Diese Künstlerin hat Fremde geküsst und sie davor und danach fotografiert

Johanna Siring verrät uns, warum wir das alle öfter tun sollten.

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25 August 2017, 1:19pm

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US.

"Küssen" setzt Dopamin frei und erhöht den Oxytocin-Spiegel", erklärt uns Johanna, "es wirkt stresshemmend und sorgt für eine emotionale Verbindung zwischen zwei Personen."

Doch eins nach dem anderen. Die norwegische Fotografin, die mittlerweile in New York lebt, sucht sich die Leute aus und fragt sie direkt an Ort und Stelle, ob sie für sie posieren würden. Nach dem ersten Bild erklärt sie ihren Modeln was hinter der Fotoserie steckt und fragt sie, ob sie sie küssen darf. Nach diesem intimen Moment fotografiert sie das gleiche Gesicht nochmal.


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Die Kontrolle haben dabei ihre Models. "Einige habe mich nur kurz geküsst und sind danach in Gelächter ausgebrochen, andere haben direkt mit mir rumgemacht", sagt sie. "Nach dem Kuss hatte ich interessanterweise das Gefühl, dass ich sie ein bisschen besser kennengelernt habe. Und dieses wird in den zweiten Porträts sichtbar."

Bei dem Foto vor dem Kuss zeigt sich die Person so, wie sie sich selbst sieht. Manche lassen die Schultern hängen, um locker zu wirken, andere lächeln, um süß auszusehen. Bei den Bildern, die nach dem Küssen entstanden sind, wird deutlich, dass vieles davon einfach nur Fassade ist. Einer zum Beispiel lächelt nach dem Kuss in die Kamera — ein guter Kontrast zu seiner mit Aufnähern übersäten Bikerjacke. Im Interview hat uns Johanna verraten, warum jeder von uns fotogen ist und wie es sich anfühlt, zwei Tage lang fremde Menschen zu küssen.

Warum interessierst du dich so für Fremde?
Ich habe ein persönliches Mantra: Wenn ich etwas Positives über jemanden denke, dann geh ich zu der Person hin und sage ihr das auch direkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich den Menschen kenne oder nicht. Was gibt es Besseres, als ein Kompliment von einem Fremden zu erhalten? Viele davon sind mittlerweile gute Freunde von mir geworden. In meiner Welt ist jeder fotogen und hat etwas Einzigartiges und Interessantes an sich. Das möchte ich auch in meinen Fotos zeigen: das Wesen eines Menschen.


Die Bilder sind am Roskilde entstanden. Das wurde Anfang der 70er während der Hippie-Bewegung gegründet und hat sich zum größten Musikfestival in Nordeuropa entwickelt. Wie ist die Energie dort?
Die Atmosphäre ist dort anders als bei anderen Festivals. Sie ist entspannter und jeder hängt mit jedem ab. Du kannst dich in jedes Camp setzen und mit Leuten abhängen und keiner interessiert sich dafür, was du im eigentlichen Leben machst. Du musst dir keine Sorgen um Meetings, Termine oder irgendwelche Pläne machen. Und auch was du trägst, ist egal. Du kannst auch nackt rumlaufen. Eine Woche lang hast du die Freiheit, in einem sorgenfreien Universum zu leben.

Wie hat dir die Fotoserie dabei geholfen, offline Freunde zu finden?
Am wichtigsten dabei ist es, dass man offen ist und den Leuten mit Respekt begegnet, unabhängig vom Hintergrund der Person. Es ist egal, welche Nationalität, Hautfarbe oder Religion sie hat. Man kann immer gegenseitig voneinander lernen. In der heutigen Zeit, in der Hass die Schlagzeilen bestimmt, ist es umso wichtiger zu kommunizieren, dass wir alle nur Menschen sind. Und dass wir zeigen, wie einfach es sein kann, den anderen kennenzulernen.

johannasiring.com