im gespräch mit tim walker

Für unsere neue Ausgabe haben wir uns mit dem britischen Fotografen Tim Walker zusammengetan, um einige der genialsten jungen Talente Londons zu feiern.

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13 April 2017, 8:27am

Einen erster Blick in unsere The Creativity Issue findest du hier

Tim Walkers Fotos umfassen von fantastischen Traumwelten bis hin zu herzerwärmenden Porträts jeden nur denkbaren kreativen Ausdruck. Tim ist durch und durch britisch, und wenn er nicht gerade für ein Shooting um die Welt reist, kann man ihn in seinem Studio in Bethnal Green antreffen, wo er bei einer Tasse Tee und in Gesellschaft seines Rettungshundes Stig mit seinem Team an zukünftigen Projekten arbeitet. Als Fotograf begeistert er sich für das Konzept der „Wahrheit", etwas, das zunächst mehr und mehr widersinnig erscheinen mag, wenn man sich die Märchenwelten anschaut, die er entstehen lässt. Das ist immerhin der Mann, der ein riesiges Raumschiff, Jäger, Pferden und Jagdhunde, einen Löwen, der zusammen mit Edie Campbell durch ein verfallenes herrschaftliches Anwesen umherstreift, und eine riesige Puppe mit blonden Korkenzieherlocken und einem babyblauen Kleid fotografiert hat, die einen Stacheldrahtzaun niedertrampelt, während sie Lindsey Wixson verfolgt. Es ist die Suche nach Wahrheit und Schönheit, die ihn antreibt. Tim ist fasziniert von Menschen und den unendlich vielen Unterschieden und Erfahrungen, die jeden von uns einzigartig machen und deswegen ist auch seine Herangehensweise an seine Arbeiten so vielschichtig und tiefgründig. Er ist sehr bestimmt und diszipliniert aber gleichzeitig auch unglaublich leidenschaftlich und widmet einem Porträt ebenso viel Zeit wie einer ganzen Editorial-Strecke.

Als Tim i-D Ende letzten Jahres angesprochen hat, war er von der neuen Generation Londoner Designer, Künstler und Musiker inspiriert, die ganz frei daran arbeiten, ihr eigenes kreatives Ökosystem zu erschaffen, in dem Meinungsfreiheit und zügellose Kreativität an erster Stelle stehen. Das passte zu dem, was wir als Team bei i-D besprochen hatten; die Tatsache, dass es in Zeiten politischer Ungewissheit die Kunst ist, die uns vereint, die uns stärkt und letztlich hilft, die schweren Zeiten zu überstehen. So haben wir also unsere Kräfte vereint und uns zusammen an dieses Projekt gemacht: eine Momentaufnahme einiger der genialsten und inspirierendsten jungen Talente Londons.

Bist du mit dem Projekt zufrieden?
Ich bin sehr stolz darauf. Es ist für mich ganz besonders, weil ich dabei viel gelernt habe. Als Fotograf will man immer neues lernen und seinen Horizont erweitern. Es ist wahrscheinlich dasselbe wie für Journalisten, es ist einfach faszinierend, über jemanden oder etwas zu recherchieren und etwas zu erfahren, was man vorher noch nicht gewusst hat.

Eine gesamte Ausgabe zusammenzustellen ist immer auch eine gewisse Lernkurve, weil man die ganze Zeit Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen trifft.
Ich denke, dass das genau das ist, was man sich als Kreativer wünscht. Man möchte ständig neue Leute kennenlernen. Bei unserem gemeinsamen Shoot hat Grace Coddington über die Bedeutung der Jugend gesprochen und darüber, wie wichtig es ist, sich mit jungen Leuten zu umgeben. Sie hat gesagt, dass man, selbst wenn man drei Generationen älter ist, einiges von jungen Menschen lernen kann und dass es wichtig ist, sich damit zu befassen, was gerade passiert. Deswegen wollte ich dieses Projekt machen; das war mein Motiv, ich wollte mich mit anderen vernetzen.

