edward meadham blickt mit neuer zuversicht in die zukunft

Der britische Kultdesigner war einst eine Hälfte des legendären Londoner Labels Meadham Kirchhoff. Bei Dover Street Market gibt es jetzt die erste Kollektion seiner Marke Blue Roses zu erstehen. Wir haben mit ihm ein Jahr, nachdem er aus dem Koma...

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06 Dezember 2016, 12:10pm

Genauso wie seine Kreationen hat die persönliche Geschichte von Edward Meadham etwas Märchenhaftes. Märchen nicht im Sinne von Disney, wo es immer ein Happy End gibt, sondern Märchen in der deutschen Tradition: Zwar gibt es keinerlei Versprechen auf eine bessere Zukunft, aber man möchte doch mehr wissen. Nachdem er sich einige Zeit aus der Modebranche zurückgezogen hat, meldet sich der 35-jährige Designer mit einem neuen Label zurück: Blue Roses. Die Kollektion wird exklusiv bei Dover Street Market in London und New York verkauft. Wie mit so vielen Dingen bei Ed auch, ist das Comeback bittersüß. Für die Modeindustrie ist es eine gute Nachricht: Sein Talent sucht seinesgleichen und sein scharfer Verstand wird heute dringender gebraucht denn je. Andererseits blieb einer der gefeiertsten Designer nach dem Ende von Meadham Kirchhoff fast zwei Jahre ohne Job. Das Label, das er zusammen mit Benjamin Kirchhoff fast sieben Jahre lang geführt hat, meldete Ende 2014 Insolvenz an. Im Gespräch in seinem Wohnzimmer eine Woche vor dem Launch wird ein Gegensatz deutlich: „Das [neue] Label hat all die Elemente und die Sprache, die ich schon immer hatte. Aber wenn die Menschen wieder diese schönen Kleider erwarten, dann werde ich sie enttäuschen müssen", sagt er und gießt sich Tee nach. Er wohnt zusammen mit seinen Katzen und seinem Chihuahua Trojan in einer Sozialwohnung im Londoner Stadtteil Dalston.  

Blue Roses ist eine Linie aus Deluxe-T-Shirts und Hoodies mit Rüschenapplikationen und Accessoires, was sich als Edward Meadhams Interpretation von Urban Luxury beschreiben lässt und das das ist, von dem das Internet gerade nicht genug bekommen kann. Jeder, der seine sinnlich überladenen Kollektionen aus vergangenen Jahren kennt, weiß jedoch, dass diese Linie so viel mehr als das ist. Der Designer selbst mag diese Kategorisierung auch nicht. „Weil ich die Wohnung sowieso nie verlasse und nicht viel besitze, trage ich die ganze Zeit Hoodies", sagt er. Für das Interview trägt er einen kuschligen weißen Pullover, eine weiße Perlenkette und Ohrringe mit viktorianischen Anhängern. „Ich habe immer T-Shirts entworfen, auch wenn es zu den Dingen gehört, an die sich die meisten nicht erinnern. Ein T-Shirt ist das vielfältigste Kleidungsstück auf der Welt." Außer einem glitzernden Top, das an einen Evergreen aus der Frühjahr-/Sommerkollektion 2009 von Meadham Kirchhoff (MH) erinnert, ist Blue Roses allerdings keine Greatest-Hits-Ansammlung alter Kollektionen. Der Designer schlägt ein neues Kapitel auf. Die Prints der neuen Kreationen sind „verschiedene grafische Elemente, an denen ich auch früher schon gearbeitet habe, wie Collagen", erklärt er. „Sie greifen Courtneys alte Flyer aus den frühen Modeschauen von Hole auf und die Dinge, die ich sowieso schon immer gemocht habe." Blue Roses ist ein Mix aus Renaissance, Marie-Antoinette, Gothic-Nonnen, Riot Girls und dafür hat er mit einem ganz besonderen Stoff gearbeitet: Chintz, der vor allem im 18. Jahrhundert verwendet wurde. 

Weit über die Grenzen Londons hinaus stand Meadham Kirchhoff für seine durchdachte Schrägheit und für sein handwerkliches Können, das an Pariser Couture erinnerte. Dabei war das Label so viel mehr als nur die eigenen Kollektionen. Es stand für Persönlichkeit, für Individualität und Vielfalt, für Akzeptanz und Inklusion, angeführt von Eds Opulenz, seiner großen Leidenschaft und noch größerer Romantik. Die Preise, die durch diese elaborierte Produktion, entstanden, konnten sich am Markt aber nur schwer durchsetzen lassen. Seine Rückkehr auf die Modebühne geschieht in politisch aufgeladenen Zeiten. „Es gibt so viele, die etwas sagen wollen, aber nicht mal eine Naht ansetzen können oder ein Muster nähen können", sagt er augenrollend. „Ich habe genug davon, dass alles politisiert wird und dass heutzutage alles mit Politik in Verbindung gebracht wird. Manchmal wünschte ich mir, dass wir einfach wieder schöne Dinge entwerfen könnten. Ich schreibe oft einfach drauf los und bin mir der Bedeutung nicht immer sofort bewusst, aber „The Blind Leading the Bleeding" erschien mir doch für die heutige Zeit irgendwie passend", so der britische Designer und meint eines der Motive in seiner Kollektion.

