Und warum bist du in München?

In unserer neuen Serie lassen wir Berlin Berlin sein und wollen euch Kreative vorstellen, die außerhalb der deutschen Hauptstadt großartige Dinge vollbringen. Den Anfang macht heute München.

von Juule Kay
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01 August 2017, 10:40am

Christoph, 26

Woher kommst du?
Aus München.

Was machst du?
Ich arbeite als Fotograf und Videoregisseur. Parallel habe ich gemeinsam mit einigen meiner engsten Leute eine Kreativ Agentur. Außerdem organisieren und betreiben einige Freunde und ich the Stu, ein Studio für junge Kreative, in dessen Rahmen wir bezahlbare Arbeits- und Studioplätze bereitstellen. Wir fördern jugendliche Kreative und organisieren gemeinsam Ausstellungen, Workshops und Lesungen.

Warum bist du in München geblieben?
Ich habe für kurze Zeit auch in anderen Städten gelebt, aber in München hat mein Umkreis gestimmt. München ist klein genug, um sich nicht nach völliger Großstadt mit Hochhäusern über Hochhäusern zu fühlen und gleichzeitig groß genug, um alle Vorteile einer Stadt zu haben. Ich mag die Aufgeräumtheit, die Nähe zur Natur und die kleine, aber immer lebendiger werdende Kreativszene.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
Natürlich könnte München noch viel progressiver sein. Es wird ständig über die Knappheit von Raum gejammert, aber wenn man genauer hinsieht, findet man jede Menge leerstehende Gebäude oder Flächen, die viel besser genutzt werden könnten. Aber auch das macht die Stadt interessant. Unsere Generation muss das übernehmen und München von einem durchschnittlich guten Ort, zu einer super Stadt machen. Mit vielen tollen Menschen, die mit Projekten für Integration daran arbeiten, eine fortschrittliche, vielfältige Gesellschaft zu ermöglichen. Ein paar gute Beispiele dafür sind StayWelcome e.V., Peace of Paper Workshop und Münchner Freiwillige.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Im Moment habe ich das Gefühl, dass sehr viel vorwärts geht. Es wird weniger rumgelabert und dafür mehr gemacht. Man hilft sich gegenseitig und schaut nicht argwöhnisch aufeinander. Immer mehr Leute gehen nicht den Schritt, von hier wegzuziehen, sondern bleiben, weil sie Bock haben, sich dafür einzusetzen, die Stadt und ihre Kreativszene besser zu machen.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Flosslände in Thalkirchen.

Was vermisst du an der Stadt?
Gelbe Fahrbahnmarkierungen, mehr spannende Architektur, mehr Fahrradwege, mehr Solaranlagen, mehr progressive Gastronomie, mehr Teslas und mehr generationsübergreifende Weltoffenheit.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Malik Abdoulayi, Fotograf und Stylist.

@christophschaller


Auch auf i-D: Wir haben Gosha und seine Crew in St. Petersburg besucht


Alina, 28

Woher kommst du
Ich bin in München geboren.

Was machst du?
Ich male.

Warum bist du in München geblieben?
Gar nicht so einfach zu beantworten. Ich vermute, es hat damit zu tun, dass meine Familie und meine Freunde hier sind. Wenn man ein wenig menschenscheu ist wie ich, dann ist München ein guter Kompromiss zwischen Metropole und Kleinstadt.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
Es ist sehr sauber und ordentlich, man kommt recht schnell mit dem Fahrrad von A nach B. Hervorzuheben ist die Lage und Natur in und um München — Isar, Englischer Garten, die Alpen und Seen. Da kann kaum eine deutsche Stadt mithalten.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Sie ist zwar vorhanden, wird aber an der Entfaltung gehindert. Die Mieten sind zu hoch und steigen stetig, auch die Auflagen sind streng und kompliziert. Viele Kreative gehen weg aus München, deswegen ist es eher eine kleine Szene. Auch wenn man bei Eröffnungen, Vorstellungen oder Partys meistens die gleichen Leute trifft, gibt es auch spannende Zwischennutzungen, an denen Unerwartetes passiert wie das easy!upstream, das momentan eine Villa mit zeitgenössischer Kunst bespielt. Sehr schön ist auch der Wannda Circus — dort trifft man auf Menschen, die man in München sonst lange suchen muss.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Mein Atelier, die Bibliothek in der Akademie der bildenden Künste und der Walchensee, der ist allerdings etwa eineinhalb Stunden von München entfernt. Ein klarer, tiefer, türkisblauer Bergsee. Hier hat auch der echte Heisenberg gelebt.

