Foto: Drew Carolan, aus Matinee: All Ages on the Bowery.

Unvergessliche Porträts junger Hardcore-Punks

Nachdem er Richard Avedon assistiert hat, ging Drew Carolan nach New York zurück, um selbst eine neue Generation junger Rebellen einzufangen.

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27 Oktober 2017, 9:52am

Foto: Drew Carolan, aus Matinee: All Ages on the Bowery.

Drew Carolan erinnert sich noch gut an das erste Mal, als er eine Gruppe Skinheads gesehen hat. Das war im Herbst 1981, an einem Dienstagmorgen um 2:30 Uhr: "Sie waren vielleicht 14 oder 15, spielten Frisbee und lachten hysterisch", erinnert sich der Fotograf. "Ich habe mich gefragt, wer zum Teufel diese Kids sind, sie sehen toll aus. Ich wollte sie fotografieren, aber ich musste mir noch einfallen lassen, wie ich das am Besten anstelle." Bis er sich einfallen ließ, wie er sich am Besten ansprechen sollte, vergingen fast zwei Jahre.

Die Antwort auf seine Frage sollte der damals 26-jährige Drew auf einer für ihn lebensveränderten Reise mit Richard Avedon finden, dem er bereits während dessen berühmter Versace-Kampagne assistiert hatte. Die nächsten Sommer hat Drew ihm bei Sessions geholfen, deren Ergebnisse in In the American West zu sehen sein würden, einem Werk, das als eines der wichtigsten der Fotografie-Geschichte gilt.


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Als der junge Fotograf von seinem ersten Ausflug mit Avedon zurückkam, sah er noch mehr Skinhead-Gruppen in New York – dieses Mal standen sie auf der Bowery Street, vor dem CBGB. Zehn Jahre zuvor hatte die schmuddelige Kneipe die aufstrebende Punk-Szene der Stadt hervorgebracht, wo unter anderem Musikgrößen wie The Ramones, Blondie und Patti Smith gespielt hatten. In den 80ern war der Club so beliebt, dass es spätabends fast unmöglich war hineinzukommen. An Samstagabenden wurde dafür eine Show ohne Altersbeschränkung veranstaltet, die sich vor allem an eine neue Sorte der Punks gerichtet hatte: die Hardcore Kids.

Skinheads, Peace Punks und Ausreißer aus der Region rund um New York City kamen jedes Wochenende dorthin, um Auftritte von Agnostic Front, Cro-Mags, Murphy's Law, Reagan Youth, 7 Seconds, Minor Threat und unzähligen anderen Bands live zu sehen. Neben den musikalischen Highlights war es ein blühendes, subkulturelles Ökosystem, in dem Jugendliche aus allen sozialen Schichten zusammenkommen und Dampf ablassen konnten.

Wie er es von seiner Zusammenarbeit mit Avedon bereits kannte, klebte Drew ein großes Stück weißes Papier an das Gebäude gegenüber des Clubs und verbrachte die nächsten zwei Jahre damit, die Kids, die gerade unterwegs dorthin waren, abzufangen und abzulichten.


"Mit Richard war das eine viel romantischere Angelegenheit. Wenn er jemanden fotografierte, sagte er Dinge wie 'Er sieht aus wie Botticelli' oder 'Er ist wie in Vermeer.' Ich dachte mir bei meinen Motiven nur 'Die Leute sehen doch alle wie Verrückte aus!'", sagt Drew und lacht. "Es war eine völlig andere Herangehensweise. Ich wollte ein authentisches Foto schießen. Denn mal ganz ehrlich: Mit 17 ist niemand so selbstsicher, wie er vielleicht wirkt. Man versucht, die Dinge zu verstehen. Ich war auch so. In dem Alter hatte ich auf alles eine Antwort. Wenn ich aber nach Hause kam und alleine war, sah das schon ganz anders aus."

Und genau diese Empathie macht Drews Porträts so echt. Er hat die Verletzlichkeit und Rebellion eingefangen, die die Szene vereint. Mehr als 30 Jahre später hat er die Ergebnisse in seinem neuen Buch Matinee: All Ages on the Bowery gesammelt. Wir haben den Fotografen zum Interview gebeten, um zu erfahren, welche Geschichte hinter seinen Motiven steckt und warum das Modeln ihn zur Fotografie gebracht hat.

Wann hast du dich das erste Mal für die Fotografie interessiert?
Mit 14 habe ich angefangen, ein bisschen zu modeln, um Geld zu verdienen. Ich war gerade bei einem Job, ein Editorial für irgendeine Zeitschrift, und habe begonnen, mich mit dem Fotografen über Musik zu unterhalten. Er erzählte mir, dass er bereits die Kinks, Rod Stewart und andere Stars fotografiert hatte. Ich dachte mir 'Wow, das ist so cool. Du fotografierst nicht nur Mode, sondern auch bekannte Bands.' Der Fotograf war Bruce Weber.

Echt?
Ja, er war so nett und meinte zu mir: 'Ich brauche immer Assistenten, ruf' mich an, wenn du Lust hast.' Ich habe seine Nummer behalten, bin dann aber nach Long Island gezogen. Dort stellte ich mit ein paar meiner damaligen Lehrer ein Fotoprojekt auf die Beine – seitdem wollte ich nie wieder etwas anderes machen. Ich bin auf die SUNY New Paltz gegangen und habe dort meinen Bachelor in Fotografie gemacht. Nach der Uni habe ich als Freelancer anderen Fotografen assistiert, in den frühen 80ern dann auch Bruce.