Der Name Blue Roses ist ein Zitat aus Tennessee Williams' Die Glasmenagerie. „Das Mädchen Laura wird als hässlich beschrieben und wird in der Schule gemobbt. Der Typ, für den sie schwärmt, fragt sie, was nicht mit ihr stimmt. Daraufhin sagt sie, dass sie Pleuritis habe. Er versteht Blue Roses, erklärt Ed. Im April 2015, nur ein paar Monate nach der Insolvenz von Meadham Kirchhoff, litt er unter einer extremen Blutvergiftung. Er lag wochenlang im Koma und wäre daran fast gestorben. „Es fühlt sich immer noch so an, als ob es erst gestern gewesen wäre. Ich hatte so krasse Halluzinationen. Ich war davon überzeugt, dass mich Leute kidnappen wollen. Einige Halluzinationen waren lustig, andere beängstigend", erinnert er sich. „Das war für mich ein Wendepunkt. Es gibt ein Leben vor und nach dem Krankenhausaufenthalt. So teile ich die Zeit in meinem Leben immer noch ein. Das war für mich das Ende und der Anfang, auch wenn für eine sehr lange Zeit nicht viel passiert ist. Damit fanden aber auch viele, sehr schlechte und negative Einflüssen ein Ende."

Vieles davon hatte mit der Marke Meadham Kirchhoff zu tun. Das Archiv wurde noch im Studio beschlagnahmt, als Ed im Krankenhaus lag, und wurde in großangelegten Sample-Verkäufen verschleudert. Ein paar Leute haben versucht, diese Verkäufe zu verhindern, hatten aber keinen Erfolg. „Was mich besonders ärgert, ist das Missverständnis, dass das Archiv als Teil der Insolvenz verkauft wurde. So war es aber nicht. Das Archiv wurde einfach von einer Person verkauft, die mit der Insolvenz nichts zu tun hatte. Wir hatte einfach nur das Studio von dieser Person gemietet und wir haben ihr nicht mal was geschuldet, das macht einfach keinen Sinn", erklärt er. „Wenn das Archiv verkauft worden wäre und die Leute, denen wir etwas geschuldet haben, wenigstens ein bisschen dadurch entschädigt worden wären, wäre das eine Sache", so Meadham. „Aber die haben mit dem Archiv mindestens 100.000 Pfund mitgemacht, mehrere Personen haben mehrere Lose zu je 30.000 Pfund gekauft, und diese Leute hatten nichts damit zu tun und denen haben wir auch nichts geschuldet, es war einfach nur krank." Natürlich hat es danach nicht geholfen, wenn Fans durch East London in ihren neu erworbenen Meadham-Kirchhoff-Samples stolziert sind. „Ich habe mich jetzt damit abgefunden. Aber es gab eine Zeit, in denen ich Leute auf die Füße getreten bin, die meine Schuhe getragen haben", sagt er grinsend.

Ein Jahr lang verbrachte Ed in Isolation. Das Alleinsein ist eine Facette seiner Persönlichkeit, die schon immer da war und vor der sich manche gefürchtet habe. Seine früheren Angestellten haben immer das Bild eines Kreativen gemalt, der für sie Kuchen gebacken hat und stundenlang damit beschäftigt war, das Studio weihnachtlich zu schmücken. Für die Außenwelt war Ed auf dem besten Wege zu einer Modelegende zu werden: Doch die Realität hat anders ausgesehen. In die reale Welt hat er sich kaum verirrt. Eine Welt, die ihn aufgrund seines elaborierten Kleidungsstils mit körperlicher und seelischer Gewalt überzogen hat, was wahrscheinlich auch zu seinem Image als schwierigen Einsiedlers, der nichts mit anderen zu tun haben will, beigetragen hat. Aber für diejenigen von uns, die ihn kannten und denen er vertraut hat, war er der Wunderjunge: nett, intelligent, witzig und brutal ehrlich. „Ich habe mit keinem gesprochen und wusste auch nicht, was andere Menschen über mich gedacht haben. Ich war schon immer sehr nervös und habe mich unwohl gefühlt, aber ich habe damals niemanden angeschrien." Es stimmt wahrscheinlich, wenn man sagt, dass Kreative nicht die einfachsten Menschen sind. Doch Eds Auftreten hatte mehr damit zu tun, dass er sich eine Fassade aufbauen musste, weil er die Bussi-Kultur verachtet hat und die Modeindustrie für unglaublich falsch hielt.