Terry [Jones, der Gründer von i-D] hat immer gesagt, dass Jugend nicht durch ein bestimmtes Alter sondern durch eine gewisse Einstellung definiert wird, und dass i-D sowohl von 16-Jährigen als auch von 66-Jährigen gelesen werden kann.
Ich finde diesen Ansatz sehr interessant. Diese Ausgabe von i-D zu fotografieren, war wirklich eine tolle Lernerfahrung, die mir die Augen geöffnet hat. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, mit einer jugendlichen Kreativität verbunden zu bleiben.

Kannst du uns mehr über die Ideen hinter dem Projekt erzählen?
Ich bin zu i-D gekommen, weil ich sehen wollte, was die nächste Generation macht. Es war für mich eine besondere Erfahrung, weil ich viele neue Leute kennengelernt habe und gesehen habe, was jetzt so passiert. Vorher haben mir die Vorstellung von Algorithmen und vorgegebenen Entscheidungen Sorgen gemacht, ich hatte das Gefühl, dass die Individualität und Einzigartigkeit langsam verschwinden. Es hat mich sehr beschäftigt, dass die Kreativität in der Generation unter mir angegriffen wird … und wollte mir einfach einen Überblick verschaffen, was in der Computergeneration eigentlich so vor sich geht.

Deine Gedanken haben mich sehr berührt, weil es in Zeiten politischer Ungewissheit die Kunst das ist, was uns vereint, die uns stärkt und letztlich hilft, die schweren Zeiten zu überstehen. Warum ist deiner Meinung nach Kreativität gerade in Zeiten politischer Unruhen so wichtig?
Politische Unruhen sorgen immer für mehr Kreativität. Heutzutage sind alle so extrem von Computern abhängig, es ist schon fast ein bisschen außer Kontrolle geraten. Die Politik spielt verrückt, es werden viele Lügen verbreitet. Wenn man online geht und auf Google eine Frage stellt, tauchen viele falsche, unzuverlässige und nicht richtig recherchierte Antworten auf. Die ultimative Wahrheit im Leben und in der Geschichte liegt jedoch in der Kunst und in der Kreativität. Wie John Keats gesagt hat „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist Schönheit." In echter Kunst kann man weder lügen noch manipulieren. Wenn die Situation auf der Welt unsicher ist, ist es eine ganz natürliche Reaktion des Menschen, nach Wahrheit zu suchen und auf den grundlegendsten menschlichen Ausdruck der Schönheit zurückzublicken. Ich glaube, dass es in den nächsten fünf, zehn Jahren zu einer Explosion bedeutungsvoller Kunst kommen wird. Ich kann es mir gut vorstellen.

Hoffentlich. Inwieweit waren die Leute, die du fotografiert hast, von der Politik und den Dingen, die gerade in der Welt geschehen, beeinflusst?
Etwa 90% der Leute, die wir in diesem Portfolio fotografiert haben, hatten eine ganz klare politische Einstellung. Wir alle sind in letzter Zeit sehr viel politischer, als sonst, und das ist gut, weil wir dadurch aufwachen und uns bewusst werden, wie wichtig die Wahrheit ist.

Denkst du, dass du als Fotograf den Leuten, die du fotografierst, als auch den Bildern gegenüber, die du veröffentlichst, eine besondere Verantwortung trägst?
Ich denke, dass ich als Fotograf eine riesige Verantwortung habe. Das ist ein Thema, das Collier Schorr in der The Female Gaze Issue von i-D angesprochen hat. Sie hat über die Autorschaft gesprochen und wie der Autor eines Fotos, eines Schriftstücks oder eines Kunstwerks die Sichtweise von nur einem Individuum präsentiert. Was wir jetzt tun müssen, ist sicherzustellen, dass es unterschiedliche Autoren gibt, um so die Darstellungen in den Medien verantwortungsbewusster zu machen.

Was hat sich seit dem Beginn deiner Karriere als Fotograf am meisten verändert?
Die Menschen sind jetzt viel offener und ehrlicher, wenn es darum geht, zu sagen, wer sie sind. Über unterschiedliche Geschlechter und sexuelle Orientierungen hat man früher einfach nicht gesprochen. Man hätte niemals über seine Sexualität geredet. Heute ist es aber ein Thema, mit dem die Leute sich auseinandersetzen, und im Grunde geht es auch hier wieder um das Konzept der Wahrheit. Ich habe aus diesem Projekt gelernt, dass die jungen Leute heutzutage total offen sind. Es sind Menschen, die ihre Identität selbst bestimmen und sich damit wohlfühlen, wer sie sind. Es gibt keine Grenzen mehr. Es ist eine sehr aufregende Zeit. Ein Fotograf ist nur so gut, wie die Leute vor seiner Kamera, und in London gibt es viele sehr vielfältige und talentierte junge Menschen.

Es gibt einem irgendwie auch Hoffnung, wenn man sieht, wie aktiv die jungen Kreativen von heute sind.
Ja, auf jeden Fall. In den 20/25 Jahren, in denen ich als Fotograf arbeite, habe ich oft gesehen, wie sich das Gewicht von Kunst und Kommerz in beide Richtungen verlagert hat. Wenn es mehr Richtung Kommerz ging, wurde das Leben immer trostloser und grauer. Die Leute haben dann vielleicht mehr Geld auf ihrem Konto, aber es ist eine wenig inspirierende Existenz. Wenn sich das Gewicht mehr in Richtung der Kunst verlagert — was meiner Meinung nach aktuell passiert — , ist das Leben viel bereichernder und gefühlvoller.

Ich glaube, dass dich das als Fotografen ausmacht. Du nimmst dir viel Zeit dafür, jede Person, die du fotografieren sollst, kennenzulernen, statt abweisend zu sein und einfach nur deine Bilder zu schießen. Hast du schon immer so gearbeitet?
Ja, ich konnte noch nie einfach nur so jemanden fotografieren. Ich muss eine Verbindung zu den Leuten aufbauen, um sie zu verstehen, ansonsten könnte ich den interessantesten Aspekt des jeweiligen Individuums übersehen. Ich muss mich zuerst mit den Leuten unterhalten, selbst wenn es nur zehn Minuten sind. Zu manchen Leuten spürt man schon innerhalb von zehn Sekunden eine besondere Verbindung, aber bei anderen dauert es nun mal länger. Aber jeder hat seine Geschichte und jeder hat etwas zu erzählen. Ich habe mich vor Kurzem mit Alice Goddard über Castings unterhalten, und sie sagte, dass sie glaubt, dass jeder Mensch auf der Welt etwas hat, das ein Bild wert ist. Jeder. Ich denke, sie hat Recht. Das ist zu meinem Mantra geworden.

Fotografierst du manche Leute lieber als andere?
Nein. Als Fotograf sollte ich mit jedem Motiv zurecht kommen — ob es nun eine 80- oder 8-jährige Person ist — und das erkennen, was sie oder ihn einzigartig macht. Wie Alice gesagt hat, jeder hat etwas Besonderes und ich denke, dass das in der Modebranche manchmal vergessen wird. Es kann sehr geplant wirken, wie ein Heer identischer Models; ein vorgegebener oder bereits bewilligter Look. Wenn die Mode zu kommerziell wird, können die Unterschiede, die Einzigartigkeit und Individualität schnell verloren gehen. Dabei ist es mit diesen bevorzugten Individuen nicht anders als mit allen anderen. Wenn man ein berühmtes Model oder eine Schauspielerin kennenlernt, fragt man sich oft ein wenig, was sie eigentlich so besonderes an sich haben? Natürlich haben einige Leute riesiges Talent vor der Kamera, aber es ist unglaublich, Leute, die noch nie zuvor fotografiert worden sind, und die eigentlich sehr zurückhaltend und schüchtern sind, zu sehen, wie sie vor der Kamera aufblühen und genauso viel zu sagen haben, wie Naturtalente.