Und wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Richard Avedon gekommen?
Einige meiner Freunde arbeiteten auch als Fotografie-Assistenten, einer von ihnen für Avedon. Er sagte: 'Wir machen diese große Versace-Kampagne und brauchen noch jemanden, der vor Ort sein wird, Kaffee holt und sich um alles kümmert.' Ich wurde also für zwei Wochen angestellt, um bei der Kampagne mitzuhelfen. Einige Zeit später bot man mir dann eine Vollzeit-Stelle als Assistent an.

Ich habe damals durchs Kellnern und Freelancen mehr verdient, als das, was sie mir zahlen wollten, aber sie sagten mir: 'Er arbeitet an diesem Buch namens In the American West. Er wird die nächsten Sommer durch die Staaten fahren' – ich war sofort dabei. Das Witzige daran war, dass ich noch nie weit gereist war. Für mich wurde der Roadtrip zu einer lebensverändernden Erfahrung.

Wie war die New Yorker Hardcore-Community damals?
Sehr klein. Als ich sie entdeckt habe, hatte ich das Gefühl, dass das erst der Anfang war. Am ersten Tag war ich alleine, als ich mich aufmachte, um die Leute vorm Club zu fotografieren. Ich baute diese große, weiße Papier-Leinwand aus meinem Studio auf und schoss die ersten Fotos. Als ich nach Hause kam, den Film entwickelte und mir die Abzüge ansah, war da dieses eine Foto – das auch das Cover des Buches ist – bei dem ich wusste, dass ich weitermachen musste. Das war ein entscheidender Augenblick. Diese Gruppe von Jugendlichen, und für was sie standen, das fand ich faszinierend. Denn es war nicht Punk; es war Hardcore. Es war eine andere Szene. Sie hatten wirklich etwas zu sagen. Zwar war die Musik manchmal schrecklich [Lacht], aber das war mir egal. Die Tatsache, dass man einfach dorthin gehen und zwei Stunden lang Dampf ablassen konnte, war großartig.

Wonach hast du die Kids ausgesucht, die du fotografiert hast?
Das erste Mal, als ich dort war, dachte ich mir 'OK, ich habe dieses große Set-up, ich bin hier, und die Kids genau gegenüber.' Mir war klar, dass ich rübergehen und das Eis brechen müsste. Also ging ich auf diesen Jungen zu, Tony – ein puertorikanischer Skinhead mit einer großen Narbe auf seinem Kopf. Ich sagte 'Hey, ich mache dieses Buch über die Matinees. Ich würde dich gerne dafür fotografieren.' Er schaute mich an und fragte 'Bist du ein Bulle?' Ich sagte 'Nein!' Also gingen wir rüber und das war's. Danach musste ich niemanden mehr fragen, es hat sich alles immer von selbst ergeben.

Wie hat es die Kids geprägt, unter der Reagan-Regierung zu leben?
Einen Republikaner an der Macht zu haben, hat für sie bedeutet, dass sie härter kämpfen und lauter schreien mussten, damit ihre Stimme gehört wird. Ich weiß nicht, ob die Hardcore-Szene sich so intensiv entwickelt hätte, wenn jemand anders zu der Zeit Präsident gewesen wäre.

Im Buch schreibst du über eine Begegnung, bei der du Robert Frank im Grunde gesagt hast, abzuhauen.
Ja, das war in einem kalten Februar, ich glaube 1984. Da war dieser Typ mit einer riesigen Kamera auf seiner Schulter, er sah irgendwie leicht verwirrt aus und filmte die Leute gegenüber. Er kam zu uns rüber, während ich gerade Fotos machte und begann, über meine Schulter hinweg zu filmen. Ich sah ihn an, schaute dann meinen Freund Tom an und sagte 'Mach, dass dieser Idiot von hier verschwindet.' Tom begleitete ihn auf die andere Straßenseite, und sagte ihm, dass er ihn nicht nochmal hier sehen will.

Als wir fertig waren und ich gerade mein Equipment einpackte, kam der Typ aber zurück. Ich hörte seine raue Stimme fragen 'Was machst du, etwas à la August Sander?' Als er diesen Namen erwähnte, war mir klar, dass er – wer auch immer er war – Ahnung hatte. Als er zu mir meinte, er sei Robert Frank, traf es mich fast wie einen Schlag. Er sagte: 'Niemand kann mir sagen, wo ich hinkann und wo nicht. Ich lebe seit 30 Jahren hier.' Ich stammelte nur zurück 'Oh mein Gott! M...m...m...r Frank!' Und er ging einfach weg.

Später wurde mir klar, dass ich ihn so beurteilt hatte, wie andere Leute wahrscheinlich die Jugendlichen. Er sah zerzaust aus und ich habe ihn herablassend behandelt. Das Aussehen der Kids ist aggressiv und sie machen damit ein Statement. Aber wir achten viel zu oft nur auf dieses äußere Erscheinungsbild, dabei macht sie so viel mehr aus, als das.

@drewcarolan

Drew Carolans 'Matinee: All Ages on the Bowery' ist ab sofort über Radio Raheem Records erhältlich. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.