praktizieren, wurde – sobald sie Land betraten – aus ihnen herausgeprügelt. So lange, bis die meisten Medizinmänner und -frauen irgendwann tot waren. Wir müssen im Gedächtnis behalten, dass die meisten Mainstream-Modelle hinsichtlich Spiritualität und Wellness eigentlich nur das populär gemacht haben, was People of Color weltweit seit Jahrhunderten praktizieren. Wir müssen uns bemühen, diese Menschen zu inkludieren.

Als ich gesehen habe, dass so gut wie keine Repräsentation stattfindet, war ich sehr verletzt. Deswegen habe ich das Problem selbst in die Hand genommen. Zusammen mit anderen Women of Color wurde ich zu einer Brücke zwischen zwei Welten, die sich nicht immer mit offenen Armen begegnet sind. Mit klaren Signalen, Botschaften – und offenen Armen."

Delias Ratschlag für ein spirituelles Leben: "Wir atmen, wenn wir in Überlebens- und Stresssituationen geraten, jedoch nur selten in Frieden und höherer Harmonie. Viele äußere Einflüsse wirken sich auf unsere Atmung aus, deswegen rate ich, dass du runterschraubst und vollkommen atmest."

Stacie Graham OYA Retreats
© OYA: Body-Mind-Spirit Retreats

"Ich will einen Ort erschaffen, an dem Women of Color die Fürsorge bekommen, die sie sich wünschen und die ihnen zusteht." – Stacie Graham, Gründerin von OYA: Body-Mind-Spirit Retreats

"Viele Schwarze Frauen und Women of Color haben keine Orte, an denen sie sich wohlfühlen. Ein offensichtlicher Grund dafür ist, dass Wellness zu einer Multi-Milliarden-Dollar-Industrie geworden ist. Die meisten Marken und Studios kümmern sich mehr um den Profit als um das Wohlergehen ihrer Kundinnen. Viele können sich einfach nicht leisten, Yoga zu praktizieren oder Behandlungen in Studios zu buchen. Und es gibt noch einen anderen Grund: Schwarze Frauen und Women of Color nehmen sich selbst nicht als die Zielgruppe von Wellness wahr.

In jedem Industriezweig sieht man, dass Women of Color vernachlässigt werden. Große Unternehmen tun dann überrascht, wenn eine Marke wie Fenty Beauty daherkommt und ihre Produkte innerhalb weniger Tage komplett ausverkauft sind. Schwarze Frauen haben oft – egal ob im Beruf oder Zuhause – die Rolle der sich kümmernden Person. Sie verbringen ihr Leben damit, sich um alle anderen zu sorgen außer um sich selbst. Der einzige Weg das zu ändern, sind mehr Produkte, Projekte und Marken, die von uns gegründet werden, die uns kennen. Ich habe OYA Retreats vor knapp drei Jahre gegründet. Ich will einen Ort erschaffen, an dem Women of Color die Fürsorge bekommen, die sie sich wünschen und die ihnen zusteht."

Grahams Ratschlag: "Ich kann nur wärmstens empfehlen, jeden Tag eine Dankbarkeitsübung zu praktizieren. Das erinnert daran, zu akzeptieren, wo wir uns in der Gegenwart befinden, eröffnet Raum für Verständnis gegenüber vermeintlicher Defizite und hilft uns zurück auf den Zug zu springen, wenn wir runtergefallen sind. Es gibt viele Wege, Dankbarkeit auszudrücken. Du kannst kleine Notizen schreiben oder es laut aussprechen. Es ist nur wichtig, dass du es jeden Tag machst."

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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