Was vermisst du an der Stadt?
Subkultur und bezahlbarer Raum zum Wohnen und Arbeiten. Und vielleicht ein wenig Mut, eigene und authentische Wege zu gehen.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Merkt euch die beiden Fotografen Korbinian Vogt und Saskia Groneberg sowie Neringa Vasiliauskaite und Irina Ojovan, die momentan beide an der Akademie studieren.

@alinamariabirkner

Ana, 23

Woher kommst du?
Aus Belém, das liegt im nördlichen Amazonas Gebiet in Brasilien.

Was machst du?
Ich bin gelernte Bildhauerin.

Warum bist du nach München gezogen?
Diese Entscheidung wurde mir als Kind durch meine Eltern abgenommen. Allerdings bin ich mit 17 nach Berlin gezogen, um dann nach acht Monaten zu merken, dass es mich wieder zurück nach München zieht. Wahrscheinlich, weil ich noch nicht bereit für die Härte und Lautstärke einer wirklichen Großstadt war.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
"München ist das größte Dorf der Welt" ist eine plumpe, aber dennoch sehr treffende Aussage. Jede Verbindung zwischen Start und Ziel ist in der Regel zwischen fünf und 20 Minuten erreichbar. Ganz gleich, ob man mit den Öffentlichen oder dem Rad unterwegs ist. Die Nähe zu den Bergen, das viele Grün in der Stadt und - nicht zu vergessen - die Isar geben die nötige Luft zum Atmen.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Überschaubar. Durch hohe Mieten und den Platzmangel wird es einem allerdings schwer gemacht, sich auszubreiten oder kreativ zu entfalten. Allerdings habe ich bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich durch genau diese Fassbarkeit die Möglichkeit bietet, sich untereinander zu verbinden und gegenseitig zu unterstützen.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Neben meiner Werkstatt im Container Collective genieße ich es am meisten, im Sommer bei Nacht mit meinem Fahrrad über die Theresienwiese der Bavaria entgegen zu radeln.

Was vermisst du an der Stadt?
Bezahlbaren Raum zum leben und zur kreativen Entfaltung.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Die Fotografin Milena Wohjan und den Maler Andrej Auch.

@anasaraiva

Oliver, 18

Woher kommst du?
Ich komme aus einem kleinen Ort bei Nürnberg.

Was machst du?
Ich arbeite aktuell als Creative Director unter anderem für Studio CNP. Meine eigentliche Leidenschaft ist aber mein Herzensprojekt WUNDER, ein zwei Mal im Jahr erscheinendes Magazin, das den Menschen als Wunder sieht und seine Geschichten teilen möchte. Als Chefredakteur und Herausgeber habe ich die große Freiheit, zu bestimmen wen und was ich im Magazin sehen möchte. Darüber hinaus bringt es mir unglaublich viel Freude, wunderbare Menschen zu treffen und ihnen Fragen zu stellen, um hinter Fassaden blicken zu können.

