wie man vom tumblr-künstler zum echten künstler wird

Prue Stent hat sich online mit ihrer außergewöhnlichen Darstellung von Körpern, Schönheit, Gender und Schlamm einen Namen gemacht. Jetzt setzt sie auch im echten Leben ein Zeichen und versucht, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen.

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Okt. 5 2016, 10:00am

Prue Stent und Honey Long

Als Künstler geht es immer darum, zu wachsen. Auch nachdem man seine Milchzähne verloren hat, verändert man sich weiter, entwickelt sich, wappnet sich für neue Erfahrungen und versucht, sie in seinen Arbeiten zu verdauen. An diesem Punkt steht Prue Stent jetzt. Sie ist vor Kurzem erst aus den USA zurückgekommen, kann bereits eine Zusammenarbeit mit Gucci vorweisen und hat schon die nächsten Projekte am Start. Es ist ein spannendes und stürmisches Jahr gewesen, das die Künstlerin glücklicherweise größtenteils mit ihren zwei besten Freundinnen Honey Long und Clare Longley an ihrer Seite gemeistert hat.

Um eins vorwegzunehmen: Die 22-jährige Prue ist sicherlich noch nicht ganz erwachsen. Sie interessiert sich immer noch für Körper, Frauen, Schönheit und Hässlichkeit. Doch durch ihren langsamen Übergang von einem „Internet-Künstler" zur echten Künstlerin setzt sie sich jetzt mit neuen Fragen wie „Wie erforscht man Erfahrungen, die man nicht selbst gemacht hat?" oder „Kann man sich Sichtweisen ausleihen, ohne sein Motiv zu erdrücken?" auseinander. Wir haben uns zusammen mit ihr ein paar Gedanken über all diese Fragen gemacht. 

Wenn du auf das bisherige Jahr zurückblickst, was war da der beste Moment?
Ich glaube, meine Erfahrungen in den USA: Gucci, und dann noch ein paar Zusammenarbeiten mit einigen meiner Lieblings-Künstlern. Auch die Tatsache, dass ich jetzt als Freelancerin arbeite. Letztes Jahr habe ich meinen Job gekündigt und bin echt froh, dass ich durch meine Kunst unabhängig bin und die Freiheit habe, das tun zu können, was ich liebe. Das war wahrscheinlich meine größte Errungenschaft.

Wenn dich Leute fragen, als was du arbeitest, fühlst du dich dann wohl dabei, zu sagen „Ich bin Künstlerin"?
Normalerweise sage ich, ich bin Fotografin. Es ist irgendwie komisch, zu sagen, dass ich Künstlerin bin. Das sollte es nicht sein, denn ich verdiene mein Geld ja nicht durch Werbefotos. Trotzdem bin ich da immer etwas verlegen. Ich denke, es ist die Unsicherheit, die man als Künstler hat. Man denkt oft, Künstler zu sein sei kein richtiger Job. Man weiß nie, wann man nach sich nach etwas Neuem umschauen muss. Aber das vergangene Jahr war echt großartig.

Es ist gerade so viel los in deinem Leben—hast du das Gefühl, dass sich auch deine Kunst verändert?
Auf jeden Fall. Das meiste habe ich gelernt, als ich in die USA gegangen bin. Seitdem ich zurück gekommen bin, habe ich viel darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Menschen, Hautfarben und Sexualitäten darzustellen. Meine Sichtweise auf die Dinge ist jetzt um einiges weiter. Davor habe ich habe oft nur mich selbst und Honey fotografiert, aber das reicht nicht. Vor allem nicht, wenn sich so viele Menschen meine Arbeiten ansehen.

Das war mein Sprungbrett, und ich muss erst noch herausfinden, wie ich mit alledem umgehen soll—auf andere Leute zuzugehen, etwas über ihre Erfahrungen herauszufinden und mich mit der Weiblichkeit in all ihren Formen auseinanderzusetzen, und das nicht nur aus meiner Sicht als Frau. Das habe ich auf persönlicher Ebene nämlich bereits gemacht. Ich habe meine Mutter und meine Schwestern fotografiert und auch Honey, aber ich will mehr als das. Es ist manchmal auch etwas überwältigend, denn ich weiß, wie heikel und komplex diese Dinge sein können.  


Foto: Prue Stent und Clare Longley.

Ich denke, dass es vielen ähnlich geht: Sie sind sich ihrer Stellung in einem Gespräch und dessen, wie verbreitet ihre Sichtweise ist, bewusst, und fragen dennoch auch danach, wie sie sich auf respektvolle Weise mit den Erfahrungen anderer Leute auseinandersetzen können.
Ich stehe eigentlich jedem und allem offen gegenüber, das ist mein Ansatz. Ich arbeite an einer Reihe, in der Männer die Weiblichkeit erforschen, indem sie Frauenkleidung tragen. Ich interessiere mich dafür, Weiblichkeit in unterschiedlichen Bereichen zu erkunden, aber ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten und es ist ein sehr komplexes Thema, es gibt also noch mehr als genug Dinge, über die ich nachdenken muss.

