cory arcangel und p. diddy bei louis vuitton

München kann auch Kunst: Im Espace Louis Vuitton werden momentan die Arbeiten des amerikanischen Künstlers Cory Arcangel ausgestellt. Die Werke des Amerikaners halten unserer Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht und setzten sich von Paris Hilton bis P...

von Moritz Gaudlitz
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24 Juni 2015, 7:50am

Foto: Bennett Williamson

Man könnte dem 36-jährigen amerikanischen Künstler Cory Arcangel vorwerfen, seine Kunst sei modisch und berechenbar, da er sich den offensichtlichen Dingen unserer technisierten, kapitalistischen Internet- und Konsumgesellschaft bedient, sie mit seinen Techniken übersetzt und uns mit Produkten der Unterhaltungsindustrie und Amerikas Instagram-Society konfrontiert. Und jetzt zeigt er seine von Miley Cyrus, P. Diddy, Paris Hilton, Gameboy, Photoshop und Post-Internet inspirierte Medienkunst auch noch im Espace Louis Vuitton in München, dem Kunstraum eines der größten und exklusivsten Modehäuser der Welt.

Doch diese Vorwürfe sind weit hergeholt und unberechtigt! Er war seit Bruce Naumann der jüngste Künstler, dem das New Yorker Whitney Museum 2011 eine Einzelausstellung widmete, und zusätzlich wurde ihm eben erst in München im Rahmen des Kino der Kunst"-Festivals der Preis für das Filmische Gesamtwerk verliehen. Obwohl Arcangels Arbeiten nicht unbedingt filmisch sind, rechtfertigen seine technischen und ästhetischen Erfindungen und seine experimentelle Herangehensweise den Preis.

All the small things, 2014. Ausstellungsansicht, Herning Museum of Contemportary Art, Herning, Dänemark 

Arcangel wurde 1978 in Buffalo, im US-Bundesstaat New York geboren und studierte später Kompositionslehre in Ohio. Als er nach New York City kam, dachte er, er sei Komponist. Das änderte sich schnell. „Ich habe alles gemacht, worauf ich Lust hatte. Mich dann Künstler zu nennen, war vielleicht die einfachste Art zu rechtfertigen, mit verschiedenen Medien zu experimentieren". Seit 20 Jahren surft er nun durchs Web, wie er selbst sagt. Er befasste sich bereits mit Computern und deren Programmen, als sie noch nicht Mainstream waren, lernte diverse Programmiersprachen und Codes, komponierte Musik, bastelte an Computerspielen und schrieb Open-Source-Programme. Für ihn war es ein Spiel mit technologischen Entwicklungen, den Möglichkeiten des Internets und dem Einfluss von Trends. 

Heute bedient er sich digitaler Quellen, nutzt alte Techniken, bestimmte Codes, Open Source-Befehle und kombiniert sie ziemlich intelligent in Installationen für unsere Zeit, eine Zeit von Instagram, Facebook, YouTube, Smartphone, Mode - vor allem aber für die Zeit der Selbstdarstellung. Dadurch ist sein künstlerisches Werk auch so vielseitig. Websites, Video- und Musikinstallationen, Bücher, Kataloge, iPhone-Hüllen, Bettwäsche. Einen Teil verkauft er in seinem eigenen Onlinestore ‚Arcangel Surfware'. „In den letzten Jahren wurde Fashion ein ziemlich großer Teil meiner Arbeit, da sie sich auf die Zeit, in der wir leben, bezieht. Technologie und Internet ist auch ein Teil von Mode".In seinem Online-Shop nimmt er seinen Kunstwerken das Erhabene. Jeder kann Zugriff auf seine Kunst haben. 

