die bunte welt von lukasz wierzbowski: ein interview über falten, musen und das stille beobachten

Wunderhübsche Mädchen, strahlende Farben und durchdachte Bildkompositionen, die sich aus dem Zusammenspiel der Protagonisten mit der Umgebung ergeben - Lukasz Wierzbowskis Fotografien ziehen einen in den Bann und lassen einen lange nicht mehr los. Im...

von Alexandra Bondi de Antoni
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18 Januar 2016, 11:10am

Foto via Lukasz Wierzbowsk

Łukasz Wierzbowskis Fotografien sind ein verträumtes Abbild von unendlich lang erscheinenden Nachmittagen im Sommer, stilisierter Langeweile und von Tagen, die niemals enden. Durch seinen starken Farbeinsatz und dem perfekten Zusammenspiel zwischen seinen Models mit der Umgebung fällt es einem schwer, nicht mehr hinzuschauen und die Fotografien bis ins kleinste Detail zu zerlegen.

Der Fotograf lebt und arbeitet in Polen und zählt seine Cousinen zu seinen liebsten Modeln. Nun hat er sich mit seiner langjährigen Freundin Beata Wilczek für eine Ausstellung, die am Donnerstag im Zuge der Berlin Fashion Week eröffnet wird, zusammengetan. Die beiden präsentieren Bilder, in denen es um Körperbewegung, Geschwindigkeit und Falten geht und die im Bikini Berlin und im größten vietnamesischen Großmarkt Berlins, dem Don Xuan Center, aufgenommen wurden.

Im Vorfeld zur Eröffnung von „Beata Wilczek und Łukasz Wierzbowski. I wanna fold you" wollten wir von dem Fotografen mehr über seine Arbeit, seinen Umgang mit Farbe und seine Models wissen.

Erinnerst du dich an das erste Foto, das du jemals aufgenommen hast?
Ja, das war ein Foto von meiner Nichte Anna. Ich war elf und sie war sechs. Ich habe sie selbst gestylt und mich dabei an der Garderobe meiner Mutter bedient, außerdem habe ich mit ihren Haaren experimentiert. Die Holzvertäfelung in meinem Kinderzimmer diente als Hintergrund. Wir fotografieren auch 20 Jahre später immer noch zusammen.

Deine Fotos sind sehr intim. Wer sind deine Models und wie gewinnst du ihr Vertrauen?
Für mich ist jede Fotosession eine Reise, auf der ich die Person, mit der ich zusammenarbeite, besser kennenlerne. Entscheidend ist dabei die Kommunikation. Während des Shootings sprechen wir viel miteinander, dadurch erhalte ich einen Einblick, wo ihre Grenzen liegen. Diese Grenzen teste ich dann gerne aus. In vielen meiner Fotos geht es um das Verhältnis zwischen meinen Nichten Anna und Magda. Sie sind seit Jahren meine Musen.

Du fotografierst überwiegend Frauen. Glaubst du, dass Social Media die Art und Weise, wie wir den weiblichen Körper wahrnehmen, verändert? Und wie definierst du Schönheit?
Wenn ich mit einer Person zum ersten Mal arbeite, möchte ich, dass sie ihre vorherigen Modelerfahrungen vergisst. Ich möchte, dass sie sich entspannt und einfach in dem Moment lebt, ohne sich zu viele Gedanken um ihr Aussehen zu machen. Ich suche nicht nach der perfekten Illusion, sondern ich möchte das Authentische und Unverfälschte einer Person herauskitzeln. Das kommt in den sozialen Netzwerken oft zu kurz. Dort wird jeder nach bestimmten Schönheitsmaßstäben und Perfektion beurteilt. Schönheit kommt von innen. Es ist eine Frage der Haltung, ob du dich wohlfühlst, so wie du aussiehst. Letztlich zählt die Persönlichkeit und die Einstellung.

Die Leute in deinen Fotos scheinen zu wissen, dass sie fotografiert werden, sich dafür aber nicht zu interessieren. Sie schauen außerdem kaum direkt in die Kamera. Ist das beabsichtigt?
Bei jedem Shoot fühle ich mich jedes Mal wie ein Beobachter, der in die Realität der anderen Person eindringt. Meine Anweisungen an meine Models lassen viel Raum für Interpretationen. Mein Job ist es dann einfach, ihre Interpretation davon festzuhalten. Was auch immer passiert, passiert. Wir verlieren uns irgendwie im Prozess und meine Kamera tritt in den Hintergrund. So habe ich die Chance, die kurzen Augenblicke zwischen Körperbewegungen und Situationen einzufangen.

