wie man einem traditions-label neue relevanz verleiht, beweist fran stringer bei pringle of scotland

Wir haben mit dem neuen Creative Director von Pringle of Scotland nach ihrer Debütshow über Werte, ihre ungewöhnliche Kindheit und das Revival von einem der ältesten Modehäuser der Welt gesprochen.

von Anders Christian Madsen
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02 November 2016, 9:20am

Umzingelt vom Brand Director und PR-Manager in ihrem Studio in London-Hammersmith holt Fran Stringer tief Luft, bevor sie den ersten Satz sagt. Es ist ihr erstes Interview als Womenswear Design Director bei Pringle of Scotland, dem ältesten Modehaus der Welt. Es ist sogar ihr erstes Interview überhaupt, wenn man mal von den Leuten backstage bei ihrer Debütshow im Februar absieht. „Es ist manchmal überwältigend", sagt sie ruhig mit einer mädchenhaften Tonlage, die ihren nordenglischen Akzent abschwächt. „Fast jeder, den ich kenne, hat einen Pullover von uns und wir haben den mehr oder weniger erfunden." Als Modedesigner zu Pringle of Scotland zu kommen, ist so ähnlich wie als Bürgerliche ins Königshaus einzuheiraten: Jeder kennt die Familiengeschichte besser als man selbst. Sogar Suzy Menkes hat ihr den schriftlichen Segen erteilt—damit hat sie die Feuertaufe offiziell bestanden. Die bekannte Modekritikerin hat die feminine Härte und die voluminösen Silhouetten gelobt: „Das ist ein seltenes Kompliment von mir, aber Fran Stringer hat bei Pringle alles richtiggemacht".

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Wie sich zeigt, war es die richtige Idee, eine Frau aus Nordengland anzustellen, um der 200 Jahre alten schottischen Marke wieder Relevanz zu verleihen. Aufgewachsen ist Stringer in den 80ern in der Küstenstadt Middlesbrough im Norden Yorkshires, der Pringle-Boom mit dem Preppy-Style erlebte da gerade seinen Höhepunkt. Ihre Brüder hätten munter mitgemacht. „Sie haben ihre rosefarbenen Pullover mit Argyle-Muster angezogen, um in die Stadt zu gehen. Das war eine große Sache in Middlesbrough." Ihr Vater war Architekt, ihre Mutter eine frühe Anhängerin der New-Age-Philosophie, die Fußreflexzonenmassagen gegeben und überall im Haus Kristalle aufgestellt hat. „Sie ließ sonntags einen buddhistischen Mönch mit seiner orangefarbenen Kutte kommen und im Vorderraum haben sie Gebete gesprochen." Das klingt heutzutage nach keiner großen Sache, aber vor 20 Jahren, in einem Vorort im Norden Englands, war das ein großer Schock. „Die Nachbarn waren wie …", und sie macht große Augen, „Ich war vielleicht ein bisschen darauf fixiert, aber mein Vater dachte, dass es nicht ganz das richtige sei, also ist er mit mir sonntags ins Kino gefahren, damit ich nicht im Haus bin."

War dieses Leben für einen Architekten so ziemlich das genaue Gegenteil? „Sie haben sich natürlich scheiden lassen", sagt sie nüchtern und lacht dann. „Er hat später eine Buchhalterin geheiratet, das war perfekt." Eine Kindheit, die geprägt ist vom inneren Chi und blauer Aura, sorgt für eine eher nachdenklichere Einstellung. „Ich praktiziere Zen", erklärt sie. Sie rüffelt uns, wenn wir Fitbits oder die Mikrowelle benutzen", sagt Katy Wallace, Director of Brand, Design and Studio von Pringle. „Deine Mutter hat dir nicht mal W-LAN erlaubt" - „Nein!", stößt Stringer aus. Sie spricht bedächtig und ist in ihrer dunklen Knitwear und mit ihren braunen Haaren unauffällig, aber rausgeputzt. Sie sitzt vor ihrem Lookbook von der letzten Show und sieht dabei so aus wie die Frau, für die sie entwirft. Das ist in den letzten Jahren zum Trend für Designerinnen geworden: Phoebe Philo, Victoria Beckham und Gaia Repossi. Stringer hat viel mit ihnen gemeinsam: Sie steht für ruhigen, luxuriösen Anti-Glamour, der für eine Generation von Frauen entworfen wird, für die Cocktail-Kleider nicht synonym mit Vorstandsetagen und Kinder-von-der-Schule-Abholen sind. Zusammen mit ihrem Freund hat die Britin eine 4-jährige Tochter, Indigo.

„Ich bin eine Realistin. Ich denke viel über Kleidung und die Art und Weise, wie Leute sie tragen, nach. Was sie ihnen bedeutet und wie sie als Werkzeug genutzt wird, um ihre Persönlichkeit auszudrücken oder aber sie zu verstecken. Ich denke eher nach und lasse mich von Emotionen leiten, als dass ich recherchiere", sagt sie. Für ihre Pringle-Debütkollektion musste die Designerin eine eigenständige Handschrift entwickeln. Nachdem sie 2002 ihren Abschluss an der Nottingham Trent University gemacht hat, hat sie 13 Jahre lang in Designteams für Topshop, Aquascutum und dann Mulberry gearbeitet. Ihre neu gefundene Handschrift hat sich in makellos geschnittener Knitwear niedergeschlagen. Der Körper wird in Silhouetten geformt, die man als arty beschreiben muss, oder als Kleidung für Frauen, die es mögen, so auszusehen. Die Designerin vertieft sich aber nicht wie besessen in Bücher über moderne Kunst oder geht ständig auf Vernissagen, um sich inspirieren zu lassen. „Pringles Erbe kann wie eine Bürde wirken, aber gerade wegen der Verantwortung ist es ein natürlicher Prozess. Ich muss nicht in eine Galerie gehen oder einen zeitgenössischen Künstler finden, um mich inspirieren zu lassen, weil ich keine Ideen habe. Alles, was ich tun muss, ist mir das Archiv anzuschauen."

Ihre Kollektionen sind persönlich, realistisch und nicht eskapistisch. „Ich glaube, die Leute hatten ein bisschen Angst davor, die Worte zu benutzen, weil sie kommerzielle Untertöne haben. Aber ich werde so inspiriert. Das war schon immer so." In ihrer Herbst-/Winterkollektion 2016 hat Stringer die meisten von Pringles Heiligtümern gemeistert: Das Twinset, wie es von Grace Kelly zu ihrer Audienz bei der Queen getragen wurde. „Das Twinset wird als etwas starres Outfit gesehen, wie Hausfrauen aus den 50ern", sagt sie. „Aber diese Zeit liegt hinter uns. Frauen kandidieren heute für das US-Präsidentenamt oder sie sitzen in Aufsichtsräten. Sie sind die Brötchenverdiener und sie sind Multitasker. Wir brauchen keine Twinsets mehr, also wollte ich das widerspiegeln." Sie hat aus dem gestrickten Twinset ein ganzheitlichen Strick-Look gemacht: ein Strick-Rock mit Strick-Oberteilen, Strick-Hosen mit Strick-Cardigans und so weiter. „Oder dieser unglaublich schöne, luxuriöse Jogginganzug", sagt sie und zeigt auf einen Look auf dem Board. „Das ist das moderne Twinset von Pringle."

Stringers Realitätssinn schlägt sich nicht nur in alltagstauglichen Kleidungsstücken für die Frau von heute nieder, sondern auch in ihren Ansichten über Konsum; etwas, das nach ihrer Meinung mit ihrer Herkunft aus dem Norden Englands zu tun hat. „Jeder arbeitet dort hart für sein Geld. Deswegen habe ich schon immer Probleme mit Wegwerfmode gehabt. Wenn Leute schon nicht viel Geld zum Ausgeben haben, dann soll das, was sie kaufen, auch ein Investment sein. Ich liebe Handwerkskunst, Qualität und Langlebigkeit. Ob das nun daran liegt, dass ich in einer ärmeren Gegend aufgewachsen bin oder weil die Leute damals weniger gekauft haben und das, was sie gekauft haben, mehr geschätzt haben, da bin ich mir nicht sicher. Deshalb bin ich von der High Street weg. Ich habe reingeschnuppert, es nicht gemocht und bin weggegangen", sagt sie und meint damit ihre Zeit bei Topshop. „Ich glaube daran, dass weniger mehr ist." Das zeigt sich nicht nur in ihren Entwürfen, sondern auch in ihrem Zugang zur Modeindustrie.

Wie fühlt es sich an, im Scheinwerferlicht zu stehen? „Ich leide am Imposter-Phänomen", sagt sie. „Hast du davon schon mal gehört?", fragt sie. Populär gemacht hat den Begriff Sheryl Sandberg von Facebook in ihrem Buch Lean In und beschreibt damit die falsche Bescheidenheit bei Frauen. „Ich kann mich damit definitiv identifizieren. Ich bin keine unsichere Person, ich habe viel Selbstbewusstsein in dem, was ich kreativ tue. Aber ich denke immer: ‚Warum sollten die Leute etwas über mich lesen wollen?'. Wenn man einen Mann fragen würde, wie er sich im Job schlägt, dann würde er antworten, dass er toll ist. Wenn man eine Frau fragen würde, dann würde die antworten, dass sie nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Und ich bin diese Person", sagt Stringer und zuckt mit den Schultern. „Ich glaube, dass mich das nett und dankbar bleiben lässt."

Hier findest du alles aus unserer The Game-Changing Issue.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Matteo Montanari 
Styling: Emilie Kareh
Haare: Franco Gobbi at Streeters verwendet Bumble and bumble.
Make-up: Fara Homidi at Frank Reps verwendet Chanel Le Rouge Collection No.1 and Le Lift V Flash.
Nägel: Donna D at ABTP verwendet Chanel Le Vernis.
Fotoassistenz: Nicola De Cecchi, Leonardo Ventura, Joseph Trisolini.
Digitaltechnik: Diego Serralta.
Stylingassistenz: Shant Alvandyan.
Haarassistenz: Monet Moon.
Produktionsmanager: Richard Cordero for Select Services.
Produktion: Select Services.
Model: Fernanda Ly at Viva London.
Fernanda trägt Pringle of Scotland.