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über die meisner-methode und „looney tunes“ – im gespräch mit regisseur ira sachs

Auch mit seinem neuen Film „Little Men“ ist Ira Sachs eine rührende Hommage an das Leben, die Freundschaft und das Erwachsenwerden gelungen. Wir haben ihn während der Berlinale zum Interview getroffen.

von Schayan Riaz
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17 Februar 2016, 1:55pm

© Eric McNatt

In Little Men, dem neuen Film von Ira Sachs, gibt es eine besonders atemberaubende Szene: Ein Schauspiellehrer und sein junger Schüler brüllen sich gegenseitig an, sie schreien sich förmlich die Seele aus dem Leib. Es wird vieles wiederholt, wie es oft im Eifer des Gefechts geschieht. Der Junge schüttelt ständig den Kopf, macht einen Schritt nach vorne, dann nach hinten, er holt aus und wird immer lauter. Er will seinem Lehrer beweisen, dass er mithalten kann. Er will besser sein als sein Gegenüber.

In dieser Szene bringt der Lehrer seinen Schülern die Meisner-Methode bei. Es ist nur eine Übung und keine wirkliche Auseinandersetzung. Anders als beim Method Acting von Lee Strasberg geht es bei der Meisner-Methode nicht um die inneren Gefühle. Nein, hier muss alles raus, es geht nur noch um das externe Spiel. Es geht nur noch um das, was außen liegt.

Little Men läuft sowohl in der Panorama Sektion der Berlinale, als auch in der Sektion Generation. Es ist also ein Film für Menschen jeden Alters. Fragt man Ira Sachs beim Interview nach jener Szene, dann lächelt er erst mal. Es scheint auch für ihn ein sehr bedeutender Moment im Film zu sein. Er kann es sich aber nicht erklären, warum nach dieser Szene das Publikum in verschiedenen Screenings in Applaus ausgebrochen ist. „Ich verstehe es nicht. Es ist jetzt mehrmals vorgekommen." Vielleicht liegt es einfach daran, dass das eine so gut gespielte Szene ist? „Da ist wohl was dran. Während der ganzen Szene hat der Schauspieler ein kleines Lächeln auf den Lippen. Vielleicht sieht das Publikum einen Verbündeten in ihm. Vielleicht denken sie, mit ihm kann man mitlachen und laut klatschen."

Sein letzter Film, Love is Strange, war ein sehr berührendes Porträt eines älteren, schwulen Paares (gespielt von John Lithgow und Alfred Molina). Es war ein sehr feinsinniger und subversiver Film über LGBT-Rechte und wie es sich inmitten der Gentrifizierung Brooklyns als schwules Paar lebt. Little Men greift ähnliche Themen auf. Es handelt von den titelgebenden 13-jährigen, jungen Männern Jake (Theo Taplitz) und Tony (Michael Barbieri). Als Jakes Großvater stirbt, erbt sein Vater dessen Wohnung. Sie ziehen dort ein, direkt über dem Kleiderladen von Tonys Mutter. Jake und Tony lernen sich kennen, werden schnell beste Freunde und müssen zusehen, wie die Gentrifizierung auch in diesem Film Beziehungen zerstört. Denn auch der Laden gehörte dem Großvater und Jakes Vater und Tante wollen, dass Tonys Mutter mehr Miete zahlt.

„Dieser Film ist natürlich nicht nur ein Film über Kindheit. Es könnte genauso gut ein Film über Vaterschaft sein. Mich interessieren Themen wie Liebe und Geld. Und es ist faszinierend zu sehen, wie Geld manche Schauspieler verändern kann."

Beide Hauptdarsteller, sowohl Taplitz als auch Barbiere, sind fantastisch. Wie war die Arbeit mit Kindern? Muss man da anders vorgehen als bei erwachsenen Schauspielern? „Kinderdarsteller sind nicht so hilfsbedürftig wie ältere Schauspieler. Sie haben es einfach drauf. Ältere Schauspieler sind unsicherer und man muss viel mehr mit ihnen reden als mit Kindern." Und wie ist er bei der Szene mit der Meisner-Methode vorgegangen? „Wir haben das tatsächlich im Lee Strasberg Theater gefilmt. Aber es ist natürlich nicht die Methode von Lee Strasberg, sondern die Methode von Sanford Meisner. Das war so ein kleiner Gag von mir. Es war alles komplett improvisiert—ich probe nie. Ich glaube nicht daran. Wir haben nur zwei Takes gefilmt, aber natürlich konnte ich nur die erste verwenden, weil sie echter war. Wir hatten auch erst überlegt den Film nicht Little Men sondern Children's Theatre zu nennen."

Ira Sachs und seine Filme handeln stets große Themen ab, aber sie sind immer mit einer gewissen Leichtigkeit erzählt, die nie bedrückend rüberkommt. Sei es der Streit der Eltern oder der negative Einfluss auf die Freundschaft. Es ist nie deprimierend, sondern sehr natürlich inszeniert. Wo holt man sich für diese Szenen die Inspiration? „Ich habe ganz viel Patricia Highsmith gelesen. Aber ich gucke auch sehr gerne Looney Tunes. Am liebsten die Filme von Chuck Jones. Die sind immer noch so brilliant, so ästhetisch und mit so viel Humor. Und natürlich gucke ich ganz viel Reality-TV. Ich gucke wirklich alle Housewives-Editionen." Mit einem Grinsen fügt er noch hinzu: „Ich glaube, ich bin einfach an Realismus interessiert."

Weil er Patricia Highsmith erwähnt, liegt es nahe, ihn nach Carol zu fragen, jene Highsmith-Adaptation von Todd Haynes, einem anderen, schwulen Independent-Filmemacher aus Amerika. Sachs denkt kurz nach. Er guckt nach unten. Und dann: „Das Buch und der Film waren wirklich sehr verschieden. Das fand ich gut. Ich fand gut, wie detailliert alles war. Als Objekt fand ich Carol sehr gut, wenn man das verstehen kann."

Detailliert sind auch die überaus menschlichen Filme von Ira Sachs. Sie wirken lange nach, tagelang nachdem man sie gesehen hat. Mit Little Men ist ihm ein besonders schönes Stück Kino gelungen, ein Film der sowohl Erwachsene als auch Kinder anspricht. 

Little Men

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Credits


Text: Schayan Riaz 
Fotos: via berlinale.de / © Eric McNatt

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