Foto: via i-D UK

Wie funktioniert Dating mit einer psychischen Erkrankung?

Depressionen und Angstzustände machen das ohnehin nicht leichte Kennenlernen noch komplizierter – aber das muss nicht so sein.

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Juni 1 2018, 10:40am

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Eine psychische Erkrankung beeinflusst jeden Aspekt des Lebens: Die Arbeit wird immer belastender, Freundschaften gehen in die Brüche und potentielle Liebhaber kennenzulernen, wird zu einer Zerreißprobe. Selbst grundlegende Regeln persönlicher Körperhygiene zu befolgen, fällt zunehmend schwerer. Dating ist keine Ausnahme. Vom gelegentlichen Sex bis hin zu ernsthaften, langfristigen Beziehungen: Psychische Erkrankungen verändern die Art und Weise, wie wir mit anderen umgehen – und wie wir über uns selbst denken.


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Ich leide an einer bipolaren Störung und an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Neben all den normalen Fragen, die man sich stellt, wenn man jemanden datet, kommen die der psychischen Erkrankung dazu. Wann erzähle ich jemandem davon? Wie wird sich das auf unsere Beziehung auswirken? Und will die Person überhaupt mit mir zusammen sein?

Mit diesen und ähnlichen Fragen müssen sich viele Menschen mit psychischen Problemen auseinandersetzen.

Tilly, 25, hat auch BPS. Bei ihr äußert sich die Erkrankung in "intensiven, sprunghaften Stimmungen und instabilen Emotionen". Das ständige Gefühle der Einsamkeit und Angst vorm Verlassenwerden führt bei ihr zu einem geringen Selbstbewusstsein. "Genau das macht Dating so schwer", sagt sie. "Mein Selbstwertgefühl hängt stark von dem Umstand ab, dass ich mit jemand anderen zusammen bin. Ich nehme jede Kleinigkeit wie eine Nachricht, die nicht sofort beantwortet wird, als Beleg dafür, dass ich nichts wert bin und er ohnehin gleich mit mir Schluss machen wird", so Tilly weiter. "Deswegen lasse ich keinen an mich heran."

Catherine, 27, leidet unter Depression und BPS. Mittlerweile ist sie zwar verheiratet, hatte aber ähnliche Erfahrungen als Single. "Eine psychische Erkrankung sorgt für eine Menge Angstzustände und führt zu übertriebener Angst vor Ablehnung. Ich habe versucht, nicht zu anhänglich zu werden", sagt sie. "Das führte dazu, dass ich jede Form von Intimität nicht zulassen konnte. One-Night-Stands haben nur ohne Augenkontakt funktioniert. Ich bin jedem aus dem Weg gegangen, der auch nur ansatzweise nett zu mir war. Die Leute sollten nicht wissen, dass ich psychisch erkrankt bin", so Catherine weiter. Vor einem meiner Freunde habe ich meine psychische Erkrankung komplett versteckt. Er hatte keine Ahnung, dass ich arbeitslos bin und 18 Stunden am Tag schlafe. Nach einem Monat dachte ich 'Ich kann das nicht mehr machen' und habe es ihm erzählt. Wir trennten uns und er sagte zu einem gemeinsamen Freund, dass er mit der Verrückten nicht umgehen könne".

Sagt man dem neuen Menschen in seinem Leben sofort, was Sache ist oder wartet man ab, bis man sich wohl fühlt?

"Für manche ist es ein großer Teil der Persönlichkeit. Wenn sie nicht darüber sprechen, haben sie das Gefühl, sie hätten ein Geheimnis, das ihnen in die Quere kommen könnte", sagt Rachel Davis, Paar-Therapeutin bei Relate. "Andere bevorzugen es, sich zuerst kennenzulernen und über Probleme zu reden, wenn die Beziehung ernster wird." Stephen Buckley, Head of Information bei Mind, schlägt vor, "eine Zeit und einen Ort zu wählen, an dem man sich wohl fühlt und bereit ist zu sprechen und womöglich viele Fragen zu beantworten." Denn der Partner wird viele davon haben.

Stereotype sind dabei besonders unangenehm. "Manche Leute, mit denen ich ausgegangen bin, haben gedacht, dass ich ihretwegen unter einer Depression leide", so Catherine. "Ein Typ meinte mal zu mir 'Aber du bist bei mir, warum bist du immer noch depressiv?". Es gibt jedoch gute Nachrichten: Die große Mehrheit der Menschen ist bereit, psychische Krankheiten zu akzeptieren und mehr über sie zu lernen. Im Jahr 2017 gaben 89 Prozent der Befragten der Time-To-Change-Studie an, dass sie eine Beziehung mit jemandem mit einer psychischen Erkrankung eingehen würden.

Reden sei der Schlüssel, so Paar-Therapeutin Rachel Davis. "Ich behandle viele Pärchen, die nicht mehr über ihre psychischen Probleme sprechen können und sich der Partner deswegen isoliert fühlt. Wenn Menschen sich lieben, wollen sie sich gegenseitig schützen und ihr Gegenüber nicht belasten", erklärt sie. "Psychische Erkrankungen haben viel mit dem Gefühl zu tun, dass man denkt, für andere eine Last zu sein. Aber das bedeutet nur, dass beide alleine kämpfen müssen." Deswegen muss man aber noch lange nicht alle Probleme des anderen übernehmen. "Ein Partner kann nie den Therapeuten ersetzen", so Davies weiter.

Wenn es einen Rat gibt, den man beherzigen sollte, dann ist es Kommunikation, Ehrlichkeit und Vertrauen. Etwas zu verheimlichen, macht es nicht besser, sondern nur schlimmer.

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer . Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe .