Meinung

cyber youth. wie das internet die entwicklung unserer subkulturen beeinflusst

Laden, Tippen, Posten, Instagrammen: Das Internet hat vieles verändert – nicht nur die Verfügbarkeit von Information, sondern auch die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Wie genau hat das Netz aber die Entwicklung modischer und...

Bela-Tess Wind

Laden, Tippen, Posten, Instagrammen: Das Internet hat vieles verändert - nicht nur die Verfügbarkeit von Information, sondern auch die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Wie genau hat das Netz aber die Entwicklung modischer und musikalischer Subkulturen beeinflusst? Während die einzelnen Genres und Stile früher sowohl akustisch als auch visuell leicht voneinander abzugrenzen waren, ist es heute nicht mehr ganz so einfach, zu definieren, wo ein Trend angefangen hat oder was eigentlich dahintersteckt. Frei von Kompromissen erschafft unsere Generation sich online ihre eigenen Mikrokosmen und hinterlässt dabei einen enormen Datenschatz an Mode- und Musik-Hybriden. Wir werfen einen Blick auf die Tumblr-Jugend und ihre Fähigkeit, durch einen einzigen Hashtag die Trendsetter von morgen zu sein.

Spätestens seit Rihanna 2012 ihren Song „Diamonds" bei Saturday Night Live performte und Azealia Banks' Video „Atlantis" rauskam, dürfte Seapunk jedem ein Begriff sein. Eine von den frühen 90er Jahren inspirierte Cyber-Bildästhetik, deren Collagen aus 3D-Grafiken, verzerrten Pop-Symbolen und Delphinen bestehen. Durchforstet man Tumblr nach dem Begriff, finden sich massenweise Selfies von Kids mit türkisen Haaren, die zu ihren Bindis und Nietenhalsbändern vorzugsweise gefährlich hohe Platforms kombinieren: Ein Look irgendwo zwischen Bauchtänzerin, Spice Girl und Kurt Cobain. So weit, so gut. Was aber den wenigsten von ihnen bewusst zu sein scheint, ist dass zum Seapunk-Modetrend ein Musikgenre gehört, dessen Erfinder sich eigentlich nur einen Scherz erlaubt hatten. Wer hätte auch ahnen können, dass etwas Digitales derartigen Einfluss aufs Real Life haben würde.

Foto montiert mit Material von: Patrick HoeslyFlickrCC BY 2.0

Im Juni 2011 träumte der US-Produzent Julian „Lil Internet" von einer Lederjacke, die anstelle der klassischen Nieten kleine Krebse hatte. Er zückte sein Smartphone und tweetete zum ersten Mal das Wort Seapunk. Schnell wurde der Begriff zum Insider seiner Clique, und der insider wiederum zum Outsider, da die ganze Welt online mitlesen konnte. Julians Kumpel Albert aka Ultrademon gründete zusammen mit seiner Partnerin Shan „Zombelle" kurze Zeit später das bisher weltweit einzige Seapunk-Label „Coral Records Internazionale". Ähnlich wie der Look, der sich aus Mode-Elementen verschiedener Subkulturen zusammensetzt, ist auch das Musikgenre ein Hybrid ohne gleichen. Der Sound klingt nach Delphinen auf LSD: House, Techno und Trap Rap treffen auf kultgewordene R'n'B- und Pop-Samples der letzten 15 Jahre. Der Modetrend mag vorbei sein, ihre Musik macht die Internet-Gang noch immer.

Albert hat sich mittlerweile seine blauen Haare abrasiert. Nicht nur Rihanna hat mit ihrem Auftritt seine Ästhetik adaptiert, durch Rihanna auch ein Teil des Mainstreams. Ähnliches ist dieses Jahr noch ein zweites Mal passiert: Unter einem Instagram-Foto postete die Sängerin den Hashtag #GhettoGoth, womit sie der Welt nicht nur ihren neuen, düsteren Look zeigte, sondern vor allem Jazmin Soto aka Venus X schwer in Rage brachte. Die 26-jährige dominikanische DJane hat seit 2009 die „GHE20G0TH1K" Party in der Untergrund-Szene New Yorks veranstaltet, die nicht nur dem Internet als Inspirationsquelle gewidmet war, sondern über selbiges zu einer ganzen Bewegung wurde. Durch Einflüsse des Electro, Trance, Pop, HipHop und Underground-Raps sowie Elementen karibischer Musik schuf Venus X einen neuen Sound, der sowohl Kunst-Studenten, Dragqueens und Leute aus dem Fashion-Bereich als auch Skater, Punks und die Musikern M.I.A. auf ihren Partys zusammenkommen ließ. Ähnlich wie Seapunk ist Ghetto Goth durch eine Symbiose entstanden, die offline wahrscheinlich nie passiert wäre.

