Fotos: Peter Styles

So wild feierte Polen in den 90ern

"Techno war ein Werkzeug für uns, revolutionäre Ideen zu entwickeln."

von Emma Finamore
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07 Mai 2019, 2:28pm

Fotos: Peter Styles

In den 90er Jahren gab es eine kostenlose Party nach der anderen in Polen – es war das Jahrzehnt der elektronischen Musik. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der UdSSR dienten sie als Ort des Trosts für diejenigen, die nach Gemeinschaft suchten, unsicher wie sie in der neuen privatisierten Welt funktionieren sollten.

Mit dem Zerfall des Kommunismus kam auch der Zugang zu Synths und Computern. Das ermöglichte das Aufkommen von Techno in Polen, dem musikalischen Herzschlag der Rave-Szene.

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Die neue Ausstellung, 140 Beats Per Minute. Rave Culture and Art in 1990s Poland, die gerade im Tate Modern in London stattfindet, ist eine Hommage an diese einzigartige Ära. Amateur-Aufnahmen von Raves, alte Fernsehübertragungen und die Arbeiten des experimentellen Künstlers Paulus Mazur stehen im Zentrum. Aber auch das Screening-Programm von CUKT klingt vielversprechend – ein Kollektiv, das Politik, öffentliche Orte und die Übertragung von Informationen erkundet.

"Ein Gefühl der Einheit", so beschreibt Video- und Performancekünstler Piotr Wyrzykowski die damaligen Raves in Danzig. "Wir waren zusammen in einer sicheren Umgebung ohne Gewalt. Sie waren ein Zentrum für neue, kreative Verbindungen."

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"Es war eine neue Art der Kommunikation audiovisueller Botschaften fernab der Kunst- und Galerieräume", erklärt Künstlerin Anna Nizio. "Je größer die Party, desto größer die Auswirkung der Botschaft. Ich erinnere mich kaum noch an die Musik, dafür an die Trans-Menschen, die neuen Drogen und das Tagträumen."

Eine Erfahrung, die über die Musik hinausging. In Danzig war plötzlich alles politisch aufgeladen. "Es ist ein sehr spezieller Ort, um aufzuwachsen", so Wyrzykowski. "Eine Stadt, in der der Zweite Weltkrieg, der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Untergang des Kommunismus auf den Straßen gewonnen wurde. Techno war ein Werkzeug für uns, revolutionäre Ideen zu entwickeln."

Dieser revolutionäre, künstlerische Zugang zur Rave-Kultur war im ganzen Land zu sehen. Nizio und Wyrzykowski erinnern sich noch gut an die zehn Tage andauernde Rave-Installation 1994 in der polnischen Stadt Konin. 120 hours of Mega Techno Presents Art Is A Cult Space Or There Is No Art At All – ein soziales Experiment im Keller eines alten kommunistischen Einkaufszentrums.

Im gleichen Jahr haben die beiden selbst an einer Party gearbeitet, die einem wegen Marijuana-Besitzes inhaftierten DJ gewidmet wurde. Sie fand in der Krzysztofory Galerie statt, inmitten der Altstadt von Krakau. "Wir haben lokale DJs eingeladen, ein Live-Video mitgeschnitten und Acid verschenkt." Nicht nur Kunst und revolutionäre Ideen waren ein essentieller Teil der polnischen Rave-Szene in den 90ern, auch die Musik spielte eine wichtige Rolle. Techno war Medium und Botschaft zugleich.

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Das Ende der sowjetischen Kontrolle in dem Land bedeutete auch weniger Einschränkungen. Wo du abends hingehen und was du spielen konntest, welche Platten du hören, welches Equipment du kaufen und wohin du reisen konntest. "Am einfachsten konnte man elektronische Musik produzieren, indem man am Computer, sogenannten 'Trackers', herumexperimentierte", erinnert sich DJ Jacek Sienkiewicz, der seine ersten Raves 1993 bespielte. Die Veränderungen im Land machten das Musikmachen um einiges einfacher. "Alles veränderte sich, als ich meinen ersten Sampler Mitte der 90er kaufte ... das war ein Meilenstein."

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Dank der neuen Freiheit, Musik zu importieren, konnten DJs nun endlich Platten aus dem Ausland erwerben. Das bedeutete auch, dass sie neuen Genres wie Trance, HipHop, Jungle und Breakbeat ausgesetzt waren. "Ich würde es mehr als Mix aus all den neuen Musiktrends bezeichnen als einfach nur Techno oder Rave", sagt Sienkiewicz. "Ich erinnere mich noch an meine ersten Partys in Warschau, auf denen so viel 'neue' Musik gespielt wurde: Industrial, Breakbeat, Trance und Hardcore. Es war der Beginn aller Underground-Subkulturen."

Für Łukasz Ronduda, einer der 140 Beats Per Minute Kuratoren, waren die frühen 90er gerade so wichtig, weil Musik und Kunst durch die Augen der Rave-Kultur neu entdeckt wurden: "Künstler sahen die Rave-Szene als Brutstätte einer neuen Form der Community, entgegengesetzt zur kommunistischen, die langsam schwand. Das war mit viel Sorge verbunden, aber auch mit viel Faszination. Sie hat die futuristische Dimension von Rave in Frage gestellt."

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Das Wir-Gefühl einzufordern, machte Raves in Polen damals so einzigartig – die neue Freiheit und die Vorstellung, ein neues Land zu formen. "Wir hatten Glück, ein Gefühl in Danzig aufleben zu lassen, im Hier und Jetzt zu leben und nicht daran zu denken, nach Berlin ziehen zu wollen", so Wyrzykowski abschließend. "Eine Art 'Wenn du hier bist, weißt du genau, warum du es bist'-Ethos. Das war zu der Zeit, als die westlichen Grenzen für Polen geöffnet wurden und die Option zu gehen, möglich war. Aber wir haben uns dafür entschieden, zu bleiben."

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Alle Informationen zur Ausstellung '140 BEATS PER MINUTE - RAVE CULTURE AND ART IN 1990s POLAND' findest hier. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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