Photography Stef Mitchell

Wie australische Jugendliche gegen ihr Kolonialerbe aufbegehren

Die Fotografin Stef Mitchell erkundet, was Australiens Jugend unter Identität versteht.

von Stef Mitchell
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26 März 2020, 5:00am

Photography Stef Mitchell

Stef Mitchells Geschichte erschien erstmals in der Icons and Idols Issue von i-D, Nr. 359, Frühjahr 2020. Bestell dein Exemplar hier.

Jedes Mal wenn ich in meine australische Heimat zurückkehre, überkommt mich dieses Unbehagen. Letztes Jahr überhörte ich in Sydney ein Gespräch, die Leute diskutierten die Situation der jungen Menschen im Land. Sie sprachen über die Zunahme an Gewalt, besonders unter jungen Männern. Dass in diesem Augenblick ein Gefühl von Verlust und Verwirrung herrsche rund um die Identität der Australier.

Nationale Identität war immer schon ein komplexer Bestandteil des australischen Mythos. Für weiße Australier bedeutet nationale Identität, dass du der Nachfahre britischer Sträflinge bist, oder von Leuten, die vor vier Generationen hierher kamen, um ein neues Leben anzufangen. Ich weiß seit einiger Zeit, dass ein großer Teil meiner Familie im Holocaust umkam, aber die australische Seite meiner Familiengeschichte war immer recht verschwommen. Viele Dokumente wurden von meiner Familie versteckt gehalten. Vor kurzem aber fand ich heraus, dass mein Urururgroßvater der Nachkomme von Strafgefangenen war—er wurde im Gefängnis gezeugt, während seine Eltern eine lebenslange Haftstrafe absaßen.

Meine australischen Vorfahren sind eine Kombination aus Kettengang-Überlebenden und Arschlöchern, die der gesamten indigenen Bevölkerung katastrophalen Schaden zugefügt haben. Sie stürzten sich auf ein Land, das nicht ihnen gehörte, hielten Massenhinrichtungen ab und raubten indigenen Familien ihre Kinder. Die Regierung hat sich erst 2008 offiziell bei der indigenen Bevölkerung entschuldigt—viel zu spät, besonders wenn man bedenkt, dass die Zerstörung, die diese koloniale Einstellung verursacht hat, bis heute überall im Land wirksam ist.

Wenn diese Geschichte dein nationales Erbe ist, dann führt dich das in eine ziemlich verwirrende Sackgasse—eine Identitätskrise. Unsere düstere Vergangenheit, zusammen mit unserer Isolation vom Rest der Welt, von der wir geografisch abgeschnitten sind, führt dazu, dass das Heranwachsen vieler junger Australier sich besonders schwierig und verwirrend gestaltet. Es tut weh.

Stef Mitchell for i-D Spring 2020 The Icons and Idols Issue

Indigen oder nicht, ein großer Teil deiner Kindheit ist von Mutter Natur geprägt. Das Land ist Teil unserer Identität. Dir wird beigebracht, dass deine Umwelt, selbst wenn sie wunderschön ist, dir wahrscheinlich weh tun wird. Du lernst schnell auf Wetterumschläge zu reagieren; dass Orte lebendig sind und voller Erinnerungen, die nichts mit dir zu tun haben. Und wenn du erfährst, was deine weißen Vorfahren angerichtet haben, fällt es schwer, sich nicht irgendwie abgelehnt zu fühlen von diesem Land. Du fragst dich, ob die unnachgiebige Sonne und die auf dich einprügelnden Sturzwellen nicht immer schon Botschaften waren, die signalisieren, dass du nicht hierher gehörst.

Vor zehn Jahren zog ich nach New York, wo ich mich an eine andere Intensität gewöhnte, an das menschliche Summen der Großstadt. Jedes Mal wenn ich nach Australien zurückkehre, besinne ich mich auf jene andere Macht, auf meinen winzigen Platz als Mensch auf Erden.

Im November 2019 erwachte ich eines Morgens zu Textnachrichten meiner Familie. Steigende Temperaturen und Winde hatten mehrere Brände zu einem so genannten “Megafeuer” zusammengeführt. Schnellstraßen wurden gesperrt, der Himmel nahm ein apokalyptisches Dunkelrot an, die Luft war nicht länger atembar. Nach anfänglicher Panik konnte ich mir wiederum nicht helfen zu denken, dass das Land wütend war und uns vertreiben wollte.