Wie findest du die Locations? Mir scheint, dass sie fast genauso wichtig sind wie die Models selbst.
Mir ist die Interaktion zwischen meinen Models und der Umgebung wichtig. Deswegen bin ich immer auf der Suche nach Locations, die besonders sind. Das nimmt manchmal Formen eines Versteckspiels an. Ich fordere meine Models immer auf, sich mit dem Ort vertraut zu machen, ob wir nun mitten im Wald oder in der Wohnung eines Freundes sind.

Wie steht es um die Fotografie heutzutage?
Die Anzahl an Bildern, die jeden Tag hochgeladen werden, ist einfach überwältigend. Jeder macht Fotos und teilt sie, was einerseits gut ist. Andererseits habe ich den Eindruck, dass die Leute nach dem Außergewöhnlichen suchen; etwas, das ihre Aufmerksamkeit für mehr als einen Moment gefangen nimmt. Und da kommen all die angehenden, inspirierenden Fotografen ins Bild.

Am Donnerstag eröffnet deine Ausstellung in Berlin. Erzähle uns mehr darüber. Warum grade hier in Berlin?
Ich liebe Berlins Vibe und das kreative Umfeld, was durch so viele außergewöhnliche Personen entsteht. In der Ausstellung werden Werke zu sehen sein, die durch die Zusammenarbeit zwischen mir und Beata Wilczek entstanden sind. Thematisch geht es um Körperbewegung, Geschwindigkeit und Falten. Wir untersuchen den Kontrast zwischen der Mode eines Issey Miyake, die wir im größten vietnamesischen Großmarkt Berlins, dem Don Xuan Center, in Szene setzten, und der Kleidung von Primark, die wir im Bikini Berlin ablichteten. Wir wollen dadurch die Strukturen hinter den vorherrschenden Bilderwelten in der Mode offen legen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Beata Wilczek und wie kam es dazu?
Die Zusammenarbeit mit Beata war easy, weil ich ihr total vertraue. Wir haben uns vor fast zehn Jahren während meines Psychologiestudiums angefreundet. Ich habe schon immer ihre Ästhetik und Kreativität als Künstlerin und Kuratorin bewundert. In den letzten Jahren haben wir bereits unzählige Male kollaboriert und jedes Mal ist etwas Neues dabei entstanden.

Gibt es jemanden, mit dem du gerne zusammenarbeiten würdest?
Es wäre toll, mit großen Marken zusammenzuarbeiten, weil es gleichzeitig auch eine Herausforderung wäre. Ich freue mich aber über jede Zusammenarbeit, ob es sich dabei um ein neues Label oder einfach eine Person, die Fotos von sich haben möchte, handelt. Ich bin dankbar für jede Erfahrung und die Ergebnisse davon überraschen mich immer wieder.

Wieso habt ihr I wanna fold you als Ausstellungstitel gewählt? Was wollt ihr falten?
Der Titel selbst stammt aus einem sehr gefühlvollen Popsong, den wir beide mögen. Das Faltenkonzept kommt von Beata, die schon eine Weile an Projekten über Falten arbeitet. Sie sagte mir, dass ihre Falten haptisch und dynamisch seien. Für sie würden Falten alle Bereiche verbinden, für die sie sich interessiert: Mode, Kunst, Visual Culture, Technologie und Materialität. Sie unterrichtet einen Modelehrgang und kann stundenlang darüber sprechen. In ihren Arbeiten versucht sie, Gemeinsamkeiten zwischen der Kunst und der Mode herauszufiltern, so vergleicht sie Gemälde aus dem 15. Jahrhundert mit Fashion Editorials. Dafür sind Falten ein guter Ausgangspunkt.

Hast du Pläne für die Zukunft?
Ich werde hoffentlich dieses Jahr mein neues Buch herausbringen und sonst einfach weitermachen und sehen, was so passiert.

sequin-covered-swans.tumblr.com

Die Vernissage zu „Beata Wilczek und Łukasz Wierzbowski. I wanna fold you" findet am 21. Januar im NO WODKA, Pappelallee 10, 10437 Berlin statt.

Mehr zur Berlin Fashion Week findest du hier.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos via Lukasz Wierzbowski

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