Warum bist du nach München gezogen?
Ich bin durch Zufall Teil des Co-working-Studios theStu geworden — es hat sich für mich richtig angefühlt, nach München zu ziehen und so der Pendelei am Wochenende ein Ende zu setzen.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
München gibt mir das Gefühl von Heimat. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass München im gleichen Bundesland wie meine Heimatstadt ist, oder an den schönen Flecken rund um die Isar. München ist eine Großstadt, die einem aber nicht das Gefühl von Verlorenheit oder Einsamkeit gibt, sondern mit ihrem Charme ein Gefühl von Sicherheit und Zuhause ausstrahlt.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Sie war schon immer vorhanden, gerade weil hier die großen Verlagshäuser sitzen und viele Grafik- und Kreativbüros zu Hause sind. Gerade verändert sich viel, weil es neue junge und kreative Köpfe gibt, die einen neuen Wind in die Kreativszene bringen.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Ich finde, dass es für gewisse Situationen einen bestimmten Lieblingsort gibt. Gerade bin ich gerne in meiner Wohnung, weil ich erst eingezogen bin und es noch viel zu tun gibt, was mir unglaublich Spaß macht. Wenn es um ein Feierabendbier oder einen entspannten Abend mit Freunden geht, liebe ich es, an der Isar zu sitzen oder einen Sauerbraten in dem Biergarten an der Muffathalle zu essen. Im Winter geht es dann eher Richtung Museen: Die Pinakothek der Moderne und das Brandhorst sind meine absoluten Allt-time-Favourites.

Was vermisst du an der Stadt?
Trotz der Offenheit und Freiheit vermisse ich, dass sie nicht jedem die Möglichkeit gibt, im Zentrum zu leben. In München sind die Mieten unglaublich hoch und werden immer höher. Wir haben Top-Universitäten und eine wachsende Kreativszene, aber wie soll die weiter wachsen, wenn sich irgendwann niemand mehr leisten kann hier zu leben?

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Christoph Schaller. Für mich war er schon immer präsent und ich habe ihn auch immer mit München in Verbindung gebracht.

@olivertippl

Amanda, 24

Woher kommst du?
Aus München.

Was machst du?
Ich arbeite in einer Mode-PR-Agentur und jeden zweiten Freitag starte ich mit der MAENDI Show bei Radio 80000 ins Wochenende. Hauptsächlich spiele ich R'n'B und HipHop, doch mittlerweile einfach alles, was mir gefällt.

Warum bist du in München geblieben?
Weil es meine Heimat ist und immer, wenn das Fernweh zu groß wurde, gab es Dinge, die mich doch hier gehalten haben: Die Liebe, die Freunde oder die Arbeit.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
Das Umland und vor allem die Größe. Klingt etwas komisch, aber sie ist perfekt — ein großes Dorf.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Es gibt ein Haufen toller Menschen, die viele großartige Sachen machen.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Zur Zeit das Container Collective mit dem Radio Studio.

Was vermisst du an der Stadt?
Manchmal ein bisschen Dreck.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Occupanther. Vielen Dank dafür, dass du so geile Tracks machst und ich sie in der ersten Reihe genießen darf.

@maendi

Chelo, 28

Woher kommst du?
Aus München.

Was machst du?
Ich bin Musikproduzent und habe ein eigenes Modelabel.

Warum bist du in München geblieben?
Ich hatte das Gefühl, in München mehr bewirken zu können als in anderen Städten und sehe auch die krassen Vorteile von der Lage der Stadt.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
Die Menschen hier sind sehr entspannt und gelassen. Es wird sehr geschätzt, wenn man Ideen hat und sie auch umsetzt.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Klein, aber extrem offen und gemeinschaftlich.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Orange Box — bestes Thai Curry.

Was vermisst du an der Stadt?
Ein wenig die Vielfältigkeit, die allerdings immer mehr kommt.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Für mich einer der krassesten Produzenten: LEHVI.

@iknowthatboii

Matija, 22

Woher kommst du?
Ich bin halb-slowenisch und halb-tschechisch-deutsch.

Was machst du?
Ich bin Musiker. Mein Hauptprojekt ist Matija, eine Alternative-Indie-Band. Und ab Oktober werde ich außerdem an der Musikakademie in München studieren.

