Foto: Imago / Entertainment Pictures

Wie du es in der deutschen Modeindustrie zu etwas bringst

Du willst richtig durchstarten, weißt aber nicht, wie du das genau anstellen sollst? Hier kommt unser 10-Punkte-Plan, um Erfolg in der deutschen Modeindustrie zu haben.

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28 Juli 2015, 8:05am

Foto: Imago / Entertainment Pictures

Als junger Modedesigner – frisch von der Modeschule, noch grün hinter den Ohren – ist es dein Traum, deine eigene Kollektion unter deinem eigenen Namen zu entwerfen. Klar, das hat sicherlich seine Vorteile: Deine Entwürfe müssen sich nicht der festgefahrenen Stilistik einer Marke unterordnen, du kannst dein eigenes Ding machen und es besteht die Möglichkeit, dass du früher oder später so populär sein wirst, dass sich Teenager dein Logo tätowieren lassen und in geheimen Kellerräumen billige Duplikate deiner Entwürfe gefertigt werden. Vergessen wird dabei aber gerne, dass der Weg zum Erfolg hart ist. Du wirst so gut wie keine Freizeit mehr haben, die Branche nicht nur einmal verteufeln und Steinen ausweichen, die Kritiker, Einkäufer und, ja, auch Kunden dir in den Weg werfen.


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Am Ende wird es sich lohnen, so erzählen es zumindest jene, die es bereits geschafft haben. Da aber der deutsche Markt im internationalen Vergleich ohnehin noch einmal als besonders schwierig gilt, hier ein 10-Punkte-Plan für den Erfolg in der deutschen Modeindustrie.

1. Zieh' nach Berlin
Das alte Klischee, das jedoch der Wahrheit entspricht. In Berlin sind die Mieten niedrig, was praktisch ist, denn du wirst am Anfang wenig bis gar kein Geld verdienen – finde dich direkt damit ab. In Berlin brodelt aber auch eine Kreativ-Szene, die ständig auf der Suche ist nach neuen Mitgliedern: Spätestens nach einer Woche wirst du vermutlich einen Typen kennen, der dir im Austausch gegen dieses eine coole Shirt aus deiner Kollektion eine Website gestaltet, kurz darauf triffst du einen Künstler, dessen abstrakte Gemälde du schon bald auf Stoffe druckst. Fazit: Berlin ist gut für dich. Aber:

2. Starte gleichzeitig im Ausland durch
Ob du eine Guerilla-Aktion in Paris anzettelst oder deine Kollektion im kleinen Rahmen während der Londoner Modewoche präsentierst: Hast du erst einmal die internationale Presse auf deiner Seite, kommt die deutsche Modewelt schnell auf den Trichter, dass deine Kollektion cool ist. Ein Plus an Aufmerksamkeit garantieren übrigens noch einmal internationale Modepreise wie der International Woolmark Prize oder das Hyères Festival, das dieses Jahr auch von zwei Deutschen gewonnen wurde. Was uns schon zum nächsten Punkt bringt:

3. Bewirb dich für sämtliche Awards und Auszeichnungen
Förderungen wie der "Designer for Tomorrow"-Award von Peek & Cloppenburg oder der vom Staat vergebene Preis "Start your own Fashion Business" versorgen dich nicht nur mit ausreichend Kohle, sie unterstützen dich ebenfalls mit nützlichem Expertenwissen. Zum Glück für dich haben dazu noch andere Branchen die Förderung junger Mode als wirksame Marketing-Strategie zur Image-Pflege für sich entdeckt – im Ergebnis gibt es darum so skurrile Dinge wie den "Lucky Strike Junior Designer Award". Das klingt zwar erstmal gar nicht nach Mode und überhaupt nicht glamourös, solange du das Preisgeld aber nicht in Zigaretten bekommst, solltest du dich einfach über die Finanzspritze freuen.

4. Arbeite viel und (leider auch) umsonst
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ein abgedroschenes Sprichwort, in dem verdammt viel Wahrheit steckt. Mache darum (leider mies bezahlte) Praktika bei etablierten Modedesignern (die dich vermutlich mies behandeln werden) und biete dich als freiwilliger (völlig unbezahlter) Helfer hinter den Kulissen der ach so glamourösen Modewoche an.

5. Habe jemanden an deiner Seite, der mit Zahlen umgehen kann
Yves Saint Laurent hatte Pierre Bergé, Calvin Klein hatte Barry Schwartz und Marc Jacobs hat noch immer Robert Duffy. Denn nur äußerst selten sind die kreativen und visionären Modeschöpfer auch talentierte Wirtschafts-Genies. Herrscht nicht auch in deinem Kopf eher ein inspiriertes Chaos als ein klar strukturierter Business-Plan? Such dir also einen Business-Hai für Vertragsverhandlungen, Steuern und all das BWL-Zeug, von dem du noch nie etwas gehört hast. Wo wir schon einmal beim Thema Zahlen sind:

6. Verkauf deine Teile zu vernünftigen Preisen
Vor allem in Deutschland. Die deutschen Kunden mögen hohe Qualitätsstandards aber überhaupt keine hohen Preise. Erst recht dann nicht, wenn dein Sweater, dein Kleid oder deine Tasche kein Logo ziert, das man auch noch im kleinsten Kuhdorf als Statussymbol erkennt. Im Gegensatz zu den etablierten Luxusmarken kannst du zwar auch mit schöner und hochwertiger Mode aufwarten, aber leider nicht mit einem großen Namen. Und der bestimmt den Preis. In puncto richtiges Pricing gilt für dich: Bleibe weit unter Louis Vuitton und Dior und gleichzeitig weit über Zara und COS.

7. Entwerfe richtig schöne Kleider, die man auch tragen kann
Du musst der Realität ins Auge blicken und erkennen, dass der Großteil Deutschlands nur kauft, was modisch unaufgeregt, solide und beständig ist. Das klingt erstmal langweilig, muss es aber gar nicht sein, denn auch minimalistische Mode muss maximal durchdacht sein. Der Stoff muss zart wie ein Babypopo sein und jede Naht mit nachvollziehbarer Daseinsberechtigung perfekt sitzen.

8. Entwerfe aber auch richtig verrückte Kleider, die niemand tragen möchte
Denn nur darüber wird die deutsche Presse in ihrem unstillbaren Durst nach Schlagzeilen berichten. Schwierig wird es nur, wenn du diese Show Pieces auch verkaufen willst. Brich sie auf tragbare Varianten herunter.

9. Im nächsten Schritt: Bestich die Presse
Ist sie dir wohlgesonnen und trägt dann auch noch tatsächlich deine Entwürfe, hast du fast gewonnen. Um diesbezüglich nachzuhelfen, beschenkst du die richtigen Redakteure und Blogger also am besten mit deinen Kollektionen. Dazu ein kleinkindgroßer Blumenstrauß und die Sache ist geritzt. Leider traurig und wahr.

10. Heb' dir die Arroganz für den Höhepunkt deiner Karriere auf
Sei stattdessen ein angenehm netter Zeitgenosse. Daran musst du dich wirklich immer halten! Ich wiederhole: immer. Kaum eine Branche ist so von Emotionen bestimmt wie die Modebranche. Darum gilt: Je mehr Leute dich mögen, desto mehr Leute mögen mit Sicherheit auch die Mode, die du machst. Das kann man jetzt unprofessionell finden, ändert an der Tatsache aber auch nichts.