„ich bin kein popstar“: im gespräch mit eliot sumner

Die britische Musikerin ist mit ihrem neuen Album „Information“ angekommen. Und das nicht nur musikalisch.

von Zsuzsanna Toth
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04 März 2016, 2:35pm

Nick Dorey

Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Tochter von Sting, mit dem sie etwas zu oft assoziiert wird, ihr neues Album „Information", das Mutterschiff ihrer Karriere, wie sie es selbst nennt. Die Songs handeln von dem Suchen und Finden der eigenen Identität und damit verbundenen Ängste, der Sound lässt sich wie ihre Erscheinung beschreiben: dunkel, dabei zuversichtlich, unaufgeregt, aber progressiv. 

Nachdem wir die britische Musikerin im vergangenen Jahr auf ihrer Tour mit Lykke Li begleitetet haben, haben wir sie dieses Mal auf ihrer Couch in ihrem Londoner Loft zu einem Gespräch über den Geruch ihres neuen Albums, ihr Modedebüt und ihren Plan B getroffen.

Bekannt wurdest du mit dem Künstlernamen „I blame Coco", diesen Namen hast du nach und nach gegen deinen richtigen Namen getauscht. Hatte diese Transformation eine besondere Bedeutung?
Es war weniger eine Transformation zu dem Zeitpunkt als die Tatsache, dass ich mit meinem neuen Album endlich die Musik mache, die ich eigentlich von Anfang an machen wollte. Für mich fühlt es sich eigentlich wie mein erstes richtiges Album an. Mein ehemaliges Label wollte ein Popalbum machen. Das hat sich nicht richtig angefühlt. Ich bin kein Popstar.

Du kommst aus einer durch und durch kreativen Familie. Dein Vater Sting und Bruder Joe sind ebenfalls Musiker, deine Mutter Trudie Styler und deine vier anderen Geschwister Schauspieler. Wie sehr hat dich deine Familie bei deinen Karriereschritten beeinflusst?
Es ist definitiv von Vorteil, in so einer kreativen Familie aufzuwachsen. Erst als mein Bruder angefangen hat, mit seiner Band regelmäßig Zuhause zu proben, habe ich den Drive in mir bewusst gespürt, es auch Musikerin zu versuchen. Mit ihm und meinem Vater spreche ich, wenn ich sie sehe, viel über Musik. Es ist so ziemlich alles, worüber wir sprechen. [Lacht] Als Minderheit zwischen all den Schauspielern, müssen wir Nerds zusammenhalten.

Mit welcher Musik bist du aufgewachsen?
Aufgewachsen bin ich mit sehr viel Elvis und David Bowie, aber auch viel klassischer Musik. Vivaldi und Mozart. Meine Mutter war überzeugt, dass klassische Musik Kinder schlauer macht. Ich liebe sie, bin mir allerdings nicht so sicher, wie clever sie mich gemacht hat.

Und was hörst du heute?
Ich höre eigentlich immer Kraftwerk. Die sind wirklich gut darin, ihre Musik zu konzeptionieren und gleichzeitg zu vereinfachen. Meine Musik tendiert dazu, oft etwas kompliziert zu sein. Deswegen liebe ich Songs, die brilliant klingen, aber gleichzeitig einfach gestrickt sind.

Hattest du jemals einen Plan B?
Ich habe nie bewusst die Entscheidung getroffen, als professionelle Musikerin mein Geld zu verdienen. Ich wusste nur, dass es mich glücklich macht und ich etwas drauf habe. Ich hatte aber lange mit dem Gedanken gespielt, Köchin zu werden.

Woher kam die Motivation?
Das Essen in England ist schlecht. Es gibt keine food culture, keine Traditionen. Wir klauen alles nur aus anderen Kulturen. Und das nicht mal gut. Wenn ich mit meiner Freundin Lucie in Österreich bin, genieße ich das auch wegen dem Essen, vor allem auf dem Land. Und die Bäckereien, die Mehlspeisen—unglaublich gut!

Wie würdest du dein Album „Information" selbst beschreiben?
Ich würde sagen, dass es eine solide Zusammenfassung von meiner Person ist. Aber um es vielleicht etwas spezifischer zu beschreiben: Mein Album riecht nach Kerosin.

Das klingt, als wärst du Synästhetikerin.
Ja, das stimmt auch. Ich rieche Musik.

… und das obwohl du deinen „echten" Geruchsinn verloren hast, oder? Wie kommst du damit klar?
Vor sieben Jahren hatte ich einen Unfall und habe meinen Kopf angeschlagen. Seitdem rieche ich kaum etwas. Es ist seltsam, aber ich muss ehrlich sagen: es könnte schlimmer sein. Und oft ist es sogar von Vorteil.

Wenn man deinen Namen googlet, handelt ein Großteil der Suchergebnisse von deiner sexuellen Identität. Viele Medien positionieren sich, wenn es um die Genderdebatte und sexuelle Orientierung geht, als absolut tolerant. Gleichzeitig ziehen sie das Thema im News- und Schlagzeilen-Kontext auf, was es widersprüchlich macht. Wie stehst du zu dieser neuen Offenheit?
Ich kann dazu nur sagen: ich war immer schon einfach nur ich. Mich hat das nie sonderlich berührt, wie präsent die Thematik generell war und wie gerade welches Medium darüber gesprochen hat. Ich finde es ermüdend, immer wieder darüber sprechen zu müssen. Who cares …

Für seine aktuelle Frühjahrskampagne hat Marc Jacobs neben deiner Freundin Lucie auch dich als Model angefragt. Was war deine erste Reaktion?
Ich habe keine Sekunde gezögert. Marc ist cool und ein echt netter Typ. Und ich freue mich über jeden Grund, zurück nach New York zu gehen. 

Beschäftigst du dich denn sonst viel mit Mode?
Ich war nie Teil dieser Szene. Seitdem ich weiß, was mir gefällt, bin ich aber viel selbstbewusster geworden auf dem Gebiet.

Und, was gefällt dir?
Eliot: Rick Owens, Boris Bidjan Saberi, Alexander Wang…[Denkt nach, ruft ins Schlafzimmer] Lucie, was mag ich so?
Lucie: Eigentlich nur Rick Owens. Und Nicholas K.
Eliot: Ach ja, Nicholas K. Wobei, sagen wir lieber, du magst den. [Beide lachen]
Ich mag schwarze Klamotten. In Berlin gehe ich immer zu Darklands und ins Apartment, super Läden.

In welche anderen künstlerischen Bereiche würdest du mit deiner Arbeit gerne eintauchen?
Ich würde gerne Filmmusik komponieren, das wäre toll. Die Arbeit ist sehr eng an Emotionen geknüpft, das finde ich sehr spannend.

Und wo stehst du gerade in deinem Arbeitsprozess?
Mein Album heißt „Information", weil es quasi das Mutterschiff ist von allem, was jetzt folgen wird. Ich schreibe schon an neuen Songs und bin sehr aufgeregt. Ich kann aber noch nicht sagen wonach sie riechen werden. 

eliotsumnerofficialmusic.tumblr.com
@eliotsumner

Credits


Text: Zsuzsanna Toth
Foto: Nick Dorey

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