Pepe Serrano: “Meine Community ist mein Klassenzimmer”

Um Calvin Klein’s Pride Kollektion zu feiern, sprechen wir mit wegweisenden, jungen queeren Künstler*innen aus ganz Europa. Als nächstes lernen wir vom Madrider transformatista Pepe Serrano, wie wichtig es ist, die lokale queere Geschichte wiederzubeleben

von Created with Calvin Klein
|
01 Dezember 2020, 6:02pm

Das Jahr 2020 war alles andere als eine große, geile Party – vor allem für queere Menschen, die weder einen CSD noch in ihren safe spaces feiern konnten. Dennoch hat die queere Community mit großer Hartnäckigkeit bewiesen, dass es mehr gibt, als nur Partys und Paraden, um sich zu zeigen und zu feiern. Denn: Queer Pride ist etwas, das jeder in sich selbst trägt und dadurch jeden Tag aufs Neue zelebrieren kann. 

Um genau diesen Spaß am Selbstausdruck zu feiern und das volle Spektrum der LGBTQIA*-Identitäten zu feiern, launcht die Modemarke Calvin Klein nun #PROUDINMYCALVINS. Eine Kampagne, mit der neun innovativen, queeren Persönlichkeiten von überall auf der Welt eine Plattform gegeben wird, um ihr authentisches Selbst in einer Reihe von Videos und Bildern auszudrücken. In diesem Jahr hat Calvin Klein außerdem verschiedene Vorreiter der queeren Community zusammengetrommelt, um Themen wie Liebe, Familie, Coming-Out und Identität zu thematisieren.

Natürlich darf bei Calvin Klein auch die Mode nicht zu kurz kommen, immerhin ist sie ein Teil des Selbstausdrucks und der Kern der Marke: Zu #PROUDINMYCALVINS wurde eine Pride-Kollektion gedroppt, die das ganze Jahr über erhältlich ist – nicht nur, wenn gerade CSD-Saison ist.

Wir bei i-D möchten Teil dieses Movements sein und haben fünf aufstrebende LGBTQIA-Künstlerinnen gefragt, was ihnen Pride bedeutet, welcher Community sie sich zugehörig fühlen, was das queere Leben in ihrer Stadt so aufregend macht und welche Veränderungen sie sich für die queere Gleichberechtigung in der Zukunft wünschen.

Nun geben wir Pepe Serrano das Wort. Sie nennt sich selbst eine “aktive Transformationskünstlerin” und nutzt ihre Trans-Identität als künstlerisches Medium zwischen Geschichte und Gegenwart: Serrano betrachtet folkloristische Traditionen ihrer Heimat Andalusien konsequent von einem aktuellen, queeren Standpunkt aus und interpretiert sie so neu.

IMG_20201023_152909_v2.jpg

Was bedeutet Pride für dich?
Zu akzeptieren, wer du bist und die Kraft zu erleben, die dadurch freigesetzt wird. LGBTQ+ Menschen werden ständig hinterfragt – es werden unsere Rechte, unserer Körper oder die biologische Natur unserer Körper diskutiert. Pride bringt uns zusammen und erlaubt uns, die Kraft zu teilen, die wir als Community haben. Es geht darum, Kategorisierungen und Definitionen zu überwinden und als Kollektiv zusammen zu kommen. Es ist eine Form des Widerstands.

Was an deiner Kunst erfüllt dich mit Stolz?
Sobald du dich selbst befreit hast und dich mit Stolz bewegst, kannst du die immensen positiven Auswirkungen auf die Community sehen. Wenn mein Publikum mir bei meiner Kunst zusieht, befreit es sie auch. Es inspiriert sie, diejenigen zu sein, die sie wirklich sind. Pride hat die Kraft, andere zu befähigen, auch stolz zu sein – es ist eine magische Sache. Du erweiterst deine Kraft und dass bringt andere dazu, ihre eigene Kraft zu entdecken.

IMG_20201023_160641_v2.jpg

Wann hast du angefangen, deine Transidentität als Medium für deine Kreativität zu nutzen?
Es fing mit Performance Kunst an. Als ich Theater spielte, wurde ich immer für weibliche Rollen angefragt und konnte sehen, wie anders das Publikum auf mich reagierte, wenn ich mich auf androgyne, weibliche Art zeigte. Dabei ist irgendwann der Knoten geplatzt – ich habe die für mich richtige Frequenz gefunden. Allerdings war das nur der Punkt, an dem es anfing, ich habe erst Jahre nachdem dieser Wandlungsprozess abgeschlossen war bemerkt, dass ich ihn überhaupt durchmachte. Sobald ich mich präsentierte wie ich wirklich war, haben die Menschen eine echte Verbindung zu mir aufbauen können. 

Mir ist mit den Jahren und mit meiner gesammelten Erfahrung aufgefallen, dass ich heute genau das tue, was ich schon als fünfjähriges Kind getan habe: mit meiner Identität spielen und versuchen, mich in das zu verwandeln, was ich bewundere. Damals war die Vorstellung, dass ich Schönheit in Abgründigem finde, wirklich wichtig für mich. Und jetzt, 20 Jahre später, tue ich genau dieselbe Sache: Ich bin der Transgender-Vampir der Flamenco singt.

Was ist das Beste daran, als queere und transexuelle Person in Madrid zu leben?
Es ist eine wirklich freie und offene Stadt. Innerhalb von Sekunden kann dir alles mögliche passieren, weil so viele verschiedene Menschen sich auf so unterschiedliche Arten miteinander vernetzen. Es kann sein, dass du irgendwo unterwegs bist und plötzlich landest du neben einem deiner Idole aus einer komplett anderen Generation. Es gibt hier keine strengen hierarchischen Strukturen, alles ist ziemlich fluid. 

IMG_20201023_165042.jpg

Empfindest du dich selbst als Teil einer bestimmten Community?
Meine Community besteht hauptsächlich aus queeren und transgender Künstlerinnen. Diese Menschen sind es, die mich und meine Arbeit inspirieren und mich dazu anregen, kreativ zu sein. Es gibt so viele großartige Künstlerinnen und Aktivist*innen in unserer Geschichte, und Teil einer Community zu sein, bedeutet für mich auch, ihre Geschichte zu lernen – die sonst nirgendwo weitergegeben oder beigebracht wird. Natürlich wissen wir Bescheid über Stonewall und wir wissen von den großen Ereignissen, die sich hauptsächlich in den USA ereignet haben. Aber wir sollten uns auch darum bemühen, unsere eigene Geschichte zu kennen – und wir können das nur tun, indem wir uns mit Menschen auseinandersetzen, die etwas durchlebt haben und uns davon erzählen können. Deshalb sage ich auch, dass meine Community mein Klassenzimmer ist: Hier lerne ich meine Kreativität auszuleben, lerne meine eigene Geschichte und werde dazu inspiriert, Teil von ihr zu sein.

Oft wird gesagt, dass die erste Pride-Parade ein Protest war – ein halbes Jahrhundert nach Stonewall: Was glaubst, wofür wir heute noch kämpfen müssen?
Die internen Uneinigkeiten müssen aufhören. Wir sollten unsere individuellen Bedürfnisse hinten anstellen und als Einheit agieren. Politisch aktiv sein ist ebenfalls sehr wichtig, was sehr viele unterschiedliche Ausprägungen haben kann! Klar, es kann bedeuten aktiv das System herauszufordern, aber es sollte auch Teil des eigenen Alltags sein. Sich etwa zu präsentieren, wie man wirklich ist, ist auch ein starker politischer Akt.