was du wissen solltest, bevor du dein eigenes modelabel gründest

Philip Rouse, Gründer des Pariser Showrooms Not Summer, hat mit uns darüber gesprochen, wie man sein eigenes Label erfolgreich vermarktet.

von 1 Granary
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28 Juli 2017, 8:30am

Wie wird man nach dem Abschluss einer Modeschule weltweit erfolgreich? Klar, man hat vielleicht alle technischen Design-Aspekte gelernt und seine kreative Vision verfeinert, aber in Wahrheit ist man kein dicker Fisch, sondern schwimmt in einem kleinen Pool zusammen mit vielen Haien.

Man muss einen Showroom finden, Käufer kontaktieren und sich für den richtigen Verkaufsort entscheiden — und das sind nicht gerade die ersten Themen, die an der Modeschule besprochen werden. Um jungen Designern bei all diesen komplexen Entscheidungen unter die Arme zu greifen, hat 1 Granary eine Reihe von Gesprächsrunden in der Sarabande: The Lee Alexander McQueen Foundation veranstaltet. Letzte Woche war Philip Rouse, der Gründer des Pariser Showrooms Not Summer, zu Gast, der mit dem Publikum seine Erfahrungen als Käufer geteilt hat.

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Wenn man direkt nach der Modeschule eine Marke gründet, kann es einem schon so vorkommen, als würde man in eine sehr teure und unbekannte Welt abtauchen. In den großen Mode-Hauptstädten wird das Produktionstempo und der Konsum von Kleidung, Bildern und Ideen immer schneller, wodurch einem nur wenig Zeit zum Innehalten und Nachdenken bleibt. Es scheint oft unmöglich, Experten aus dem Bereich zu kontaktieren, und das Internet allein —ob nun Instagram oder Facebook — reicht vielleicht nicht aus, um in der Modewelt den großen Durchbruch zu schaffen.

Philip hat uns folgendes erklärt: "Ihr müsst wirklich sehr strategisch denken. Nicht auf eine Art, die eure Kreativität einschränkt, sondern eine, die sie fördert. Wenn ihr nur wenig Geld zur Verfügung habt, müsst ihr was die Vermarktung angeht sehr kreativ werden, um ein Produkt rauszubringen, das den Leuten gefallen wird." Strategisches Denken und Planen sind ein wesentlicher Bestandteil für eine erfolgreiche Vermarktung. "Erstens: habe ich ein praktikables Produkt, was die Planung, die Preisbildung und die Alleinstellungsmerkmale angeht?" Philip möchte die Designer dazu bringen, sich selbst eine Reihe von Fragen zu stellen, bevor sie überhaupt mit dem Designen anfangen. "Zweitens: Habe ich die personellen und finanziellen Mittel, um es zu produzieren? Und drittens: Habe ich eine Art Strategie oder Absicht, die das Geschäft vorantreiben wird?"

Ihr müsst wirklich sehr strategisch denken. Nicht auf eine Art, die eure Kreativität einschränkt, sondern eine, die sie fördert. Wenn ihr nur wenig Geld zur Verfügung habt, müsst ihr was die Vermarktung angeht sehr kreativ werden, um ein Produkt rauszubringen, das den Leuten gefallen wird.

Eine der ersten und wichtigsten Dinge ist es, ein Produkt zu entwickeln, das das Zielpublikum begeistert. "In den paar Jahren habe ich gelernt, dass ich nie garantieren kann, dass meine Sachen sich gut verkaufen werden. Dafür garantiere ich aber, dass ich vollen Einsatz zeigen werde, immer", sagte Philip. "Es ist also mein Job, die Leute vom Produkt und seiner Geschichte zu überzeugen." In diesem Sinne sollte man sich statt auf den Verkauf eher auf die Entwicklung von Produkten konzentrieren, die die Leute begeistern werden, und darauf, gut zu durchdenken, für wen man seine Teile designt, wo sich diese Leute befinden und wofür sie sich interessieren. Junge Designer bedenken diese Dinge oft gar nicht. "Ich glaube, dass es als Designer, Markeninhaber oder Showroom-Agent eine riesige Kluft zwischen dem Endnutzer und dem Entwickler gibt." Derjenige, der die Kleidung produziert oder verkauft kann sich oft überhaupt nicht mit demjenigen identifizieren, der sie tragen soll.