Foto montiert mit Material von: tenaciousmeFlickrCC BY 2.0

Gleiches gilt für Witch House: ein Musik-Genre, dessen unsaubere Produktion typisch für seine Klangwelt ist. Genau wie bei Ghetto Goth handelt es sich dabei um ein gewolltes Stilmittel, das auf das Netz als Ursprung der verwendeten Samples verweist. Der Unterschied? Witch House basiert auf Electro Goth, Darkwave, Industrial, Synthpop und Old School HipHop. Auch wenn in beiden Musikgenres, genau wie im Seapunk, gewisse Elemente immer wieder zurückkehren mögen, kann man von ihnen dennoch als Anti-Genres sprechen. Ihre Bandbreite an Sounds ist so gewaltig, dass es schwierig zu definieren ist, wo ein Genre beginnt und wo es endet. Die Grenzen zwischen ihnen sind fließend, auch wenn alle eine unterschiedliche Mood-Welt mit sich bringen. Der düstere Sound von Witch House wird beispielsweise durch die Bildsprache seiner Artworks unterstützt: Analoge Fotografien mit Rauscheffekten treffen auf Nebel und okkulte Symbole. Witch House ist das „Blair Witch Project" unter den Tumblr-Ästhetiken - und damit das genaue Gegenteil von Seapunk, auch wenn beide irgendwie miteinander verwand sind.

Witch House selbst ist ebenfalls durch einen belanglosen Witz entstanden. Der Musiker Travis Egedy aka Pictureplane scherzte 2009 mit einem Kumpel darüber, dass der Name zu ihrer okkult-basierten House-Musik gut passen würde. Es dauerte nicht lange und schon tauchte der Begriff in verschiedenen Foren und Blog-Beiträgen auf. Später wurde er dann sogar von Musikjournalisten übernommen. Die Dinge nahmen ihren Lauf und andere Witch-House-Bands wie White Ring, Salem und Crim3s erschienen auf der Bildfläche. Der New Yorker Musikjournalist Daniel Jones, der nicht nur unter den Künstlernamen Gucci Goth und Black Black Gold selbst seit Jahren akustische Hybriden kreiert, sondern auch mit vielen Schlüsselfiguren der Seapunk- und Witch-House-Szene befreundet ist, beschreibt die Genres auf seine ganz eigene Weise. „Natürlich haben alle von ihnen ihre speziellen Charakteristiken. Am Anfang dieser Genres stand jedoch immer ein gewisser Do-It-Yourself-Gedanke, der weder stilistische Regeln, noch viele Skills erforderte. Es ist eine aufregende Zeit voller musikalischer und modischer Mutationen, die schlicht als experimentelle Rekonzeptionierung zu verstehen sind."

Foto montiert mit Material von: NASA Goddard Space Flight CenterFlickrCC BY 2.0Michal DočekalFlickrCC BY-SA 2.0smplstcFlickrCC BY 2.0Rosa MenkmanFlickrCC BY 2.0 

Vor dieser Rekonzeptionierung sind weder die größeren Subkulturen, noch die kleineren ihrer Art sicher. Jemand postet etwas, ein anderer liest es, nimmt es für sich an und gibt seine eigene Interpretation zur Sache ungefiltert heraus. Auf ähnliche Weise wird wohl auch das Genre Vaporwave entstanden sein. Vergleicht man Speed Noise mit Witch House, so ist Vaporwave die nächste Evolution in dieser musikalischen Kette: eine atmosphärische, minimalistische und elektronische Chill-Out-Musik, die mit Samples kitschiger Megahits unsere Konsumgesellschaft parodiert. Ähnlich wie Witch House tauchte auch der Begriff Vaporwave 2011 erstmals online auf und verbreitete sich schnell über Soundcloud, Tumblr und andere Plattformen. Nicht nur der Sound, sondern vor allem die Bildsprache des Microgenres erinnern dabei sehr an Seapunk - minus der Delphine, plus diverser römischer Statuen und japanischer Hieroglyphen. Es scheint, als würden die verschiedenen Genres, die innerhalb der letzten Jahre online entstanden sind, gegenseitig Inspiration voneinander beziehen. Für Daniel Jones ist das nichts Neues. „In New York war ich mal in einem Club, der im Grunde eine Internet-Party geschmissen hat. Ob Seapunk oder Witch House, alles war dabei. Auch wenn die Mode- und Musikgenres sich voneinander unterscheiden mögen, stehen sie dennoch irgendwie miteinander in Verbindung und bilden eine übergeordnete Szene, die man als Cyber-Club-Subkultur beschreiben könnte. Oder auch: Die Cool-Kids-Internet-Gang!"

