Still from The Age of Innocence

7 Kostümschinken, in die ihr euch jetzt flüchten könnt

Nichts hilft über schwierige Zeiten hinweg wie eine starke Dosis Nostalgie, lesbische Dreiecksverhältnisse am englischen Hof und Daniel Day-Lewis.

von Callan Malone
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14 Mai 2020, 4:15am

Still from The Age of Innocence

Soviel ist sicher, der aktuelle Zustand der Welt birgt wenig Tröstliches. Auch über die Zukunft nachzudenken bereitet mehr Sorge als Zuversicht. Wir weisen einen Fluchtweg aus der unsicheren Gegenwart – mit einer Liste unserer Lieblingskostümfilme. Wir versetzen euch nach Frankreich im Jahr 1770, nach New York in den 1870er Jahren und ins England der 1950er. Es erwarten euch großes Drama, noch größere Perücken und skandalöser Sex in Hülle und Fülle. Die Kriterien für diese Liste sind alles andere als einheitlich. Oft sprühen die Funken gerade dort, wo ein Film es nicht so genau nimmt mit der Geschichte: Jason Schwartzman ist lustiger als Louis XVI als der König selbst es vermutlich war. Manche der Filmerzählungen sind fiktional, andere lassen uns wünschen, dass sie es wären. Alle sind sie gleichermaßen krude wie wunderlich. Außerdem hat sich die Auswahl hinter unserem Rücken zu einer Art Daniel Day-Lewis-Hommage ausgewachsen, aber in Anbetracht seiner Begabung zum zeitlosen Schwarm scheint uns das nur wohlverdient. Hier sind sieben der besten Kostümfilme, in die ihr euch jetzt flüchten könnt.

Marie Antoinette

Sophia Coppolas verträumtes Biopic über die berühmte französische Regentin ist der einzige Film auf dieser Liste, der im 18. Jahrhundert angesiedelt ist und zugleich unterlegt mit dem Sound von New Order und Gang of Four. Während die Geschichte selbst vielen vertraut sein wird – die zur Maßlosigkeit neigende Königin von Frankreich, die das Land höchstpersönlich in den Ruin trieb –, interessiert sich Coppolas Neuinterpretation mehr für den Augenschmaus am Hof als für den wirtschaftlichen Niedergang. Es ist eine der weniger Filmproduktionen, der uneingeschränkter Zugang zum Palast von Versailles gewährt wurde, und man sieht dem Ergebnis an, dass weder Kosten noch Mühen gescheut wurden. Kirsten Dunst, umgeben von zehnstöckigen Türmen aus Ladurée-Makronen und angefeuert von The Strokes (zu einer Montage von Manolo Blahniks) ist das Sahnehäubchen auf dieser sehr pastellfarbenen Torte: ein modernes Meisterwerk.

The Favourite
Yorgos Lanthimos, bekannt für The Lobster und Dogtooth, versteht es, seinem Publikum an die Eingeweide zu gehen und es dennoch an den Stuhl zu fesseln. Die Bedienstete Abigail, gespielt von Emma Stone, erklimmt die Leiter des Erfolgs bis ins Bett von Königin Anne (Olivia Coleman), das jedoch bereits von Lady Sarah (Rachel Weisz) beansprucht wird. Es entspinnt sich ein königlich lesbisches Liebesdreieck, durchsetzt von Sex, Täuschung, Hautkrankheiten und Entenrennen. Wenn Abigail ihr ein Buch ins Gesicht knallt und hinterher die bettlägerige Königin verführt, so ist das so scharf wie tragisch. Nicht zu vergessen Nicholas Hoult mit dicht aufgetragenem Make-up und der sich zu früh freuende Joe Alwyn. Falls der Film selbst nicht genug Vergnügen bereitet, dann schaut euch Olivia Colemans Dankesrede zur Oscar-Preisverleihung an. Am besten ihr kuckt den Youtube-Clip gleich nach dem Film weg.

Gefährliche Liebschaften
Wenn ihr Cruel Intentions gesehen habt, wird euch die Geschichte bekannt vorkommen. Wenn nicht, dann könnt ihr gleich zwei Filme auf eure Liste setzen. Gefährliche Liebschaften zeigt Glenn Close und John Malkovich in den Hauptrollen als zwei grausame Intriganten am französischen Hof des 18. Jahrhunderts, deren Spiele und sexuellen Eskapaden niemanden schonen. Basierend auf dem gleichnamigen französischen Roman von Pierre Choderlos de Laclos ist dies einer der wenigen in Europa angesiedelten Kostümschinken, die ihren Schauspielern keinen englischen Akzent aufnötigen. John Malkovich darf seiner wabernden Stimme freien Lauf lassen, wenn er die junge Uma Thurman und Keanu Reeves in seine Spielereien verwickelt, unterwegs zum wahren Objekt seiner Begierde, der bibelfesten Madame de Tourvel, gespielt von Michelle Pfeiffer. Die durch und durch amerikanischen Akzente und das überquellende Decolleté von Glenn Close grenzen an Parodie, finden am Ende aber zu einem perfekten Gleichgewicht mit der zutiefst boshaften Erzählung.

