Vom Underground ins Tageslicht: Die queere Skate-Szene Kaliforniens

Fotografin Magda Wosinska dokumentiert, was sich seit Jahren in der Subkultur verändert.

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15 Mai 2019, 1:35pm

Vor ein paar Jahren war Fotografin Magda Wosinska auf einem Road Trip durch Kalifornien, als sie sich dazu entschloss, bei ihrem Freund, der Pro-Skater ist, Halt zu machen. Ihr ist sofort dieses unverwechselbare Board aufgefallen, das in seiner Garage hing. "Darauf waren ein paar nackte Figuren gemalt", erinnert sich Magda. "Ich meinte zu ihm 'Was ist das?' und er erzählte mir, es sei seine neue Skate Firma, die er mit einigen queeren Skater Kids gegründet hatte. Er hat mir ein paar ihrer Instagram Accounts gezeigt, ich bin ihnen gefolgt und schon haben wir uns getroffen."

Die Firma heißt Unity Skateboarding, ein Skate Kollektiv gegründet von Jeffrey Cheung und Gabriel Ramirez im Jahr 2013. Was als bunt zusammengewürfelte Gruppe queerer Freunde, die sich alle paar Wochen zum Skaten getroffen hat, aufblühte, entwickelte sich zu einem kleinen Office in Oakland. Hier klebten sie Zines zusammen, verkauften Boards und organisierten queere Skate-Tage für Kids aus der Umgebung.


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Nachdem sie einige Mitglieder der Crew getroffen hat, war Magda besonders von einer Person fasziniert: Cher Autumn, eine Transgender-Frau mit einem früheren Dasein als Frontfrau verschiedenster Punk Bands. "Ich habe die Bilder gesehen, auf denen sie mit Netzstrumpfhose und Minirock Skateboard fährt und dachte nur, dass das verdammt cool ist."

Magda sah einen Teil von sich selbst in ihr. Nachdem sie als Kind von Polen nach Arizona auswanderte, sah sie das Skaten als Fluchtmöglichkeit. Sie war wie Cher auch eine Außenseiterin in einer repressiven maskulinen Welt. "Als ich zum ersten Mal in den Skate-Park ging, waren alle Kids älter und männlich. In den 90ern habe ich vielleicht nur ein einziges Mädchen skaten sehen. Ich habe mich ausgestoßen gefühlt – in der Schule, in der amerikanischen Kultur und beim Skaten. Um reinzupassen, habe ich mich so gut es geht wie ein Typ gekleidet. Cher war deswegen das beste Beispiel dafür, zu sagen, wen kümmert's? Sei einfach du selbst."

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Foto: Magda Wosinska

Cher ist schon als Kind geskatet, doch aufgrund einiger Verletzungen, musste sie es als Teenager aufgeben – zumindest dachte sie das. "Ich habe mit der Musik angefangen und Gras mit den ganzen Punk-Kids geraucht", lacht Cher. "Ich wurde zu einem dieser Kids, die hinter statt in dem Skatepark rumhingen." Sie traf auf Jeffrey und Gabriel in der Musikszene, durch sie traute sie sich wieder auf das Board. An einem Tag gingen sie sogar einen Schritt weiter und verteilten Flyer in der ganzen Stadt, um queere Kids auf ihr Projekt aufmerksam zu machen. "Wir haben ein paar Treffen organisiert und beim fünften oder sechsten waren wir plötzlich über Hundert", fügt Cher hinzu. "Auf einmal haben wir gecheckt, dass hier gerade etwas Großes passiert."

Es ist genau diese Szene, die Magda in ihrer fortlaufenden Serie einfängt. In dem dazugehörigen Kurzfilm liefert sie ein intimes Porträt von Cher und ihrer Welt. "Als ich sie zum ersten Mal getroffen habe, stand sie noch vor ihrer Transition", sagt Magda. "Es war so großartig, dabei zuzusehen. Und auch den Support ihrer Community, als sie zu der Person wurde, die sie schon ihr ganzes Leben lang sein wollte."

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Foto: Magda Wosinska

Die Magie von Unity stammt aus der Community: Die Kombination aus Skaten und queeren Freundschaften macht es doppelt stark. "Ich war schon seit ich 16 bin sehr offen mit meiner Queerness", sagt Cher. "Aber ich hatte nie eine queere Freundesgruppe bis Unity entstand. Queere Kids tauchen bei den Veranstaltungen auf, weil sie genau wussten, dass eine Menge anderer von ihnen dort herumhängen wird. Es ist eigentlich sogar egal, ob sie skaten oder nicht." Jeffrey ist nämlich dafür bekannt, kostenlos Skateboards an queere Kids zu verteilen, die mit dem Skaten beginnen möchten.

"Ich erinnere mich noch, wie ich mich in Arizona wie dieses langweilige 13-jährige Mädchen gefühlt habe, das im Skate-Park auftauchte und jedem im Weg stand", sagt Magda. "Aber nach drei Jahren, habe ich meinen ersten Shuv-It gestanden. Ich erinnere mich noch so gut an ihr Gesicht, als sie endlich verstanden, dass ich es wirklich will."

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Foto: Magda Wosinska

"Das Skaten war eine lange Zeit von Männern dominiert und nicht gerade inklusiv", führt Cher fort. "Die Leute haben nicht gesagt 'Oh, das ist dein erstes Mal auf dem Board, ich helfe dir. Vielleicht solltest du nicht gleich diese gigantische Rampe runterfetzen'. Keiner hat dir irgendwas gesagt."

Magdas Bilder fangen die Aufregung spürbar ein, die durch die einzigartigen Freundschaften entfacht wird. Wo Safe Spaces für queere Menschen historisch gesehen vor allem im Rahmen von Clubbing entstanden, ist es ein seltener und bewegender Anblick, queeres Leben vom Underground ins Tageslicht zu bewegen – vor allem zu einer Zeit, in der sich die Skate-Szene immer noch bedrohlich für Außenseiter anfühlen kann. "Ich gehe nicht zum Skate-Park die Straße runter", sagt Cher. "Jetzt nehmen wir ganze Skate-Spots ein. Wenn wir Flyer aufhängen, kommen haufenweise queere Kids. Es gibt genug von uns."

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Foto: Magda Wosinska

Sechs Jahre nach dem ersten Treffen mit Unity, geben Magdas Fotos Cher die Möglichkeit, einen Augenblick darüber nachzudenken, wie weit sie gekommen ist. "Ich habe ein Board designt, damit bin ich die erste Trans-Frau überhaupt." Es sieht ganz so aus als wäre Unity nicht nur dabei, eine neue Zukunft zu schmieden, sondern auch Geschichte zu schreiben.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.