„Ich bin damals immer verrückter geworden", sagt er über die Meadham Kirchhoff-Jahre. Er würde die Dinge seit dem Koma anders sehen. Das liegt zu einem nicht geringen Teil an seinem Freund Ian, den er kurz vor der Blutvergiftung kennengelernt hat und der ihm einen Optimismus verliehen hat. „Ich bin jetzt ruhiger, aber ich habe immer noch Angst davor, diese Leute zu treffen, von ihnen gesehen zu werden und in ihrer Nähe zu sein." Im Sommer sind Ronnie Newhouse, Creative Director der Modeagentur House + Holme, und Adrian Hoffe, Präsident von Dover Street Market, mit der Anfrage an ihn herangetreten, ob er nicht an einer neuen Marke für den Store arbeiten wolle. Die Marke sollte aber nicht seinen Namen tragen. „Ich wollte mich davon distanzieren." Warum? „Auf gewisse Art und Weise schäme ich mich für meinen Namen." Warum? „Wegen meiner Geschichte." Wegen der Kreationen? „Nein, aber der Ruf ist ramponiert." Das ist seine verzerrte Wahrnehmung darüber, wie die Modeindustrie nach seiner Insolvenz über ihn denkt. Dazu beigetragen hat wahrscheinlich auch die Tatsache, dass keine der großen Marken gegen alle Erwartungen ihn unter Vertrag genommen hat. „Ich hatte irgendwann einfach davon genug, dass mir wildfremde Personen gesagt haben, wie talentiert ich doch sei, dabei bin ich aber immer noch hier", sagt Ed und zeigt aus dem Fenster auf Dalston.

Außer einer einmaligen Kollaboration mit der Schuhdesignerin Sophia Webster, für deren Herbst-/Winterkollektion 16 er als Gastdesigner Schuhe entworfen hat, blieb es ruhig um ihn. „Ich habe mich aber auch gefragt, ob ich die Modebranche nicht auch gleichermaßen vernachlässigt habe. Ich bin im Mai zur Fashionshow von RCA gegangen. Auf dem Event waren auch so viele Leute, die damals nett zu mir waren. Die haben mich angesehen und haben weggeschaut. Ich dachte mir nur: ‚Ist es verboten, mit Leuten zu sprechen, die gescheitert sind?'. Vor Jahren, als sich noch keiner für Meadham Kirchhoff interessiert hat, hat keiner meine Entwürfe gemocht. Die Leute haben nicht mit uns gesprochen. Als wir dann interessant waren, kamen sie alle ins Studio und haben sich ihre Taschen mit Schuhen und Kleidung gefüllt. So war es." Mit Blue Roses wird es anders laufen. Die Marke läuft unter dem Dach von Dover Street Market und für die neuen Sachen von Edward Meadham wird man jetzt bezahlen müssen. Doch anstatt die unbezahlbaren Preise seines früheren Labels zu verlangen, möchte der Designer Blue Roses so leistbar wie möglich positionieren. „Ich würde natürlich gerne die schönste Mode entwerfen, aber im Moment sind Gedanken daran sinnlos", sagt er. „Keiner, den ich kenne, hat Geld. Ich auf jeden Fall nicht. Ich kenne keinen, der Kleidung zum Originalpreis kaufen kann."

Neben den neuen Preisen von Edward Meadham werden auf aufklappbaren Preisetiketten seine aktualisierten Love-/Hate-Listen zu finden sein, die zum ersten Mal auf der allerletzten Modenschau von Meadham Kirchhoff vorgestellt wurde. Auf der neuen Hate-Liste stehen Donald Trump, Theresa May, Fisch, Koma und die meisten Menschen. Auf der Love-Liste stehen Girls, Schwule, Lesben, Weirdos, Weihnachten, Laura Ashley, Elizabeth Taylor und Meinungsfreiheit. „Um ehrlich zu sein", sagt Ed am Ende des Gespräches, „war die Love-Liste einfacher, was ich komisch finde, weil ich nicht", und er pausiert. Ist aus Edward Meadham ein Lover geworden? „Nein", sagt er entschieden und pausiert wieder. „Ich weiß es nicht." Ich laufe mit ihm die Straße herunter, er trägt eines seiner magischen Outfits, und wir suchen unser Taxi. Etwas hat sich verändert. Es geht dabei nicht nur um den neuen Optimismus, nachdem man aus dem Koma aufwacht, sondern um die Erinnerung daran, wofür man steht. „Ich bin immer kontrovers, vielleicht wird es weniger politisch", sagt er. „Ich wollte der Welt immer Schönheit geben. Ich habe es jedenfalls versucht." 

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: via Blue Roses