Diddy / Lakes, 2013 

Aktuelle Werke und eine gute Auswahl wegweisender Arbeiten sind nun im Espace Louis Vuitton in München unter dem Titel „Be the first of your friends" zu sehen. Schon im Titel ist die ständige Auseinandersetzung des Künstlers mit der selbstreferentiellen, digitalen Kultur und ihrer Produktions- und Distributionsmethoden zu erkennen. Betritt man den Ausstellungsraum, sucht man den Ausstellungsraum. Ein roter Teppich mit einem asymmetrisch versetzten blauen Punkt sticht sofort ins Auge. Dazu Popmusik von Shania Twain und ein Tisch voller Smartphones. Arcangel hat den Räumen bewusst den „White Cube"-Charakter genommen. Durch seine Arbeiten werden sie zum Showroom. Der Teppich besteht aus einem Photoshop-Standard-Verlaufsmuster, wiedergegeben als maßgeschneiderte, begehbare Arbeit auf beiden Ebenen des Espace. Auf den Smartphones ziehen die legendären Wolken des Game-Klassikers Super Mario vorbei. Durch Hacks und Nintendo Emulatoren bringt er Altes auf neue Geräte. Cory Arcangel leistet einen Beitrag zur Kunstgeschichte, indem er Inhalte, die durch technologische Entwicklungen verschwinden, wieder sichtbar werden lässt und so die Grenzen zwischen alt und neu verschwinden lässt.

Aus einer Bang & Olufsen Beolab 6000 Stereoanlage läuft amerikanische Popmusik. Hier spielt Arcangel auf eine alte Arbeit mit dem Titel „Since U Been Gone" an. Der Künstler begann CDs zu sammeln und setzte sie irgendwann in Bezug zu Kelly Clarksons Hit aus dem Jahr 2004. Weil er das veraltete Medium CD präsentieren wollte, musste es auch mit dem schönsten CD-Player gezeigt werden, der je produziert wurde. Für Arcangel ist dieses Gerät ein Liebhaberstück, das je nach Ort der Ausstellung von lokalen Händlern geliehen wird. Der Player wird zur Leihgabe, die Leihgabe zum Kunstwerk. „Die CDs sind in diesem Gerät nicht mehr unsichtbar. Sie sehen wie bizarre Objekte aus. Es wird zu einer beweglichen Skulptur. Ich liebe diese Anlage, ich wollte immer eine haben", sagt er enthusiastisch.

In der Serie Lakes aus dem Jahr 2013 zeigt der Künstler Bilder aus seinen Digitalarchiven.  LED-Screens hängen hochkant an der Wand und funktionieren wie herkömmliche Porträts. Mit Hilfe des Java-Applets „Lake" aus den 90ern lässt er einen gespiegelten Bildausschnitt wie eine Wasseroberfläche erscheinen. Im Mittelpunkt der Serie steht Rapper P.Diddy, der selbstgefällig und ziemlich lässig auf der Treppe seines Privatjets posiert. Arcangel gelingt es hier, die kritischen Erwartungen des Betrachters an die Gegenwartskunst zu reduzieren. Alles ist gut, wie es ist, auch wenn es überflüssig ist. In der Arbeit neben Diddy, leuchtet ein iPhone Snapshot von Paris Hilton auf Skiern, #Aspen. Genauso überflüssig, aber dadurch signifikant. „Ich bin ein Fan von Diddy. Wegen seinem Instagram und seiner Motivation, die er dort zum Ausdruck bringt. Das liebe ich. Auch Paris ist sehr motiviert. Ich habe schon früh angefangen, mich mit ihr zu beschäftigen. Sie ist in einer interessanten Phase, weil sie nicht Kim Kardashian ist, aber es mal war und gut damit umgehen kann".

Es ist spannend, wie Arcangel repräsentative Akteure und Innovationen der globalen Popkultur wahrnimmt, in seiner Kunst verarbeitet und den Betrachtern vorführt. Auch der Ausstellungsort ist ziemlich passend für seine Arbeiten. 

Arcangels Arbeiten sind besonders und mutig. Sie bewegen sich kunstgeschichtlich auf dünnem Eis, wobei es ihm nicht darum geht, Kunst zu machen. Es geht ihm darum, seine Interessen zu verfolgen und sich auszudrücken. Der Begriff Kunst passt dann ins Setting. Etwas beschämt, aber schmunzelnd sagt er abschließend. „Ich weiß nicht, ob ich so viel über Kunstgeschichte weiß. Vielleicht über die letzten 100 Jahre. Ich muss sicher noch viele Hausaufgaben machen. Doch sobald du in einer Galerie oder in einem Museum bist, bist du im Diskurs".

Noch bis zum 8. August kannst du „Cory Arcangel: Be the First of your friends" im Espace Louis Vuitton München, Maximilianstraße 2A , sehen. 

@coryarcangel

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Bilder via coryarcangel.com
Portät: Bennett Williamson

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