Intime Polaroids aus Fire Island, New Yorks Schwulenparadies

Anfang der 70er wurde Tom Bianchi auf ein Wochenende nach Fire Island eingeladen, die legendäre schwule Enklave an der Küste von Long Island. Auch 40 Jahre später sind die liebevollen, lebendigen und befreienden Polaroids immer noch so stark wie damals.

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03 Juli 2017, 1:50pm

Tom Bianchi hat sich während einer Geschäftskonferenz in Miami seine erste Polaroid-Kamera besorgt. Das hört sich jetzt vielleicht nicht nach dem Beginn einer typisch unkonventionellen Künstlergeschichte an, aber der in Chicago geborene Bianchi hat damals noch als Unternehmensanwalt gearbeitet und nach dem Politikstudium seinen Abschluss in Jura gemacht. Danach hat er zehn Jahre als Anwalt gearbeitet und wurde mit 34 Jahren Senior Counsel bei Columbia Pictures in Manhattan. Nach mehreren Besuchen auf Fire Island, wo er das Leben seiner Freunde und Liebhaber dokumentiert hat, hat er sich jedoch für eine andere Karriere entschieden und seinen ersten Beruf an den Nagel gehängt – und zwar wortwörtlich: Er hat sein Diplom auseinandergerissen und die Schnipsel in einem Gemälde verarbeitet, das er auf seiner ersten eigenen Ausstellung präsentiert hat.


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Tom Bianchis Fotos, besser bekannt unter dem Titel Fire Island Pines: Polaroids 1975 ­- 1983, sind ein wunderschöner und unschätzbarer Fundus aus einer wahrhaft transformativen Ära in der LGBT-Geschichte. Queere Menschen wurden bis weit ins 20. Jahrhundert dazu gezwungen, sich zu verstecken. In den 70ern haben sich Menschen aus diesen Zwängen befreit, sie haben offen schwul gelebt und sich ein neues Leben geschaffen.

"Das Leben als junger, geouteter Schwuler im Mittleren Westen der USA sah so aus, dass man sich seine eigene Welt vorstellen musste, die sich sehr von der Realität unterschieden hat. Die Welt, in der wir gelebt haben, hat uns verachtet und uns als Perverse bezeichnet", sagt Tom. Das Tolle an Fire Island, dem 36 Meilen langen Strandabschnitt mit Sand und Sonnenschein an der Küste von Long Island, war, dass es von eben diesen Menschen erschaffen wurde, die sich eine andere Welt ausgedacht haben und diese dort auch verwirklicht haben. "An diesem klitzekleinen Ort waren wir sicher. Dort konnten wir lachen und miteinander am Strand spielen. Es war ein Ort ohne negativer Kommentare. Das hat die klügsten Schwulen aus ganz Amerika angezogen."

Währenddessen wurden in den Städten Bars, Saunen und die bekannten Cruising-Gebiete regelmäßig von Polizei-Razzien heimgesucht. Schwul zu sein hat damals noch bedeutet: Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung, des eigenen Lebens. Fire Island war der erste Ort, an dem sich queere Menschen frei fühlen konnten ­— wo sie sich bei Tanztees fallen lassen konnten; wo sie zusammen duschen konnten; wo sie nach Sonnenuntergang zusammen feiern konnten; wo sie sich näher kommen konnten oder einfach auch zum ersten Mal Händchen in der Öffentlichkeit halten konnten.

Anfangs reagierten viele Freunde und Nachbarn von Tom Bianchi zurückhaltend und zögerlich, doch dank der Magie seiner Polaroids haben sie schließlich eingewilligt und das in den Aufnahmen gesehen, was wir 40 Jahre später immer noch beobachten können: Bianchis Auge für die Zärtlichkeit, den Spaß am Leben, für die Verspieltheit, die sanfte Intimität und nicht zuletzt für die Liebe.

Sein Buch Fire Island Pines: 1975 - 1983, das 2013 bei Damiani erschienen ist und zum großen Erfolg wurde, enthält 350 Archiv-Aufnahmen und einen bewegenden Text von Bianchi selbst. Es sind seine Erinnerungen an diese Ära und an die Zeit, die danach folgen sollte — in der nichts mehr so wie vorher sein sollte: eine Zeit unvorstellbarer Angst, Verzweiflung, Wut und Tod durch die Aids-Krise. Neben seiner Arbeit als Fotograf und Autor ist Tom Bianchi Mitbegründer einer Biotechnologie-Firma, die an Aids-Medikamenten forscht.

In New York hat in der Galerie Throckmorton Fine Art nun eine neue Ausstellung mit den Aufnahmen aus dem Buch eröffnet. Fast 50 Jahre nach Stonewall sind es Künstler wie Tom Bianchi und diese Generation von schwulen Männern, die uns vor Augen führen, wie queere Menschen im goldenen Zeitalter von Fire Island die Scham und die Stigmata, die mit Homosexualität assoziiert waren, abgelegt haben und stattdessen Selbstliebe und gegenseitige Solidarität gelebt haben. Und diese Momente für die Nachwelt festgehalten haben. "Wir haben ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt und uns selbst als besonders wahrgenommen, weil wir nicht in die Gesellschaft gepasst haben, in der wir gelebt haben", sagt Bianchi.

Tom Bianchi: Fire Island Pines Polaroids 1975 - 1983

"Tom Bianchi: Fire Island Pines Polaroids 1975 - 1983" kannst du dir noch bis zum 16. September 2017 in der Galerie Throckmorton Fine Art in New York anschauen. Das Buch ist bei Damiani erschienen.

Credits


Fotos: Tom Bianchi, Courtesy of Throckmorton Fine Art