Im Dezember flog ich nach Hause und erlebte hautnah die Realität eines brennenden Kontinents. Echte Gefahr fühlt sich an wie die Stille des Busches—einst mächtig und unnahbar und voll unbändigen Lebens, jetzt in reglose Kohle verwandelt—, der dich direkt anstarrt. Echte Gefahr sieht aus wie die gefährdete Tierwelt, die um Wasser flehend auf dich zu kriecht, ihr Lebensraum zerstört.

Stef Mitchell for i-D Spring 2020 The Icons and Idols Issue

Zurück in New York fällt es mir schwer, die Dinge so zu sehen wie noch vor einem Monat. Es ist unmöglich, die Parallelen zu ignorieren zwischen dem, was ich als australische Krise verstand und der globalen Umweltkatastrophe. Es fällt schwer zu ignorieren, dass unser Feind nicht länger einfach “Unterdrückung” heißt—der Kampf um Anerkennung als die, die wir wirklich sind. Unsere größte Bedrohung heute ist vielmehr die Auslöschung der Menschheit; Spaltungen verlieren ihre Wirkung. Wenn deine Familie von 60 Meter hohen Flammen bedroht wird, die durch die Erderwärmung verursacht wurden, hörst du auf über Sexualität, Religion, ethnische Zugehörigkeit, Alter oder gendergerechte Fürwörter nachzudenken. Alle diese Labels, bei denen wir sonst Zuflucht suchen, fühlen sich plötzlich so an als ob du deine Lieblingssocken diskutierst, während dir jemand eine Pistole an die Schläfe hält.

Die echte Gefahr von heute heißt Isolation—dass wir uns in unseren Schubladen von Gender, Hautfarbe, Sexualität oder Nationalität einschließen. Echte Gefahr fühlt sich an wie die Annahme, dass wir jemandes Hintergrund kennen, wenn wir ihn oder sie nur ansehen; sie fühlt sich an wie der Glaube, dass unser Schmerz realer ist als der Schmerz der anderen. Sie fühlt sich an wie die Vorspiegelung, dass wir Menschen voneinander abgegrenzt sind, dass wir das Spiel gewinnen können, nur indem wir unfaire Institutionen reformieren. Denn während wir mit diesem Spiel befasst sind, vergessen wir, dass die Spielregeln von vergangenen Generationen entworfen wurden: Diese Regeln sind so alt und zerstörerisch wie die Menschen, die sie gemacht haben. Es stellt sich heute eine neue Herausforderung, der weder Labels noch Schubladen noch uralte Institutionen gerecht werden, sondern nur globaler Respekt und ein globales Bewusstsein. Das Menschsein allein verbindet uns alle, nicht die Linien, die wir um uns herum ziehen.

Ich denke, Australiens Jugend tut ihr Bestes, um ihre kolonialen Ahnen zu entsetzen. Es gibt eine neue Anerkennung, dass das Land ebenso zu deiner Familie gehört wie die Menschen, die dich großgezogen haben. Als ich Aufnahmen machte von einer Gruppe von Kids, mischten sich unter die üblichen Sticheleien Zurufe der Ermunterung, die wir noch vor ein paar Jahren nicht so frei hätten ausdrücken können. Es wurde darüber gesprochen, wer zu welcher Demo geht—es bestand ein Sinn für Verantwortlichkeit, nicht das ererbte Gefühl kolonialer Scham.

Es ist nur natürlich, dass wir uns in einem Vakuum an bestehende Traditionen halten, aber ein leerer Raum birgt auch Offenheit. Australiens junge Generation ist frei, diese Leerstelle mit indigenem Wissen und Weisheit zu füllen, mit einem Engagement für Umweltschutz und mit Schwung gegen die alten Sitten. Junge Australier sehen und schließen sich zusammen auf einer menschlichen Ebene.

Nach meinem letzten Heimaturlaub verließ ich Australien mit dem Gefühl, dass wir alle danach streben sollten, uns von Traditionen freizumachen. Dass heute vielleicht die beste Zeit ist, um in Australien jung zu sein; zu lernen, wie man mit dem Land leben kann anstatt der Illusion zu erliegen, dass Natur getrennt von uns existiert oder wir Menschen getrennt voneinander.

Stef Mitchell for i-D Spring 2020 The Icons and Idols Issue
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Credits


Fotorgrafie Stef Mitchell

Produktion Reid Production.

Casting Gabrielle Lawrence / People File

Mit besonderem Dank an Bronte SLSC und National Centre of Indigenous Excellence

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Culture
Australia
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