das amerika der armen und reichen der vergangenen jahrzehnte

Joel Sternfeld dokumentierte in den 70ern und 80ern das Leben in den USA. Was er vorgefunden hat? Ein Land voller Gegensätze – schon damals. Auf der einen Seite Ferraris und auf der anderen Seite obdachlose Jugendliche, die auf dem Campingplatz wohnen...

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31 Januar 2017, 10:15am

Kansas City, Kansas, May 1983

Nach der Wahl im letzten Jahr und dem neuen US-Präsidenten Donald J. Trump steht Amerika wieder einmal vor einer Richtungsentscheidung. Oder besser gesagt: Amerika hat sich bereits entscheiden. In welche Richtung sich das Land nun entwickelt, bleibt abzuwarten. In turbulenten Zeiten, wie diesen, lohnt sich ein Blick zurück, um zu verstehen, wie dieses Land wirklich tickt.

In Amerika hat es lange Tradition, dass Fotografen durch das Land reisen und die Landschaften und Leute in Krisenzeiten fotografieren. Vom amerikanischen Bürgerkrieg, der einer der ersten Konflikte war, die fotografiert wurden, bis hin zu Walker Evans mit seinen Bildern der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er. Sie zeigen den unkaputtbaren Geist derjenigen, die in dieser schwierigen Zeit der Armut überlebt haben. Dann gibt es wiederum auch die Fotografien, die eine andere Seite des Landes zeigen und weniger politisch aufgeladen sind. Da sind zum Beispiel William Egglestons surreale Fotos, die den Alltag der Menschen in diesem weiten Land zeigen oder Robert Franks umfangreicher, ja fast soziologischer, Blick auf Amerika, der wie ein Außenseiter auf die Zustände in den USA geblickt hat. Ryan McGinley fällt auch in diese Kategorie und zeigt uns mit seinen Aufnahmen das Amerika des 21.Jahrhunderts. Joel Sternfelds Fotoserie American Prospects, die über zehn Jahren entstand, kombiniert all diese Traditionen.

Agoura, Kalifornien, Februar 1988  

1978 machte er sich, wie bereits Robert Frank vor ihm, auf eine Reise durch Amerika, um mit einer Großformatkamera festzuhalten, was er unterwegs sieht. Dabei entwickelt er seine ganz eigene Bildsprache: detailreich mit weichen Farben. Man sieht große, weite Landschaftsaufnahmen, die bei ihm nur bestehen bei ihm neben der Natur auch aus Städten und von Menschen gestalteten Kulturräumen bestehen. Zusammen ergeben seine Fotografien ein umfassendes Porträt von den USA, das gerade in dem heutigen politischen Klima immer noch Gültigkeit besitzt.

Das Amerika, das Sternfeld vorgefunden hat, ist geprägt von dem Gegensatz zwischen einer neuen und der alten Realität. Es ist eine Gesellschaft, die zwischen Arm und Reich gespalten ist. Eine Gesellschaft, die sich in einer sich verändernden Welt zurechtfinden muss und daran manchmal auch scheitert. Sein Amerika ist ein Land sozialer Benachteiligung, mit reichen Enklaven, die sich abschotten, während ländliche Gebiete sich selbst überlassen sind und Vororte weiterwachsen. Im Mittelpunkt seiner Fotografien stellt er selten Menschen, sondern nutzt sie in seinen Bildkompositionen stattdessen geschickt als Statisten.

USS Alabama, Mobile, Alabama, September 1980 

Sternfelds Aufnahmen sind keine Frank'schen Schnappschüsse des Lebens auf der Straße. Dramatisch sind sie dennoch. Die Architektur, die Landschaft und die Bewohner ergeben einen spannenden Mix, der den Kontrast in diesem für europäische Augen so widersprüchlichem Land personifiziert.

Seine Fotos sind ein Zeugnis der vorherrschenden Ungleichheit in Amerika. Auf der einen Seite sehen wir ein Amerika, das nicht besonders schön ist, in dem Häuser zerfallen und auf der anderen Seite ein Amerika, das im Vergleich dazu zu makellos und perfekt aussieht. Und genau das ist Amerika: ein Land mit vielen inneren Widersprüchen in sich.

Wet 'n Wild Aquatic Theme Park, Orlando, Florida, September 1980  

Die Fotoserie trägt den Titel American Prospects, sie ist aber keine Fotoreportage im klassisch dokumentarischen Sinn. Seine surrealistischen Aufnahmen sind mehr als sie auf den ersten Blick offenbaren. Durch die Farbbearbeitung erhalten sie fast eine Qualität wie eine Szene aus einem David-Lynch-Film. Man erkennt etwas scheinbar Vertrautes, aber hat doch ein ungutes Gefühl dabei. Und genau das macht Sternfelds Bilder so stark.

So sehen wir auf einem Foto einen nagelneuem Ferrari auf der Straße stehen und daneben einen afghanischen Windhund vor einem tadellos gepflegten Garten sitzen. Kontrastiert wird diese kalifornische Idylle mit dem Foto von einem verfallenen, schneebedeckten Industriekomplex in West Virginia, Teil des sogenannten Rusting Belt. Oder einen jungen obdachlosen Mann, der auf einem Campingplatz lebt. Auch das ist Amerika. In Alabama wird vor einem Kriegsschiff geangelt. Dann wiederum sehen wir Amerikaner vergnügt im Wasserpark spielen oder wie ein typisches Kind aus den 80ern mit einer großen Brille und einem T-Shirt auf einem grünen Hot Rod sitzt.

Exhausted Renegade Elephant, Woodland, Washington, Juni 1979  

Seine vielleicht bekannteste Aufnahme ist auch zugleich das surrealistischste Foto: „Exhausted Renegade Elephant" (erschöpfter, entlaufener Elefant), auf dem tatsächlich ein erschöpfter Elefant mitten auf einer Landstraße zu sehen ist. Nicht weniger bekannt ist sein Bild mit dem brennenden Haus, während sich im Vordergrund ein Feuerwehrmann an einem Gemüsestand den besten Kürbis aussucht.

Ja, Amerika, du bist ein Land voller Widersprüche.

McLean, Virginia, Dezember 1978 

Rustic Canyon, Santa Monica, California, Mai 1979 

Red Rock State Campground (Boy), Gallup, New Mexico, September 1982 

Grafton, West Virginia, Februar 1983 

Ketchum, Idaho, Oktober 1980 

Joel Sternfeld Colour Photographs 1977 - 1988 läuft noch bis zum 18. Februar in der Londoner Galerie Beetles + Huxley.

Credits


Text: Felix Petty
Fotos: © Joel Sternfeld, Courtesy of Luhring Augustine and Beetles + Huxley