Ein Satz, der während dieses Projekts immer wieder aufgetaucht ist, war „Stay weird, stay different" — warum hat er dich so sehr angesprochen?
Jedes Mal, wenn ich jemanden für diese Ausgabe fotografiert habe, war ich davon fasziniert, wie anders, unterschiedlich und individuell sie alle waren. Manchmal, wenn man durch die Straßen läuft oder in ein Restaurant geht, sieht man die jüngere Generation einfach nur total abwesend dasitzen, immer am iPhone. Es scheint, als hätten sie keinen Funken Spaß oder Freude in sich und ich würde am liebsten rufen ‚Was macht ihr da? Wacht auf!' So viele junge Londoner Designer, Musiker, Models und Künstler kennengelernt zu haben, war echt inspirierend. Ich wollte ihnen sagen, dass sie bloß so bleiben sollen, wie sie sind, dass sie anders bleiben sollen, weil anders zu sein so wertvoll ist. Unterschiede sind die Waffe.

Vor allem in der heutigen Welt, die so geldorientiert ist ...
Unterschiede sind die Waffe gegen Langeweile. Sie sind wichtiger, als sie je zuvor waren. Der Satz „Stay weird, stay different" stammt aus Graham Moores Dankesrede von der Oscarverleihung 2015. Graham war der Drehbuchautor bei dem Film The Imitation Game, und als er den Oscar gewonnen hat, ist er auf die Bühne gegangen und hat genau diesen Satz gesagt. Er ist viral gegangen, es wurden daraus Memes gemacht, T-Shirts, einfach alles. Ich fand es so interessant, dass dieser talentierte junge Drehbuchautor das Gefühl hatte, dass dieser eine Satz so bedeutend sei. Es war fast wie eine Vorahnung dessen, was kommen sollte, nämlich die Wichtigkeit der Individualität.

Was waren deine persönlichen Highlights dieses Projekts?
Mir hat das Shooting mit Ibrahim Kamara, Campbell Addy, King Owusu und Harry Evans sehr gefallen. Ibrahim ist ein geborener Stylist, er hat eine echte Gabe, und Campbell strahlt solch eine Ruhe aus. Er war sehr behutsam; ein Fotograf, den ich in Zukunft unterstützen werde. Als Gruppe haben sie mir das Gefühl vermittelt, dass die Welt in Ordnung ist. Es kann so weitergehen, wenn sie die Kontrolle haben. Die Mädels von BBZ haben mir gesagt, dass sie sich früher in der Schule mein Buch angeschaut haben. Wenn wir nochmal zu der Verantwortung zurückkommen, von der wir vorhin gesprochen haben, habe ich gehofft, dass ich verantwortungsbewusst genug war, um ihnen in dieser Zeit etwas mitgegeben zu haben. Als Fotograf hat man manchmal das Gefühl, dass alles wieder zu einem zurückkommt. Man trifft junge Leute Anfang oder Ende 20, die sich in ihrer Schulzeit mit deinen Arbeiten beschäftigt haben, und alles, woran ich denken konnte, war, dass sie hoffentlich etwas Positives daraus gezogen haben, dass es ihnen auf irgendeine Weise geholfen hat.

Du hast mittlerweile mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Branche — was würdest du jungen Kreativen raten, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen?
Wahrheit. Jede bedeutsame kreative Geste muss aus eurem Inneren kommen. Es ist nichts, das man einfach so machen kann. Man muss vor dem Spiegel stehen und genau wissen, wer man ist. Wenn man weiß, wer man ist, dann wird die eigene Person unausweichlich und die eigene kreative Botschaft wird gehört. Was von Herzen kommt, berührt die Herzen. Stellt euch also selbst die Frage, was euch wirklich motiviert. Ihr könnt nur wirklich gut werden, wenn ihr es aufrichtig liebt. 

Credits


Text: Holly Shackleton

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