Fotografie Richie Davis und Olivia Malone.

Hol dir den Quarantäne-Haarschnitt deiner wildesten Träume

Dylan Chavles vergibt auf FaceTime Termine und die Chance, ihre charakteristischen Schnitte zu rocken—vom Vokuhila, den sie wieder populär gemacht hat, bis zu den dicken Seitenfransen der Karen O.

von Paige Silveria
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30 April 2020, 4:00am

Fotografie Richie Davis und Olivia Malone.

Es ist jetzt ungefähr einen Monat her (warum nur fühlt es sich an wie sechs?), dass New York unter Hausarrest gestellt wurde. Manche, die hier geblieben sind—und sich nicht ins strandnahe Elternhaus mit hausgemachten Mahlzeiten und Wein direkt vom Winzer abgesetzt haben—kommen besser damit klar als andere. Einige verwenden ihre Talente und ihre Zeit, um ihren Communities zu helfen. Eine dieser Ausnahmeerscheinungen ist die vielgerühmte Haarstylistin Dylan Chavles.

Ihre Sporen verdiente Chavles im angesagten Salon Benjamin in Los Angeles, wo ihr rasch ein beeindruckender Ruf für experimentelle Schnitte und Stylings voraneilte. So war sie am Wiederaufleben des Vokuhila ebenso beteiligt wie an der Renaissance der Seitenfransen. “Ich finde vieles schön an gewöhnlichen Schnitten, und sie bezahlen meine Miete. Ich finde sie nur einfach nicht so verlockend”, erklärt Chavles. Während sie als Haarverlängerungsspezialistin nach wie vor für Benjamin tätig ist, lebt sie inzwischen in Brooklyn und wird von The Wall Group repräsentiert. Zu ihren hochkarätigen Kunden zählen i-D, Nike, Karen O—und vielleicht jetzt auch du, und deine Mitbewohnerin Chelsea, zu einem sehr bescheidenen Preis.

Chavles postete ein Angebot für spendenbasierten Haarschnitt-Unterricht via FaceTime für alle, die ihren Pony stutzen oder sich einen frischen Vokuhila schneiden wollen, woraufhin ihr Posteingang mit Anfragen überschwemmt wurde (und ihr Venmo gottseidank mit ein bisschen Lebensmittelgeld). “Es läuft echt toll”, sagt sie. “Es ist manchmal ein bisschen frustrierend, nicht vor Ort sein zu können; Sachen über Video zu beschreiben kann ganz schön schwierig sein. Aber die Sessions sind bisher echt sehr gut verlaufen. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt.”

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Wenn man bedenkt, dass dieses Sessions mit Utensilien auskommen müssen, die im Haushalt verfügbar sind (wie Nagelhautentferner, Rasierklingen, Bastelscheren und BIC-Feuerzeuge), ist das fast eine Untertreibung. Chavles hat diese unkonventionellen Instrumente seit ihrer Schulzeit an sich selbst und an Freunden erprobt. “Es ist viel einfacher, mit ihnen umzugehen als mit Schere und Kamm”, erklärt sie. “Es macht keinen Sinn, viel Geld für professionelles Equipment auszugeben. Du wirst es nie wiederverwenden. Und es ist verdammt scharf. Du kannst dich ziemlich schlimm in die Finger schneiden.”

Diese Woche griff i-D zum Telefon, um mit Chavles zu besprechen, wie man Haare mit Feuer schneidest und warum es sich auszahlt, nicht locker zu lassen.

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Sasha Melnychuk.

Wie laufen die Facetime-Haarschnitte?
Es ist echt lustig gewesen. Ich hab’s gepostet und die Leute haben glatt durchgedreht. Sie haben tatsächlich auch gespendet, was sehr cool ist. Manchmal gebe ich bis zu sechs oder acht Stunden am Tag. Und manche Leute brauchen um die zweieinhalb Stunden. Es ist schon viel. Aber die Frisuren sehen dafür alle verdammt gut aus. Heute habe ich es einmal sein lassen; ich hatte eine Pause nötig.

Wie gehst du es an? Versucht du erst, die Leute kennenzulernen?
Ich verbringe viel Zeit damit herauszufinden, was sie wollen. Bisher hatte ich zum Glück nur eine Person, die sagte, “Es muss so gut aussehen, wie wenn meine Stylistin es macht”. Meine Antwort war, “Das kannst du dir in die Haare schmieren”. Diese Person ist echt ausgeflippt deshalb. Ob ihr Tipps sucht, wie ihr am Besten eure Stirnfransen korrigiert oder gleich einen ganzen Haarschnitt machen wollt, traut euch. Und die Leute machen mit, was geil ist. Heute hat eine Haarstylistin eine Story gepostet, in der stand: “Wer Leuten erklärt, wie sie ihre Haare selbst machen können, zerstört unsere Geschäftsgrundlage.”

Das ist Unsinn. Niemand sollte dafür belangt werden, wenn wir unsere Fähigkeiten in Krisenzeiten zur Verfügung stellen. Es ist doch verrückt. Unser Geschäftszweig ist jetzt praktisch inexistent. Und wir wissen nicht, wann er zurückkommt. Im Moment können wir gar nichts tun. Ich stand eine Weile mit jemandem im Gespräch, die meinte, “Naja, bedenke, dass die Leute in Zukunft ihre Haare einfach selbst machen werden.” Sobald die Salons wiedereröffnen, wird doch niemand daheim bleiben, um sich die Haare mit einer Nagelhautschere und ein paar Tricks, die sie bei mir gelernt haben, selbst zu schneiden. Alle werden wieder zum Frisör gehen, ich mach mir da keine Sorgen. Es ist eher eine Form von Unterhaltung, die den Leute in der Isolation helfen kann. Es entsteht eine Form von Intimität.

