Eine Liebeserklärung an die Berliner Jugend

Im Laufe des Jahres werden wir die Fotografen vorstellen, die ihn ihren Arbeiten das Leben von jungen Deutschen dokumentieren – und so ein Zeitzeugnis für die Jugend schaffen. Den Anfang macht Shirin aus Berlin.

von Alexandra Bondi de Antoni; Fotos von Shirin
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25 Januar 2017, 9:50am

Shirin ist 19 Jahre jung, gebürtige Berlinerin (ihre Mutter ist auch Berlinerin und ihr Vater Nigerianer) und passionierte Fotografin. Schon seit einigen Jahren dokumentiert sie ihr Leben mit analogen Bildern, die sie über ihren Instagram Account @030shirin mit der Welt teilt. Auf den Bildern sieht man Berliner Jugendliche, wie sie abhängen, feiern, die Nacht zum Tag machen und durch die Straßen der deutschen Hauptstadt ziehen. Ihre Fotos sind spontan, ehrlich und fangen den jugendlichen Freigeist mit einer Leichtigkeit ein, die wir uns manchmal für uns selber zurückwünschen. Shirin ist die erste in unserer neuen Reihe, in der wir dir über das Jahr verteilt, regelmäßig Fotografen, die wir auf Tumblr, Instagram und Co. entdeckt haben, in Interviews vorstellen, um ein Bild der deutschen Jugend zu schaffen - in ihren eigenen Fotos erzählt und dokumentiert. Was es mit dem 030 in ihrem Usernamen auf sich hat, warum „Berlin ihr Baby ist" und warum sie gerne mal für eine große Marke wie Gucci oder Chanel fotografieren würde, hat sie uns im Interview verraten.


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Kannst du dich an das erstes Foto erinnern, das du gemacht hast?
An mein erstes Foto nicht wirklich, aber zu meinem 10. Geburtstag habe ich meine erste eigene Kamera geschenkt bekommen. Mit 13 habe ich dann all mein Erspartes für eine Spiegelreflexkamera ausgegeben und dann vor zweieinhalb Jahren, als ich mit meiner besten Freundin in den Urlaub gefahren bin, habe ich die alte Analogkamera meiner Mutter mitgenommen, da ich die Erinnerungen für immer haben wollte. Und nicht digital fotografieren wollte, weil man die Fotos so schnell wieder löscht.

Deine Fotografien sind sehr dokumentarisch, man sieht deine Freunde, wie sie abhängen und das Leben Leben sein lassen. Was interessiert dich so an der Dokumentation deiner Umgebung?
Ich liebe es, alte Fotos aus den 70ern/80ern/90ern/00ern anzuschauen und zu sehen, wie der Lifestyle der Menschen damals war. Genau so freue ich mich, in ein paar Jahren auf meine Fotos zurückzublicken, da sie immer authentisch sein werden und das Leben genau so repräsentieren, wie es gerade ist. Man sieht deutlich, wie sich der Style und das Leben verändert.

Wer sind die Leute, die du fotografierst?
Einfach Leute in meiner Umgebung, also meistens meine Freunde oder interessante Leute, die mir über den Weg laufen.

Kannst du dich an eine besondere Geschichte hinter einem deiner Fotos erinnern?
Ja, da gibt es eine sehr verrückte Geschichte. Ich war mit meiner besten Freundin in Amsterdam feiern, die einzige Nacht meines Lebens, von der ich einen Filmriss habe. Zurück in Berlin habe ich dann die entwickelten Filme abgeholt, die ich in Amsterdam geschossen hatte, und ein Foto von mir mit einem Mikrofon neben dem MC der Party gefunden, an das ich mich nicht erinnern konnte. Auf einmal hatte ich einen Flashback und rief sofort meine Freundin an. Dann kam alles hoch, dass ich unbedingt ins Mikrofon sprechen wollte, vor Hunderten von Leuten. Ich glaube, ich habe den MC so lange genervt, bis er mir dann das Mikrofon hinhielt und ich irgendeinen Schrott hineingeschrien habe. Meine Freundin hat genau in dem Moment ein Foto von mir geschossen. Zum Glück war das in Amsterdam und ich kannte keinen, in Berlin wäre ich schon im Erdboden versunken. Wir sind aber beide bis heute noch der Überzeugung, dass uns jemand was in den Drink gemischt hat, da wir uns beide an genau die gleichen Teile der Nacht nicht mehr erinnern können, das ist nicht normal.

Wo fotografierst du am liebsten?
Eigentlich auf Partys oder wenn es draußen dunkel ist. Verwendet man Blitz, entstehen die besten Fotos.

Wie würdest du deine Fotografie in drei Wörtern beschreiben?
Spontan, authentisch, jung.

Was macht für dich die spontane Snapshot-Ästhetik aus?
Dass die Fotos nicht gestellt aussehen beziehungsweise sind und dass man normale Alltagssituationen, die jeder kennt, in einer gewissen Weise und Ästhetik einfängt.

Was bedeutet Berlin für dich?
Berlin bedeutet sehr sehr viel für mich. Ich glaube, wir in Berlin sind extrem verwöhnt mit dem, was wir hier haben, da wir einfach alles haben. Überall wo ich hingehe, schwärme ich davon, wie dieses und jenes besser in Berlin ist, und ich glaube, dass ich meine Freunde damit schon nerve. Berlin ist für mich die perfekte Stadt, natürlich bin ich sehr davon beeinflusst, dass ich einfach schon mein ganzes Leben hier wohne und Berlin mein Baby ist. Aber bis jetzt war ich noch nie an einem Ort, der mir am Ende besser gefallen hat als Berlin. Hier ist einfach alles möglich. Was ich immer zu schätzen vergesse und mir erst auffällt, wenn ich weg bin, sind die Spätis, das billige jedoch gute Essen Tag und Nacht, die öffentlichen Transportmittel rund um die Uhr und die allgemein niedrigen Lebenshaltungskosten. Mit fünf Euro kannst du die beste Nacht deines Lebens haben. Man realisiert das alles erst, wenn man es nicht hat.

Du nennst dich auf Instagram 030shirin . Was hat es mit dem 030 auf sich?
030 ist, wie man vielleicht weiß, Berlins Vorwahl, jedoch heutzutage auch einfach die Zahl, die für Berlin steht. 030 war auch mein erstes Tattoo, und ich trage die Zahl stolz, als eine der letzten OG Berliner, denen man hier noch über den Weg läuft.

Wen oder was würdest du gerne einmal fotografieren?
Interessante Frage ... Ich glaube, am liebsten meine Lieblingskünstler, da meine Fotos ja sehr spontan und privat sind, und ich sie damit so zeigen könnte, wie sie sind, ganz authentisch, kein übertrieben inszeniertes Fotoshooting, einfach mit ihnen abhängen und ich mache Fotos. Das wäre schon cool. Ich würde aber auch gerne ein Shoot für eine angesehene Marke wie Gucci oder Chanel umsetzen, jedoch mit der Ästhetik meiner Fotos. Ich glaube, das wäre ein sehr krasser Clash zweier komplementärer Welten. Na ja, das ist jetzt mehr oder weniger Fantasie ... Vielleicht ja irgendwann.

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