Nicht nur wo sie geboren sind, sondern vor allem wie sie geboren sind, haben diese Genres gemeinsam: als Kinder einer Internet-basierten Patchwork-Familie, die sowohl eine akustische als auch eine visuelle Identität hat - auch wenn nur eine von beiden zum Trend wurde. Abgesehen davon waren einige von ihnen eine Bewegung, bevor es überhaupt einen Namen für sie gab. Dies trifft zum Beispiel auf eine neue Subkultur namens Health Goth zu, die im Gegensatz zu Seapunk & Co. auf zwei Ebenen völlig unabhängig voneinander entstanden ist. Einerseits gibt es die gleichnamige Facebook-Seite, auf der Chris Cantino, Mike Grabarek und Jeremy Scott (natürlich nicht der Designer) aus Portland seit letztem Jahr Bilder von minimalistisch-futuristischer Performance- und Sportswear, gerenderten Grafiken, Wasseroberflächen und römischen Statuen posten. Der Look erinnert sehr an den Street-Goth-Trend der letzten Jahre und lässt auf Designs von Rick Owens als Inspirationsquelle schließen. Andererseits gibt es den in Los Angeles lebenden Musiker Deathface, der seinen Sound als Health Goth beschreibt. Lange bevor er die Facebook-Gruppe überhaupt kannte, trug er düstere Sportswear, machte Industrial-, Trance- und Trap-inspirierte Musik - nur hatte er keinen Namen für beides.

Foto montiert mit Material von: Dennis HillFlickrCC BY 2.0Rosa MenkmanFlickrCC BY 2.0

Wenn Genres wie Seapunk und Witch House das Internet als Katalysator für Subkulturen skizzieren, dann steht Health Goth wahrscheinlich als Symbol dafür, dass es utopisch wäre, wenn nur eine einzige Person auf der Welt auf die Idee für ein neues Genre gekommen wäre. Früher war das Wissen darüber, was „in" ist und was nicht, allein einer elitären Minderheit vorbehalten, die zu Gast bei Runway-Schauen war. Da heutzutage aber jeder Zugang zu den gleichen Informationen hat, ist dieses Privileg nicht mehr gegeben. Die Geschwindigkeit, mit der einzelne Trends in den Mainstream sickern, wurde durch das Netz nicht nur beschleunigt - es hat außerdem verändert, wer heutzutage überhaupt in der Lage ist, ein Trendsetter zu sein: jeder. Unsere Jugend- und Subkulturen, sowie die Mode im Allgemeinen, wurden durch das Web demokratisiert. Der Cyberspace ist nicht nur Darstellungsraum, sondern auch Inspirationsquelle - und seine Bewohner nicht nur Konsumenten, sondern gleichzeitig die Ware selbst. Jeremy Scott beispielsweise ließ sich für seine Fall-Winter-Kollektion 2012 sichtlich von Seapunk inspirieren, Rihanna adaptierte mit ihrem Ghetto-Goth-Look gleich die zweite Ästhetik einer Subkultur, und die aktuelle Kollaboration von Alexander Wang und H&M könnte nicht mehr nach Health Goth aussehen, als sie es tut.

Sobald der Mainstream eine Subkultur adaptiert und selbige damit für ihre Schöpfer lebendig begräbt, müssen eben diese sich selbst neu erfinden. Es ist die neue Ära einer Kreations- und Konsumgesellschaft, in der jeder die Regeln seiner eigenen Welt schaffen kann. Diejenigen, die dem Kommerz nichts abgewinnen können, finden im Cyberspace Verbündete und streuen über Nacht die Saat einer neuen Jugendkultur, die nicht von einem Genre alleine lebt, sondern aus vielen winzigen Splitterteilen zusammengesetzt ist. Durch die Masse an verfügbaren Informationen ist die Generation der 90er mit einer kaleidoskopischen Weltansicht aufgewachsen, in der subkulturelles Kapital geteilt, zusammengesetzt und neu definiert wird. Die im Netz entstehenden Genres sind nicht nur ortsunabhängig, durch ihre komplexen Zusammensetzungen werden sie auch immer zahlreicher und spezifischer - und die einzelnen Szenen somit kleiner. Sie alle stehen aber letztendlich miteinander in Verbindung, inspirieren sich gegenseitig und teilen sich das Web als Quelle ihrer selbsterschaffenen Identität. So werden wir eines Tages in der Lage sein, auf eine Jugendkultur genau so zurückzublicken, wie sie sich selbst gesehen hat.

Foto montiert mit Material von: Vishal SharmaFlickrCC BY 2.0Sherrie ThaiFlickrCC BY 2.0Dossier ThistleFlickrCC BY 2.0

Credits


Text und Fotomontagen: Bela-Tess Wind