im gespräch mit dem 17-jährigen, der fka twigs für nike fotografiert hat

Der in Brüssel lebende Fotograf David Uzochukwu erzählt uns, wie es zu der Kollaboration mit der Künstlerin kam und warum Alter kein Kriterium sein sollte.

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Jan. 13 2017, 12:10pm

David Uzochukwu ist ein Ausnahmetalent. Nach seinen ersten Selbstporträts, die er im Alter von 13 Jahren auf Tumblr hochgeladen hat, ging seine Karriere als Fotograf steil nach oben: Er wurde in Flickrs 20 under 20 und Adobes 25 under 25 Liste gefeatured, wurde 2014 EyeEm Photographer of The Year und wird seit 2015 von der renommierten Pariser Fotoagentur Iconoclast vertreten. Die Zusammenarbeit mit FKA Twigs und Matthew Josephs für die neueste Nike Women-Kampagne ist der vorläufige Höhepunkt von Davids außergewöhnlichem Talent.

Dennoch ist David auf dem Boden geblieben. Wer seine persönlichen Arbeiten kennt, sieht das sofort. Davids Fotografien sind immer Ausdruck seiner selbst, ein Teil seiner persönlichen Entwicklung, radikal, direkt, ehrlich, selbstkritisch und reflektiert. So ist David auch im Gespräch. Er spricht offen über seine Zusammenarbeit mit FKA Twigs, seinen kritischen Umgang mit sozialen Medien und über den Grund, warum er nirgends mehr sein Alter preisgibt.

Wie war es, mit FKA Twigs zusammenzuarbeiten?
Fantastisch. Ich habe noch nie mit jemand anderem gearbeitet, der sich selbst immer wieder freiwillig so an seine eigenen Grenzen bringt. Sie weiß genau, was sie will und hat ein fantastisches Gespür für Emotionen. Wir mussten unter immensem Druck arbeiten, und sie kann Energie so hochschaukeln, dass man automatisch selbst auch auf Hochtouren läuft.

Wie kam es zu eurer Kooperation?
Matthew Josephs, der für die Herkulesaufgabe verantwortlich war, FKA Twigs, Tänzer und Athleten für Film und Bilder zu stylen, zeigte ihr meine Arbeiten. Er hatte in der Vergangenheit sowohl mit ihr als auch mit mir zusammengearbeitet und führte uns dann für die Kampagne zusammen. 

Wie unterscheiden sich deine persönlichen Arbeiten von kommerziellen Projekten?
Ich versuche, an Auftragsarbeiten wie an eigenen Arbeiten heranzugehen, sonst könnte ich mit ihnen nicht glücklich werden. Generell bin ich ein Planer—ich skizziere Bilder bevor ich fotografiere—, aber in meinen rein persönlichen Bildern ist trotzdem noch mehr Platz für Spontanität als in kommerziellen Projekten. Die meisten Kunden können sich die nicht leisten. Wenn ich meine Schwester fotografiere, kann das Bild geneigt sein, die Haut von Markierungen geprägt, das Bild in Unterwassertönen gehalten—alles Komponenten, die relativ spontan zueinander finden und glücklicherweise funktionieren. Bei einem  Auftrag muss jedes Bild massentauglich sein, und im Vorhinein sorgfältig geplant werden. Da kann natürlich leicht jeder Charme verloren gehen.

Nervt es dich, dass dein Alter oft mit deinem Namen und deiner Arbeit in Verbindung gebracht wird?
Ich schreibe mein Alter nirgends mehr dazu. Es ist ein schöneres Gefühl, wenn jemandem meine Arbeiten an sich gefallen, als jegliche Faszination auf mein Alter zurückführen zu müssen.

In einem Interview von vor zwei Jahren hast du gesagt, dass du dich von Social Media zurückziehst, um dich auf besser auf deine Arbeit zu konzentrieren. Was ist seitdem passiert und wie stehst du heute dazu?
Sich ganz zurückzuziehen funktioniert nicht, wenn man mit anderen zusammenarbeiten will. Aber ich habe meinen Social-Media-Konsum reduziert. Ich folge weniger Leuten, habe kaum Apps auf meinem Handy, oder lösche sie, sobald ich etwas gepostet habe, und muss sie dann jedes Mal neu herunterladen. Was ich gelernt habe: Um mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, muss ich nicht Einsiedler werden—ich muss nur wirklich oft arbeiten!

Denkst du, dass deine Anzahl an Follower auf Social Media mit deinem Erfolg als Fotograf zusammenhängt? Wie ausschlaggebend sind sie für Aufträge und wie wichtig werden sie deiner Meinung nach in Zukunft sein?
Ich hoffe, dass sie nur insofern mit meiner Karriere zusammenhängt, als dass man mit einer größeren Reichweite auch eher an einer Zusammenarbeit interessierte Menschen erreicht. Aber ich weiß, das PR-mäßig oft auf Followeraccounts geschaut wird, egal ob bei Fotografen, Models oder Beautyteam. Meistens sieht man das den Ergebnissen dann an, die Massen folgen nicht zwingend dem Talent. Ich glaube nicht, dass sich das so bald ändern wird, aber ich kann versichern, dass ich nicht einmal daran denke, so zu arbeiten.

Wie hat sich deine persönliche Arbeit in den letzten Jahren entwickelt?
Es hat sich eine (leichte) Entspanntheit eingestellt. Ich lasse dem Zufall viel Platz, weil ich das Eigenleben eines Bildes nicht gleich durch zu starre Vorstellungen ersticken will. Das kommt auch daher, dass ich jetzt öfter mit anderen zusammenarbeite. Wenn ich mich für ein Bild körperlich oder emotional herausgefordert fühle, wenn ich mir viel vorgenommen habe oder meinem Instinkt vertraut habe, dann fühlt sich ein Foto für mich lebendiger an und ich bin stolz. Bei persönlichen Arbeiten aus dem letzten Jahr war das zwei Mal so: Bei dem Porträt meiner Schwester und einem Selbstporträt in Kakteen.

FKA Twigs hat gesagt, dass sie in ihrer Kampagne junge Leute versammeln wollte, die allesamt hart arbeiten, sensibel sind und sowohl zu ihren Stärken als auch ihren Schwächen stehen. Gab es andere Künstler und Sportler, die dich bei dem Shooting besonders inspiriert haben und warum?
Man kam nicht umher, die Menschen am Set zu bewundern. Jeder hat dort alles gegeben, man hat sich ergänzt. Die Menschen vor und hinter der Kamera haben sich alle durch ihre Leidenschaft und Originalität ausgezeichnet. Ich kann entweder alle oder niemanden hervorheben. Aber es gab außerordentlich viele Tänzer. Die sind die genialste Gemeinschaft, die man sich vorstellen kann. Man kommt sich in ihrer Mitte menschlicher vor als sonst irgendwo. Man darf sein, wer man sein will; wächst gemeinsam, powert sich aus und macht trotzdem irgendwie weiter. Tänzer leben puren Ausdruck, etwas Inspirierenderes kenne ich nicht.

Wie würdest du deine Stärken und Schwächen beschreiben?
Ich arbeite ständige an mir selbst, verfüge über ein relativ gutes Menschengespür und einen Sinn für Ästhetik, und ich bin belastbar, wenn es stressig wird. Den Gedanken, Fehler zu begehen oder als unintelligent zu erscheinen, kann ich nicht ausstehen. Ich teile mich meinen Mitmenschen nicht oft genug mit und stehe auch noch nicht oft genug für mich selbst ein. Ich habe Probleme mit meinem Selbstwertgefühl. Ich bin immer unruhig, nie wirklich zufrieden. Das ist meine schlimmste Schwäche und meine größte Stärke.

Was möchtest du jungen Künstlern mit auf den Weg geben?
Produziert viel! Veröffentlicht starke Arbeiten! Und lasst euch nicht ausnutzen! Ich glaube nicht, dass es jemals eine Zeit gab, in der junge Künstler so viel Kontrolle über ihre Karriere hatten wie heute. Macht was draus!

@daviduzochukwu

Credits


Text: Severin Matusek 
Fotos: David Uzochukwu