Warum bist du in München geblieben?
Ich bin hier geboren und habe auch mein Leben lang hier gewohnt. Ich bin irgendwie schon immer sehr verwurzelt mit dieser Stadt gewesen.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
München ist meine Heimat. Es ist aber auch eine Stadt der Sicherheit — und das in mehrfacher Hinsicht. Man trifft wenig Leute, die bereit sind Risiken einzugehen, Menschen setzen hier viel auf soziale Akzeptanz und finanzielle Sicherheit. Es ist wie eine goldene Seifenblase und entspricht nicht dem Durchschnitt einer modernen Großstadt.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Etwas hilfsbedürftig. Es gibt viele Talente und tolle Künstler, aber wenig Möglichkeiten und wenige Orte, seine Existenz als kreativer Mensch auszuleben. Es fehlt eine bessere Infrastruktur für Künstler, längere Öffnungszeiten und mehr Räumlichkeiten, in denen man auch die ganze Nacht durcharbeiten kann.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Der Odeonsplatz. Er steht für mich für eine träumerische Intensität und einen internationalen Flair. Dort kann man sich perfekt treffen, Kaffee oder Bier trinken, Musik machen, weinen, sich verzeihen, lieben oder spazieren gehen.

Was vermisst du an der Stadt?
Das Verständnis, dass nicht alle jungen Menschen unbedingt ein Auslandsjahr machen müssen, dann BWL, Medizin oder Politikwissenschaften studieren müssen und einen Bürojob mit Rente und Einfamilienhaus haben müssen, um glücklich zu sein. Die Grundeinstellung hier ist extrem konservativ, was alternative Werdegänge angeht und das spürt man. Sicherheit geht immer vor.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Die Fotografin Marie Gryczka, die verworrene Geschichten und wilde Emotionen auf ein Foto zu malen versteht und André Meier aus der Bar The High, einer der kreativsten Barkeeper überhaupt.

@matija

Alexis, 34

Woher kommst du?
Ich komme ursprünglich aus Baden, in der Nähe von Zürich.

Was machst du?
Ich bin Grafiker und Art Director.

Warum bist du nach München gezogen?
Alles hat vor über zehn Jahren mit einem Grafik-Praktikum hier angefangen. Dann kam eins zum anderen und schlussendlich habe ich hier mein Büro aufgemacht.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
München ist unaufgeregt und gemütlich. Die Nähe zur Natur sowie die Biergartenkultur findet man sonst in keiner anderen Großstadt.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Es ist total überschaubar, aber es gibt einige tolle Kreative Köpfe, die ich sehr bewundere.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Die Glyptothek und den Ostpark, der ist riesig und nie überfüllt.

Was vermisst du an der Stadt?
Sexiness und Inspiration. Das trifft es wohl genau.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
Das DJ Duo Marvin und Valentino, unbedingt nach ihrem Label Public Possession Ausschau halten. Dann das Grafikbüro OFF, Almut Vogel, eine der besten Stylistinnen und die beiden Fotografen Sima Degahni und Julian Baumann.

@alexiszurflueh

Fritzi, 25

Woher kommst du?
Aus München.

Was machst du?
Hair- und Make-up.

Warum bist du in München geblieben?
Ich mag es hier einfach. Die Menschen um mich herum, die Freunde sind, aber mit denen ich auch arbeite. Die immer wieder neu entstehenden Orte. Das Heimatgefühl und Familie. Ich gehe bestimmt noch mal weg, aber momentan bin ich gerne hier.

Was macht München anders als andere deutsche Städte?
Schnell in den Bergen oder an Seen sein zu können. Wenn ich will, bin ich schnell aus der Stadt draußen.

Wie würdest du die Kreativszene beschreiben?
Ich habe das Gefühl, dass gerade etwas so langsam anfängt. Wir haben so viele kreative Menschen hier, natürlich auch immer jüngere. Und wenn wir uns alle trauen, in dieser Stadt zu bleiben, dann können wir auch etwas bewegen.

Dein absoluter Lieblingsort in München?
Der Deininger Weiher, auch wenn er nicht direkt in der Stadt ist und das Container Collective. Dort trifft man immer einen der üblichen Verdächtigen zum Kaffeetratsch.

Welchen Kreativen aus München sollten wir uns unbedingt merken?
FOER. Ein Label, das pflanzlich gegerbte Lederware macht.

@fritzi_feldmann

Warum Menschen in Berlin sind, erfährst du hier.

Credits


Fotos und Text: Rue Nouvelle
Produktion: Juule Kay

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