Das perfekte Produkt zu designen ist aber nicht mal die halbe Miete. Der nächste Schritt ist es, jemanden zu finden, der die Marke vertreten oder sie in seinem Laden verkaufen will. Philip gab zu: "Es ist schwierig, weil es weltweit einfach so viele Marken und Produkte gibt. Wenn der Verkäufer, den man kontaktieren will, in einem Kaufhaus arbeitet, ist er 80% der Zeit unterwegs und bekommt täglich so viele Mails, dass eure darin leicht untergehen könnte. Einmal habe ich einen Käufer sagen hören, dass er jede Mail, zu der ein Anhang gehört, direkt löscht, weil er einfach keine Zeit dafür hat." Als Designer muss man sich also eine einzigartige Herangehensweise einfallen lassen, wenn man aus der Menge herausstechen und sich die Aufmerksamkeit der Brancheninsider sichern will. Philip Rouse hat vorgeschlagen, seine Arbeiten einfach "so rauszubringen, wie man es machen würde, wenn man auf Job- oder Wohnungssuche ist. So kann man viel mehr erreichen." Er betonte auch, wie wichtig es ist, die Initiative zu ergreifen: "Ich habe immer noch diese Art romantische Vorstellung, dass ich die Leute auf persönlicher Ebene kennenlernen kann und eine Art reisender Geschäftsmann bin. Nehmt das Budget, das ihr dafür vorgesehen habt und geht in einen Laden, reist und schaut euch Dinge an."

Es gibt viele Möglichkeiten, seine Kollektion mit einem minimalen Budget umzusetzen, aber es ist unmöglich, die Dinge umsonst zu produzieren. Wachstum kostet Geld.

Es ist extrem wichtig, rauszugehen. Viele Designer kennen ihre Traumläden und wissen genau, wo sie ihre Kollektion gerne verkaufen wollen. Aber man muss eine starke Vision haben und wissen, warum dieser Ort perfekt zur Kollektion passt. Deswegen ist es auch so wichtig, in den Laden oder Showroom zu gehen, zu beobachten und den Kunden zu verstehen. "Wenn ich mich mit Designern unterhalte, versuche ich immer, dass sie sich über die Vorgehensweisen anderer Leute Gedanken machen und sie dann daraus wählen können, was schon gemacht wurde."

Eine Sache, die vor allem auf persönlicher Ebene stattfindet, ist laut Philip Rouse, positive Beziehungen mit den Leuten aufzubauen, mit denen man als Designer zusammenarbeitet. Es geht im Endeffekt nicht immer nur um Zahlen. Aus der Sichtweise eines Käufers oder Vertriebsprofis kann Sympathie über eine potenzielle Zusammenarbeit entscheiden. "Wenn ihr euch nicht für eure Umgebung und die Leute begeistern könnt, mit denen ihr zu tun habt, kann eure Marke noch so cool sein", erklärte der Showroom-Besitzer. "Und wenn ich die Zusammenarbeit mit einer Marke beende, liegt es meistens eher an der Beziehung als am mangelnden Erfolg der Marke selbst."

Letztlich scheinen persönliche Beziehungen wichtiger als alles andere zu sein. Die Modebranche sieht von Außen vielleicht immer besonders glamourös aus, aber sein eigenes Label zu gründen und damit erfolgreich den Markt zu erobern, ist in Wirklichkeit oft viel glanzloser. Philip hat betont, wie wichtig es ist, sich klar zu machen, was man vorhat. "Es gibt viele Möglichkeiten, seine Kollektion mit einem minimalen Budget umzusetzen, aber es ist unmöglich, die Dinge umsonst zu produzieren. Wachstum kostet Geld. Man kann schon fünf Jahre lang im Geschäft sein und sich denken 'Oh, ich mache einen Gewinn!', aber im Endeffekt zahlt man nur seine eigene Arbeit." Er hat jungen Designern also geraten, eine Sache ganz vorne auf die Prioritätenliste zu stellen: Die persönliche Zufriedenheit.

Die Sarabande Foundation wurde von dem 2010 verstorbenen Lee Alexander McQueen gegründet, um Künstler und Designer zu fördern, die die Grenzen der Kreativität neu definieren. Die Stiftung gibt den besten Studenten von sieben Kunst- und Designhochschulen in Großbritannien Stipendien und umfasst 15 geförderte Ateliers und einen großen Ausstellungsraum in ihrem Hauptsitz in East London. Im Moment kann man sich für Herbst 2017 für Ateliers bewerben. Auf der Website der Stiftung findet ihr weitere Informationen.

Credits


Fotos: Mitchell Sams, Wales Bonner spring/summer 18

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