Fotos: Luc Bertrand

Christoph Rumpf schafft Modemärchen aus Flohmarktfunden

Er studiert in Wien, hat den Preis von Hyères gewonnen und möchte die Branche mit seinen nachhaltigen Fantasiewerken revolutionieren.

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16 Mai 2019, 11:07am

Fotos: Luc Bertrand

"Ich liebe es in Fantasien zu verschwinden, Mode ist dafür ein interessantes Medium", erklärt Christoph Rumpf per Mail. Er liegt im Bett, kämpft noch mit den Nachwehen einer Erkältung, während er versucht, seinen Sieg beim 34. International Festival of Fashion, Photography and Fashion Accessories in Hyères zu verarbeiten.

Vor wenigen Wochen hat die Kollektion des Studenten der Universität für angewandte Kunst Wien die Jury – geleitet von Chloé's Artistic Director Natacha Ramsay-Levi – in ihren Bann gezogen. Das Ergebnis: Christoph verließ Süd-Frankreich mit 20.000 Euro und einer Einladung für die Berliner Fashion Week. Bedenkt man, dass Anthony Vaccarello von Saint Laurent und Julien Dossena von Paco Rabane beide den heißbegehrten Titel eingesackt haben und auch das holländische Duo Rushemy Botter und Lisi Herrebrugh kurz nach ihrem letztjährigen Sieg als Artistic Director von Nina Ricci ernannt wurden, dürfte sicher sein, dass Christoph eine große Zukunft bevorsteht.

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"Wir haben nach einer Person gesucht, die eine eigene Welt schafft, eine eigene Identität hat", erklärte Natacha Ramsay-Levi während der Award-Zeremonie. Beides haben sie in der Kollektion von Christoph gefunden. Eine Kollektion, die Fundstücke vom Flohmarkt neu interpretierte und die Geschichte eines jungen Prinzen erzählte, der im Dschungel aufgewachsen ist. "Es geht um die Probleme im Leben. Zunächst einmal um Überleben und Schutz, dann um das Navigieren von Verantwortung und dem Anpassen an einen Lifestyle, den du nicht gewohnt bist", erklärt er. Von gepolsterten persischen Teppichen bis hin zu stolzen Pfauen-ähnlichen Anzügen – seine Kollektion ist ein Märchen, das durch wandelbare Silhouetten und grenzverschiebende Mode erzählt wurde. "Ich möchte diese kleinen Geschichten erzählen und Menschen in eine magische Welt ziehen. Sie sollen sich schön und stark fühlen", meint Christoph. Seine Kreationen laden uns ein, der alltäglichen Langeweile zu entfliehen und ermutigen uns gleichzeitig, die Welt zu erobern. "Ich möchte, dass die Menschen jemand anderes werden, wenn sie meine Kleidung tragen, jemand, von dem sie immer geträumt haben."

"John Galliano ist der Grund, warum ich mache, was ich mache", führt er fort. "Ich bin mit seinen Shows aufgewachsen und habe mich in die Art des Storytelling und die extravagante Kleidung verliebt." Es bedarf ein kaltes, versteinertes Modeherz, um beim Anblick von Gallianos Dior Shows der späten 90ern und frühen 00ern nicht in Ekstase zu geraten. Doch wäre es zu leicht, einen nostalgischen Filter über eine Zeit zu legen, in der die Kunst von Mode wichtiger war als das Geschäft dahinter – Christoph möchte die Industrie verbessern. Gerade als die Finalist*innen des LVMH Prize 2019 in ihrer Mode ethische und ökologische Bedenken visualisieren, reiht sich auch Christoph ein in eine neue Generation von Designtalenten, die für ihre Bestrebungen gefeiert werden, Mode in einen nachhaltigeren Kontext zu setzen. Heute ist es nicht genug, zu träumen. Du musst handeln.

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"Ich bin müde davon, so viel Kleidung zu sehen, die ohne Bedeutung produziert wird. Kleidung, die ein Jahr später weggeworfen wird", erzählt uns Christoph. Laut dem Report des The Environmental Audit Committee landen jährlich knapp 300.000 Tonnen Bekleidung in heimischen Mülltonnen. 80 Prozent davon werden verbrannt, die restlichen 20 Prozent werden zu Deponien verfrachtet. Die Modeindustrie kann und muss mehr dagegen unternehmen. "Mittlerweile sollten alle Designer wissen, welchen Schaden die Modeindustrie der Umwelt zufügt und dass es viele verschiedene Arten gibt, nachhaltig zu arbeiten. Momentan ist es für mich das Upcycling." So hat er seine Liebe für Second Hand-Kleidung und seine Obsession für Flohmärkte ("Ich weiß nicht warum, aber Märkte haben sich schon immer wie ein Ort angefühlt, an dem ich all dem Kack in der Welt entfliehen kann.") in seine persönliche Textil-Ressource gewandelt.

Christoph hat die gefundenen Schätze – persische Teppiche, Lurex-Jacquard, Bauchtanz-Verzierungen, Kristalle von Kronleuchtern, Schmuck aus Knochen – in geschneiderte Skulpturen umfunktioniert. "Die Kollektion ist nicht komplett nachhaltig, aber ich habe versucht, meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten, während ich etwas erschaffe, das lange hält und letztlich nicht schädlich ist. Die echte Herausforderung für heutige Designer ist es, zu wissen, woher die Stoffe kommen." In Christophs Fall stammen 90 Prozent von seinen liebsten Marktständen in Österreich und Frankreich. "Ich suche immer noch nach Möglichkeiten, die für mich passen, aber Upcycling ist definitiv etwas, das ich noch einmal machen werde." Da seine nächste Show schon im Sommer – während der Fashion Week in Berlin – ansteht, müssen wir nicht lange auf die neue Kollektion des 24-Jährigen warten. "Ich habe schon mit den ersten Entwürfen angefangen", sagt Christoph.

Und während all dem Trubel um Hyères besucht Christoph noch die Uni. Am Abend vor der Siegerehrung, erzählte der Designer gegenüber Surface noch, dass er überlegt hat, seine Ausbildung abzubrechen, um ein eigenes Label zu gründen. "Vor der Bekanntgabe hatte ich einen Tagtraum, dass ich einen Arbeitsplatz außerhalb der Uni kreieren würde. Ich glaube immer noch, dass das eine gute Idee ist, doch glaube ich auch, dass ich mein Studium mit meinem eigenen Label in Einklang bringen kann." Merkt euch den Namen Christoph Rumpf und macht euch bereit, ganz groß zu träumen.

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