Porträt einer jungen Frau in Flammen
Es ranken sich mehr Gerüchte um seine Entstehung als im Film selbst vorkommen, schließlich waren Regisseurin Céline Sciamma und Hauptdarstellerin Adèle Haenel für zehn Jahre ein Paar. Die Schauergeschichte aus dem Jahr 1770 dreht sich um die verbotene Romanze zwischen der Malerin Marianne und der widerstrebenden Braut in spe Héloïse, deren Porträt heimlich gemalt werden soll, weil sie sich weigert, dafür zu posieren. Die Szenen fühlen sich an wie Zeitlupenträume: Marianne beobachtet Héloïse genau, um sie später aus der Erinnerung malen zu können. Spaziergänge entlang der windgepeitschen bretonischen Küste und Nächte im Kerzenschein bei der gemeinsamen Lektüre griechischer Lyrik sind durchmengt mit opernhaften Momenten und Andeutungen an Hexerei. Wir wollen nicht den Ausgang verraten, nur soviel: Dass der Film den César für die beste Kamera eingeheimst hat, hat definitiv etwas (wenn nicht alles) mit der Spiegelszene zu tun. Ihr werdet sie sofort erkennen, wenn ihr sie seht.

Der seidene Faden
Daniel Day-Lewis schlägt wieder zu und wir sind absolut überzeugt, dass die Zeit für ihn arbeitet. Ansehnlich wie eh und je spielt er Reynolds Woodcock, der zusammen mit seiner Schwester im Zentrum der Londoner Haute Couture der 1950er Jahre steht. Die Welt des ewigen Junggeselle, dessen Tagesablauf zu präzis ist wie seine Näherei, wird von Alma, einer stillen, aber eigensinnigen Kellnerin, plötzlich auf den Kopf gestellt. Die beiden beginnen eine Beziehung in wechselseitiger Abhängigkeit, die so überraschende wie an die Nerven gehende Wendungen nimmt. Es ist keine Überraschung, dass ein Film über einen Damenschneider den Oscar für das beste Kostüm ergattert konnte, aber es sind nicht nur die Kleider, die Der seidene Faden zu einem solchen Fest der Sinne machen. Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood komponierte einen Soundtrack, der seine eigene Geschichte erzählt. Unheimliche Melodien (mit Anklängen von Debussy und Schubert) treffen auf grelle Akkorden, die auf die stürmische Beziehung von Alma und Reynolds hindeuten. Die letzte Szene ist ein massiver WTF-Moment; danach werdet ihr den Film sofort nochmal sehen wollen, um nach den Brotkrumen Ausschau zu halten, die Paul Thomas Anderson unterwegs ausgestreut haben mag.

Zimmer mit Aussicht
Trotz ihrer langlebigen Karriere als Darstellerin durchgedrehter und ungezähmter Frauen, liegen die Anfänge der Helena Bonham-Carter bei einer so lieblichen Figur wie Lucy Honeychurch, in dieser Adaption des Romans von E.M. Forster aus dem Jahr 1908. Es geht um ein Mädchen, die mit ihrer Tante nach Florenz reist, wo sie dem ungehobelten und unverfälschten George Emerson begegnet. Daheim in England ist sie dem überkandidelten und extrem unausstehlichen Cecil Vyse (Daniel Day-Lewis) versprochen. An der Seite von Maggie Smith, vielen als Professor McGonagall ein Begriff (ja, Bellatrix und Minerva stehen einmal auf derselben Seite), muss Miss Honeychurch sich entscheiden, ob sie ihrem Herzen folgen soll oder dem Wunsch ihrer Mutter. Die Kostüme lassen uns jetzt nicht gerade in Ohnmacht fallen und auch die Farben der englischen Landschaft sind eher gedämpft, dafür bietet diese Reiseromanze aus einer Zeit vor Travel-Blogs neben Puccinis Gianni Schicchi als Soundtrack jede Menge splitternackter Männer.

Zeit der Unschuld
Generell halten wir uns von Filmen, die sich allzu ernst nehmen, ja lieber fern, aber für Zeit der Unschuld machen wir eine Ausnahme. Martin Scorsese nimmt Reißaus von seinen Gangsterdramen und legt sich mit Edith Whartons vielgerühmtem Roman an, der im New York der 1870er Jahre spielt. Obwohl der Film an der Kinokasse floppte, können wir zu Daniel Day-Lewis (ja, der schon wieder) als wohlhabender Rechtsanwalt Newland Archer, dessen moralischer Kompass nur von seinem Witz übertroffen wird, einfach nicht nein sagen. Verlobt mit der achtbaren May Welland, gespielt von Winona Ryder, verliebt er sich in seine Cousine, die Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer), deren Scheidung sie unter New Yorks Elite zu einer Aussätzigen gemacht hat. Die Begegnungen zwischen Olenska und Archer sind so übersättigt mit melodramatischem Affekt, dass es schwer fällt, nicht zu lachen, und doch lieben wir diesen Film heiß. Das Melodramatische ist ein Eckpfeiler des Genres; ohne die Möglichkeit passiv-aggressiver Textnachrichten und Liebeserklärungen via Instagram, muss alles im Salon eines aristokratischen Nachbarn stattfinden. Darüber hinaus ist es komplett surreal, ein New York vor der Errichtung des Central Park zu sehen, als die Häuser in Manhattan einsam zwischen Höfen und Feldern standen. Auch wenn dem Film kein finanzieller Erfolg beschieden war, ist Zeit der Unschuld ein Paradebeispiel für jene Art von vergoldetem Camp, der Kostümschinken so unterhaltsam macht.

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