Ja, genau. Wie war es, auf FaceTime Unbekannten zu begegnen?
Es ist seltsam. Ich bin ein bisschen schüchtern auf FaceTime… Die Dynamik zwischen den Leuten ist immer lustig. Oft ist es ein Partner, der die Haare schneidet. Und das ist jemand, mit dem du seit drei Wochen in derselben Wohnung festsitzt. Man wird Zeuge, wie sie versuchen, ihre Schnippischkeit im Zaum zu halten, während sie einander erklären, wie es richtig geht.

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Hast du irgendwelche guten Geschichten auf Lager?
Vor ein paar Tagen hatte ich diese eine Frau, die ihre Haare mit einem Feuerzeug schneiden musste, weil sie keine Schere hatte.

Wie schneidet man Haare mit dem Feuerzeug?
Die Haare sehen danach sehr texturiert aus, fast wie mit der Klinge geschnitten, aber du kriegst keine gestuften oder präzisen Linien hin. Man nehme also ein kleines Haarbüschel, das du so eindrehst wie damals, als dir in der Schule langweilig war. Dann befeuchtest du den Teil des eingedrehten Büschels, der nicht in Flammen aufgehen soll, mit einem Tuch. Und dann hältst du ein Feuerzeug unter das trockene Ende. Das brennt durch bis zu der Stelle, wo dein Haar feucht ist, wo die Flamme verpufft. Es macht keine Riesenflamme, sondern du siehst so ein Zischen, fast wie ein Kamerablitz. Als sie es versuchte, dachte ich nur, oh nein! Aber dann hielt das Feuer genau dort an, wo es sollte. Und ich hab mir selbst schon so beholfen: Es riecht furchtbar, aber es funktioniert.

Empfiehlst du den Leuten, sich professionelle Scheren anzuschaffen?
Ich versuche sie davon abzuhalten. Ich schneide mich die ganze Zeit. Es gibt Regeln, um das zu vermeiden, aber es passiert trotzdem. Wenn du zu nah am Fingergelenk schneidest, kannst du ohne Weiteres ein kleines Stück absäbeln, ohne es gleich zu bemerken. Diese Scheren sind so scharf, es tut nicht mal weh. Aber dann merkst du plötzlich, verdammt, ich blute!

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Dani Miller.

Was treibst du sonst so unter Quarantäne?
Auf meiner Liste steht ein Mini-Online-Rezepte-Zine für billige, leckere und einfache Sachen, die du für dich selbst zubereiten kannst und nicht langweilig sind. Wie Reisbrei. Wenn du Reis gemacht hast und am nächsten Tag steht er im Kühlschrank, tu ihn in einen Topf mit der doppelten Menge Wasser und verwandle ihn in Reisbrei. Einmal hab ich ein paar lila Süßkartoffeln aufgeschnitten und dazu getan; so wurde es lila, echt süß. Und dann gebe ich noch fein geschnittenen gebratenen Knoblauch dazu, sowie Sojasauce, Yuzu und gegrillten Blattkohl. Ein wunderschönes Gericht. Bisher habe ich nichts Essbares weggeworfen. Was nicht gleich gegessen wird, kommt in den Kühlschrank, bis ich bereit dafür bin. Das einzige, was ich noch regelmäßig einkaufe, sind Naturweine. Peoples Wine beliefert Bed-Stuy, wo ich lebe. Ein Typ namens Theo, der dort arbeitet, hat mir eine FaceTime-Beratung gegeben, um mir bei der Weinwahl zu helfen. Sonst spiele ich Animal Crossing und Videospiele wie alle anderen auch. Es ist wunderbar, sich eine kleine Fantasie-Insel zu schaffen.

Wen lässt du an deine eigenen Haare?
Nicht viele. Ich kann die Menschen, die meine Haare schneiden durften, an einer Hand abzählen—darunter Benjamin [Mohapi, der Betreiber des Salon Benjamin]. Wenn mir jemand eine Schnitt verpasst, der mir nicht gefällt, nehme ich das persönlich, in dem Sinn, dass ich denke, er oder sie kennt mich vielleicht doch nicht so gut, wie ich dachte. Es ist ein bisschen verrückt; ich fühle mich fast, als hätte man mich angelogen: “Du dachtest, das würde mir gefallen? Hast du sie noch alle?”

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Du so: “Kennst du mich überhaupt? Oder ist unsere Beziehung rein oberflächlich?”
Es ist bizarr.

Meinst du, die Leute suchen dich speziell für deine experimentellen Schnitte und Stylings auf?
Als ich mehr im Salon arbeitete, wurde ich oft gefragt, wo ich all die Kunde hernehme, die auf meine Schnitte stehen. Ich schätze mal, ich ziehe sie an. Ein wichtiger Bestandteil war, auf Instagram nur Haare zu posten, die ich interessant finde. An irgendeinem Punkt—vor einer Million Jahren—meinte die PR-Abteilung des Salons, ich sollte meinen Auftritt in den sozialen Medien leichter verdaulich gestalten. Sie wollten konventionellen Content, um ein breiteres Spektrum an Menschen anzusprechen. Aber ich bin dabei geblieben und habe nicht nachgegeben. Und Jahre später besteht meine Kundschaft aus lauter Leuten, mit denen ich tatsächlich zu tun haben möchte. Auch die Leute, mit denen ich am Set zusammenarbeite, sind Leute, mit denen ich auch hinterher abhängen möchte. Ich hatte echt Glück, dass ich mir diese kleine Nische schaffen konnte. Ich bin drangeblieben, hab mein eigenes Ding durchgezogen. Und es hat sich ausgezahlt.

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Dylan Chavles. Photo by Jerry Buttles.
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