warum „thelma & louise“ immer noch ein klassiker der feministischen filmkunst ist

Der ultimative Girl-Power-Roadmovie kam vor 25 Jahren in die Kinos. Wir haben uns angeschaut, welchen Einfluss der Film immer noch hat.

von Nick Levine
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25 Mai 2016, 7:05am

Auch wenn du weißt, was am Ende von Thelma & Louise passiert und auch wenn du den Film bereits sechs oder sieben Mal gesehen hast, die Schlussszene ist immer wieder schockierend, überraschend—und bewegend. Nach ihrer ungeplanten Verbrechertour stellt sie die Polizei am Grand Canyon, Louise tritt aufs Gas und fährt den Ford Thunderbird über die Klippe. Sie sterben lieber einen ungewissen Tod als gefangen genommen und ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Der Kultklassiker feiert 25-jähriges Jubiläum und jede Kontroverse von damals ist längst vergessen. Was bleibt ist die feministische Message des Films: Thelma, gespielt von Geena Davis, und Louise, gespielt von Susan Sarandon, werden Flüchtige, weil sie wissen, dass ihnen die Polizei nicht glauben wird, dass Thelma im Begriff war, vergewaltigt zu werden, als Louise mit einer Waffe reinplatzt. „Dieser Wichser hat mir echt wehgetan und wenn du nicht gekommen wärst, hätte er mir noch schlimmer wehgetan", sagt Thelma gegen Ende des Films. „Und wahrscheinlich wäre ihm eh nichts passiert, weil ich die ganze Nacht mit ihm getanzt habe und jeder hat es gesehen. Sie werden denken, dass es meine Schuld ist." Verurteilungen wegen Vergewaltigungen sind nach wie vor selten. Das US-Justizministerium schätzt, dass es 2014 über 400.000 noch nicht bearbeitete Vergewaltigungsanklagen in den USA gab. Thelmas Aussage hat also nach wie vor nichts an ihrer Gültigkeit verloren.

Natürlich ist ein Teil der Wirkung des Films auf die Bildsprache zurückzuführen. Es sind meistens immer nur die Männer, die sich auf der Leinwand wie Gangster benehmen dürfen. Es macht einfach Spaß und ist auch ein wenig subversiv, zwei Frauen dabei zuzuschauen, wie sie Maschinen abfeuern, ein Fluchtauto fahren, einen Cop umlegen und den LKW eines sexistischen Mannes in die Luft jagen, nachdem er sie wiederholt beleidigt hat. Aber die Emanzipation von Thelma & Louise im Zeitraffer ist umso spannender, weil Callie Khouri, die einen Oscar für das Drehbuch gewonnen hat, es unauflöslich mit ihren Fehlern verbindet. Gerade der Fall Louise ist moralisch besonders schwierig, weil sie den Vergewaltiger von Thelma nicht direkt während der versuchten Vergewaltigung umbringt, als ihre Freundin in unmittelbarer Not schwebt, sondern ein paar Momente später, als er sie mit sexuell beleidigender Sprache reizt.

Später im Film erlebt Thelma ihr längst überfälliges sexuelles Erwachen und verbringt eine Nacht mit dem schönen, aber opportunistischen Cowboy, gespielt von Brad Pitt. „Endlich wurdest du richtig flachgelegt, ich bin so stolz", sagt Louise am Morgen darauf lachend. Kurz danach wird klar, dass Thelma dem Cowboy ihr ganzes Bargeld dagelassen hat. Das Paar ist nicht nur pleite, sondern wird auch polizeilich gesucht. Thelma begeht einen bewaffneten Raubüberfall, um ihre Flucht nach Mexiko zu finanzieren. Es ist ein krimineller Akt, aber auch ein Moment totaler Selbstvergewisserung für Thelma. „Ich erinnere mich nicht, wann ich mich das letzte Mal so lebendig gefühlt habe", erklärt sie Louise am Ende des Films. „Weißt du, alles sieht jetzt anders aus. Spürst du das? Du hast das Gefühl, dass es sich jetzt endlich für etwas zu leben lohnt."

Zwar hat Thelma & Louise nicht für die Welle an Filmen mit unerschrockenen Hauptdarstellerinnen gesorgt, wie viele damals hofften, aber beide Stars haben mit ihren eigenen Karrieren selbst dafür gesorgt.

Zwar hat Thelma & Louise nicht für die Welle an Filmen mit unerschrockenen Hauptdarstellerinnen gesorgt, wie viele damals gehofft haben, aber beide Stars haben mit ihren eigenen Karrieren selbst dafür gesorgt. Geena Davis hat 2004 das Geena Davis Institute on Gender in Media gegründet. Durch Forschung und Bildungsangebote will die Non-Profit-Organisation die Sichtbarkeit von weiblichen Charakteren in der Kinderunterhaltung verbessern. Davis steht außerdem dem Bentonville Filmfestival vor, das Frauen und bunte Stimmen in der Medienwelt fördert.

Sarandon hat 2013 allgemeine Verwunderung ausgelöst, als sie Feminismus als ein „altmodisches Wort" bezeichnet hat. Doch das schmälert in keinster Weise ihren Einfluss. Als kluge und artikulierte Frau und Bürgerin äußert sie stets öffentlich ihre Meinung. Sie blieb standfest, als Piers Morgan sie wegen ihres Ausschnitts bei den diesjährigen Screen Actors Guild Awards runtermachte und sprach ausführlich über ihre politischen Ansichten im aktuellen US-Präsidentschaftswahlkampf. Sie nannte es sexistisch, anzunehmen, dass sie Hillary Clinton Bernie Sanders vorzieht, nur weil sie eine Frau ist. Gerade erst in der letzten Woche beim Filmfestival in Cannes hat sie öffentlich ihre Meinung zu Woody Allen und den Vorwürfen wegen Kindesmissbrauchs geäußert—etwas, was nur wenige Hollywood-Schauspieler tun.

In einem aktuellen Interview mit Entertainment Weekly, haben beide Schauspielerinnen über die Zukunft von Frauen im Kino gesprochen. Darin sgate Saradon, dass „es für verantwortliche Studiobosse sehr schwer ist, sich mit Frauen zu identifizieren. Sie sehen in Frauen keine Heldinnen." Davis äußerte sich optimistisch: „Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Charakteren im Film ist seit 1946 unverändert. Die meisten Leute sagen, dass sich die Dinge gebessert haben. Es gibt Die Trilogie von Panem, es gibt Bridesmaides. Aber das ist es noch nicht. Aber das wird sich bald ändern." Diesen Sommer dürften verantwortliche Studio-Bosse gespannt auf die Zuschauerzahlen des neuen Ghostbuster-Films mit einem weiblichen Cast gerichtet sein. Hoffentlich behält Geena Davis Recht. 

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Text: Nick Levine

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