Foto: Yael Laroe

Fotografin Yael Laroe will ihren Körper nicht mehr verstecken

"Mit meinen Selbstporträts wollte ich zeigen, wie furchtbar es sich manchmal anfühlen kann, mehrgewichtig zu sein."

von Lianne Kersten
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18 September 2019, 10:45am

Foto: Yael Laroe

Für alle, die täglich mit ihrem eigenen Körperbild kämpfen, klingt es wahrscheinlich wie der schlimmste Alptraum, Fremden unbearbeitete Nacktfotos zu zeigen. So hat es sich zumindest für Yael Laroes angefühlt. Und trotzdem hat sie es gemacht.

Yael hat ihre Serie Dense für ihren Abschluss an der Fotovakschool in Rotterdam kreiert. Eine Serie penetrierender Selbstporträts, mit denen sie Sichtbarkeit schaffen möchte für die Scham, die Mehrgewichtigkeit häufig in sich trägt. Die Fotos sind in einer harten Kulisse entstanden, in erbarmungslosem Schwarz-Weiß, in unbequemen Posen. Es ist ein großer Schritt für die Fotografin, die sich bis jetzt nicht dazu bereit gefühlt hat, ihre Arbeiten online zu teilen. Bis jetzt. Heute präsentiert sie nicht nur ihr Werk, sondern auch ihren Körper. Yael blickt starr in die Linse, macht es schwer für die Betrachter_innen dem Bild zu entfliehen. Genauso schwer ist es für Yael, ihrem Körper zu entkommen – und den Vorurteilen, die sie verfolgen.

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Man könnte das mutig nennen. Yael hingegen nennt es eine Notwendigkeit. "Ich bin mit meinem Körper sehr unsicher. Etwas, das mein tägliches Leben dominiert. In der Vergangenheit habe ich unzählige Versuche gestartet, Gewicht zu verlieren, doch es war vergeblich. Diese Serie ist aus dem Bedürfnis entstanden, mein Gewicht zu akzeptieren und mich besser mit mir selbst zu fühlen. Als Fotografin ist es mir wichtig, etwas zu erschaffen, das nah an mir dran ist."

Die Serie ist für sie ein Weg, diesen Prozess zu beginnen, doch genauso wichtig ist es für sie, etwas für andere zu tun. "Dicke Körper werden versteckt. Nicht nur von mehrgewichtigen Menschen selbst, sondern auch von den Medien", erklärt sie. "Menschen, die nicht dick sind, realisieren häufig gar nicht, mit welchen negativen Stigmata mehrgewichtige Personen konfrontiert werden. Die Vorurteile, dass wir dumm oder faul sind, oder kein Durchhaltevermögen haben, werden so vielleicht nicht ausgesprochen, aber man kann sie spüren."

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Und auch, wenn Yael etwas in der Gesellschaft verändern möchte, so ist es ihr doch wichtig, die Situation nicht schöner darzustellen, als sie für sie ist. Ein starker Kontrast zu dem Image, welches die Body-Positivity-Bewegung in den letzten Jahren kreiert hat. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass solche Positivität nur online existiert, nicht aber im Alltag. Viele Menschen profitieren davon natürlich, aber für mich und viele andere ist davon nicht so viel zu spüren, wenn wir alleine und nackt vor dem Spiegel stehen", erzählt sie. "Ich fühle mich nicht besser, ich fühle mich immer noch jeden Tag schlecht wegen meines Körpers. Ich möchte das alles nicht schöner darstellen, als es tatsächlich für mich ist. Ich habe mich nicht selbst fotografiert mit der Intention: Schau, ich wage es hier zu stehen. Sondern eher: Schau wie furchtbar es manchmal sein kann, mehrgewichtig zu sein."

Zunächst wollte sie sich bekleidet fotografieren. Doch eine Unterhaltung an ihrer Schule brachte sie zum Nachdenken: "Eine meine Lehrerinnen sagte 'Wenn du das machen möchtest, solltest du so offen und ehrlich sein wie nur irgendwie möglich.' Nackt zu sein, gehörte dazu. Und obwohl ich zuerst dachte, dass ich das niemals tun würde, gewöhnte ich mich doch langsam an die Idee und merkte, dass es meine Aussage nur noch stärker machen würde."

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Als sie anfing, die Fotos zu machen, hat auch ein persönlicher Prozess begonnen. Sie hat nach ruhigen, öffentlichen Orten gesucht, an denen sie so wenig Augen wie möglich erblicken würden. Yael bestimmte das Set-Up, Freunde oder ihre Mutter drückten auf den Auslöser. So hat sie tausende Fotos gemacht. Doch die Frage, ob sie seitdem eine bessere Beziehung zu ihrem Körper hat, beantwortet sie nur zögerlich. "Ich finde es immer noch furchtbar, kurze Ärmel, Kleider oder Badeanzüge anzuziehen. Ich trage oft weite, schwarze Kleidung. Trotzdem merke ich, dass sich etwas in meinem Kopf verändert hat. Es wird eben nur eine Weile dauern, bis die Negativität komplett verschwunden ist. Es fühlt sich an, als ob ich jetzt endlich bereit bin."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kolleg_innen von i-D NL.

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