Wie du gesagt hast, hast du dich mit Gender und Identität immer aus einer eher persönlichen Sicht beschäftigt. Ist es einschüchternd, zu versuchen, es aus einem umfassenderen Blickwinkel zu betrachten?
Ja, total. Ich habe die ganze Zeit versucht, herauszufinden, ob es nur mir so geht, oder ob es zu diesem gemiedenen Thema geworden ist, vor dem alle Angst haben. Viele der Leute, mit denen ich mich unterhalten habe [für ihre vorher erwähnte Reihe] haben gesagt „ich möchte wirklich mitmachen, aber ich habe Angst vor den Reaktionen." Und sie sind diejenigen, die einen Gender- und Identitätskonflikt mit sich austragen müssen. Ich fühle mich in dieser ganzen Debatte hin- und her gerissen und denke, dass die Leute oft gar nicht darüber sprechen wollen, oder dass es die Leute davon abhält, darüber sprechen zu können. Aber vielleicht ist es genau das, was wir brauchen, weil es so viele Menschen betrifft.

Es ist nicht einfach; wenn man die Dinge nur aus seiner Sichtweise aus sieht, zeigt man eine eingeschränkte Perspektive. Schaut man hingegen aus der Sicht anderer Leute auf etwas, riskiert man es, ihnen zu schaden.
Es ist eine große Verantwortung. Im Grunde trägt man nicht mehr die Verantwortung für sich selbst sondern für jemand anderen. 

Foto: Prue Stent und Isabella Connelley

Glaubst du, dass es schwieriger ist, im jahr 2016 Künstler zu sein, als es 2006 oder sogar 1996 noch gewesen ist?
Also 1996 war ich drei Jahre alt, es wäre also schwer gewesen, damals ein Künstler zu sein (lacht). Ich habe das Gefühl, dass es einen Zeitraum gab, in dem es sich großartig angefühlt haben muss, seine Kunst auf Instagram und generell im Internet mit der ganzen Welt teilen zu können, aber dann gab es plötzlich diesen Punkt, an dem extrem viele Leute dachten OK, das kann ich doch auch machen.

Du hast einen sehr markanten Stil, und viele Leute haben versucht, deine Kunst nachzuahmen. Wie geht es dir damit, wenn Leute deine Ideen klauen?
Es ist mir relativ egal. Ein paar Mal bin ich echt sauer geworden, vor allem, als ich mit dem pinken, klebrigen Zeug angefangen habe—es war auf einmal echt überall. Mir ist dadurch aber auch klar geworden, dass es eben ein sehr leicht nachzuahmendes Projekt gewesen war und dass ich mich in eine andere Richtung bewegen musste. Man sollte nicht allzu besitzergreifend sein.

Also motivieren dich Nachahmer eher dazu, noch kreativer zu sein?
Genau. Die Dinge langweilen mich schnell, wenn ich jeden Tag das gleiche mache. Ich möchte nicht mein Leben lang glitschige, pinke Dinge machen, es ist also schon in Ordnung. Mir kommen auch durch Sachen, die ich mal gesehen habe, Ideen, und später merke ich dann, dass es einem bestimmten Künstler sehr ähnlich ist—aber während man etwas macht, ist das einem oft gar nicht bewusst. Meine Kunst ist wahrscheinlich auch eine Mischung aus Milliarden von Künstlern.

Hast du das Gefühl, dass du in den vergangenen Jahren sehr viel erwachsener geworden bist?
Ja. Ich bin viel entspannter, mir ist klar geworden, dass ich nicht alles kontrollieren kann und dass es wichtig ist, viel Zeit mit seinen Freunden zu verbringen und sich nicht in Konkurrenzkämpfe verwickeln zu lassen. Außerdem ist es auch wichtig, sich mit anderen Künstlern zu umgeben. Wenn zum Beispiel mein Instagram-Account gelöscht werden würde, wäre ich schon ziemlich sauer, aber es wäre nicht das Ende der Welt. Das Internet ist ein merkwürdiger Ort und ich will mich nicht zu sehr damit verbunden fühlen.  

@prue_stent

Photo by Prue Stent and Arabella Joseph

Photo by Prue Stent and Poppy Kural

Photo by Prue and Phillipa Stent

Photo by Prue Stent and Honey Long

Photo by Prue Stent and Honey Long

Credits


Text: Wendy Syfret