Foto: Lisetta Carmi, I travestiti (Renée con un'amica), courtesy Galleria Martini & Ronchetti

Lisetta Carmi ist die Nan Goldin der italienischen LGBTQ-Community

Pinken Lippen, dunkler Lidschatten, Spitzen-Tangas und Kniestrümpfe geben dem Betrachter das Gefühl, Teil einer vertraulichen Sleepover-Party für Erwachsene zu sein

von Sarah Moroz
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10 Dezember 2018, 2:25pm

Foto: Lisetta Carmi, I travestiti (Renée con un'amica), courtesy Galleria Martini & Ronchetti

Lisetta Carmi hat 18 Jahre lang als Fotografin gearbeitet, marginalisierte Gruppen in ihrer Heimat dokumentiert und so mit damaligen soziopolitischen Tabus gebrochen. Ihre Arbeiten galten als vorausschauend, waren ein Wegbereiter ihrer Zeit. Heute scheint Carmis Serie I travestiti relevanter denn je. Mit ihrer Ehrlichkeit und ihrem einzigartigen Blick auf Gender-Identitäten wird sie gerne mit Fotografie-Legenden wie Christer Strömholm und Nan Goldin verglichen ... zu Recht.


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Geboren 1924 in Genua, Italien war sie eine erfolgreiche Konzertpianistin und Lehrerin, bevor Carmi Anhängerin von Guru Babaji Mahavatar wurde, auf den sie in Jaipur traf. Auch wenn ihr fotografischer Output mehrere Jahrzehnte übersehen wurde, erfährt er vor allem heute sein wohlverdientes Revival.

Ihr Archiv beschränkt sich nicht nur auf die italienische LGBTQ-Community der 60er, sondern beinhaltet auch Bilder des weiblichen Körpers, Porträts von den Ikonen der 20er wie Dichter Ezra Pound und ihre Reisetagebücher in die abgelegensten Länder dieser Welt. Zu ihren bahnbrechendsten Erfolgen gehört aber immer noch I travestiti.

Lisetta Carmi, I travestiti , 1965-1971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti , 1965-1971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.

Alles begann an Silvester 1965, als Carmi zu einer Party der Trans-Community eingeladen wurde. Seitdem war sie fester Bestandteil der Community und teilte viele intime und alltägliche Momente mit ihr.

"Sie war die erste, die die LGBTQ-Community in Italien dokumentierte", erzählt Roxana Marcoci, MomMas Senior Curator of Photography über die Ausstellung TV 70 in der Fondazione Prada in Mailand, in der auch Arbeiten der italienischen Fotografin zu sehen waren. Marcoci war bewegt von der Art und Weise, wie ihre Erfahrungen Gestalt annehmen und zitiert die Fotografin wie folgt: "Dank der Trans-Community habe ich gelernt, mich selbst zu akzeptieren. Als ich klein war, habe ich meine beiden Brüder angesehen und wollte auch ein Junge sein. Ich wusste schon damals, dass ich nicht heiraten wollte und habe meine gesellschaftliche Rolle als Frau abgestoßen. Die Transvestiten haben mich darüber nachdenken lassen, dass wir alle selbst unsere eigene Identität bestimmen."

Lisetta Carmi, I travestiti, 1965-1971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti
Lisetta Carmi, I travestiti, 1965-1971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.

Carmi dokumentierte die Community ohne Vorurteile und ohne in eine Art Voyeurismus abzudriften. Damals wurden Gender-Identitäten kaum thematisiert – und wenn überhaupt nur in wissenschaftlichen Studien. Mit ihren Arbeiten normalisierte sie die Vorstellung, dass sich Männer wie Frauen anziehen und Make-up vor dem Spiegel auftragen. Schimmernde, pinke Lippen, dunkler Lidschatten, Spitzen-Tangas und Kniestrümpfe geben dem Betrachter das Gefühl, Teil einer vertraulichen Sleepover-Party für Erwachsene zu sein.

Lisetta Carmi, I travestiti , Genova, 1965-1967, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti , Genova, 1965-1967, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.

Trotzdem sah sich Carmi weniger als Künstlerin, viel mehr als Anthropologin – schließlich erschuf sie ein wichtiges Dokument von Communities, die sonst nirgends repräsentiert wurden. "Ihre Bilder erinnern an bestimmte Gemälde, auch wenn sie das selbst nie zugeben würde", so Giovanni Battista Martini, der die Carmi-Ausstellung in Rom kuratierte. "Sie wollte nie, dass ihre Models für sie posieren, sondern einen Moment der Wahrheit festhalten."

Ihre Motivation war es, mehr Awareness zu schaffen. "Sie wollte die Probleme öffentlich zeigen", sagt Martini weiter. Die dokumentarische Natur Camis Arbeiten verringert keinesfalls ihren ästhetischen Einfluss. Die Schönheit marginalisierter Identitäten in den Mittelpunkt zu rücken, ehrt sie nur noch mehr. "Sie wurden von ihr nicht als 'Phänomen' dargestellt, sondern als Menschen", erklärt Martini. "Sie hat es geschafft, sie so zu zeigen, wie sie gesehen werden wollten."

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Lisetta Carmi, I travestiti , Genova, 1965/1971, courtesy Galleria Martini Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti, 1965-971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti, 1965-971, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti, La Novia, Genova,1965/1967, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.
Lisetta Carmi, I travestiti, La Novia, Genova,1965/1967, courtesy Galleria Martini & Ronchetti.

"Lisetta Carmi. La bellezza della vertà – The beauty of the truth" kannst du dir noch bis zum 3. März im Museo di Roma in Trastevere ansehen. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.