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gedanken über die videokunst der hito steyerl

Zur Berlin Art Week zeigt die Galerie KOW Videoinstallationen der renommierten Videokünstlerin Hito Steyerl in ihrer ersten Galerie-Einzelausstellung. Wir fragen uns, ob Hito Steyerl die derzeit vielleicht politischste Person in der deutschen Kunstwelt...

von Moritz Gaudlitz
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18 September 2015, 9:45am

Zu den spannendsten und außergewöhnlichsten Kunstorten in der Hauptstadt gehören die Räume und das Programm der Galerie KOW in der Brunnenstraße in Berlin Mitte. 2009 wurde das Haus vom Architekten Arno Brandlhuber geplant, dem Architekten, der im Moment auch seine visionären Pläne in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt. KOW wird vom Kunsttheoretiker und Kurator Alexander Koch und den beiden Brüdern Nikolaus und Raphael Oberhuber geleitet. Die Galerie konzentriert sich auf internationale Künstler, deren Fokus auf gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen liegt. Tobias Zielony, Renzo Martens oder auch Hito Steyerl. Das Jahresprogramm für 2015 steht ganz im Zeichen des (Kunst-) Films. Das siebte Kapitel der Reihe „One Year of Filmmakers" widmet die Galerie nun der 1966 geborenen Videokünstlerin Hito Steyerl. Die Künstlerin, die in diesem Jahr nicht nur wegen ihres großartigen Beitrags für den Deutschen Pavillon in Venedig viel Aufmerksamkeit erregte, zeigt in ihrer Einzelausstellung „Left To Our Own Devices" zum ersten Mal in Deutschland fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012-2014.

Hito Steyerl, Liquidity Inc., 2014 

Sobald man den großen Raum der Galerie durch den Eingang im Obergeschoss betritt, taucht man in eine eigene Welt ein: In die Welt des Wassers, die Welt der Liquidität, die Welt des Fließens der Finanzmärkte. Die Wände sind mit blauer Folie verklebt und das wenige hereinscheinende Licht verwandelt den Raum in ein Unterwasserszenario. Hito Steyerl orientiert sich in ihrer Videoarbeit „Liquidity Inc." an einem Zitat der Martial-Arts-Legende Bruce Lee: Im Film A Warrior's Journey rät der Kung-Fu-Meister Lee einem Gefährten, der in Kampf zieht „Be water, my friend". „Be formless, shapeless, like water!"

Die Leinwand, auf die das Video projiziert wird, hängt über einer Quarterpipe-ähnlichen Holzkonstruktion, die bis ans obere Ende mit blauen Sportmatten ausgelegt ist. Steyerl gibt den Betrachtern des Videos somit eine Betrachtungsobergrenze. Halt gibt es nur bis zu einem bestimmten Winkel, übertritt man ihn, rutscht man hinunter. Oder fließt, wie Wasser.

Unseren Guide zur Art Week Berlin findest du hier.

Die Stoffmatten nehmen wiederum Bezug auf den Protagonisten der 30-minütigen Videoinstallation „Liquidiy Inc.". Regisseurin Steyerl portraitiert Jacob Woods, einen in Vietnam geborenen, ehemaligen Lehman-Bothers-Analysten, der nach der Bankenpleite 2008 begann, professionellen Kampfsport zu betreiben. Genau so wie sie es schon in ihrer Venedig-Arbeit „Factory Of The Sun" getan hat, setzt Steyerl auch in diesem Video viele Digitalanimationen und Effekte ein. Wirtschaftswettervorhersagen und Wasseranimationen durchkreuzen die Geschichte über Selbstbestimmung, die von unvorhersehbaren Finanznaturgewalten bestimmt wird.

Hito Steyerl, Is the Museum a Battlefield?, 2013

Das Untergeschoss der Galerie wurde für die Ausstellung in ein Katastrophen -oder Kriegsszenario verwandelt. Aufgestapelte Sandsäcke schaffen Mauern und kleine Räume, die an Schützengräben erinnern. Dazwischen stehen drei LED-Bildschirme, auf denen Video-Vorträge der Künstlerin zu sehen sind. Steyerl spricht direkt zum Publikum und erläutert die merkwürdigsten Verbindungen zwischen Gewalt, Geld, Macht und Kunst. In „Is the Museum a Battlefield" aus dem Jahr 2013 zeigt sie, dass Museen schon lange Orte sind, an denen sich Kämpfe um politische und wirtschaftliche Vorherrschaft abspielen. Fast schon unheimlich wird es, wenn Steyerl die Herkunft einer Maschinengewehrkugel untersucht, die 1998 ihre Freundin und PKK-Kämpferin Andrea Wolf tötete. Es stellt sich heraus, dass amerikanischer Waffenproduzent Lockheed Martin nicht nur Hersteller der Kugel ist, sondern auch Geldgeber der Istanbul Biennale, auf der sie ihren Vortrag hält, und Mäzen ihrer eigenen Ausstellung im Art Institute in Chicago. Der Kreis schließt sich und die Künstlerin Steyerl ist stets ein Teil davon.

Das Art Institute in Chicago ist auch Handlungsort von Hito Steyerls letzter Videoarbeit der fast schon musealen Ausstellung bei KOW. In einem komplett abgedunkelten Raum läuft der 20-minütige Film „Guards". Überlebensgroß, im Hochformat und wie in einem Youtube-Tutorial erklären zwei sehr ernste Sicherheitschefs, wie das Museum mit seine Kunstschätze vor kriminellen Übergriffen und Anschlägen geschützt werden kann. Die Kamera verfolgt die beiden polizeilich und militärisch ausgebildeten Sicherheitskräfte durch die Museumshallen, während sie ihre Schutz- und Angriffspositionen erklären. Die fast schleichende Kamera und deren enge Perspektive verwandeln das Video zum Ego-Shooter, das Museum in das Schlachtfeld. Es kommt einem absurd vor, wenn man sich während des Betrachten des Videos dabei ertappt, das Museum tatsächlich als ständigen Gefahrenort zu sehen. Und selbst wenn die Kamera am Ende des Films an einer recht zufriedenen, auf einer Museumsbank sitzenden Hito Steyerl vorbeifährt, ist der Film kein bisschen ironisch.

Hito Steyerl, Guards, 2012

Es ist bemerkenswert, wie die Künstlerin einzelne Zusammenhänge der politisch-gesellschaftlichen Welt mit ihrem besonderen Kunstverständnis in klare Botschaften übersetzt und diese Phänomene in ihren Videoarbeiten zwar nicht einfach, aber durchwegs schlüssig darstellt.

Und gerade weil Hito Steyerl in ihren Arbeiten nicht nur als Künstlerin agiert, sondern als Aktivistin arbeitet, ist „Left To Our Own Devices" auch eine herausragende Übersicht über sie als derzeit vielleicht politischste Person in der deutschen Kunstwelt.

Hito Steyerl - Left To Our Own Devices ist noch bis zum 06. Dezember im KOW in Berlin zu sehen. 

kow-berlin.info

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Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Bilder via KOW