die jungdesignerin gesine försterling erklärt, warum deutsche absolventen mehr kämpfen müssen als andere

„Wenn man dieses Studium antritt, weiß man eigentlich vorher, worauf man sich einlässt. Und wenn du daran teilhast, es beobachtest und daran arbeitest, wie aus deiner Idee eine fertige Kollektion entsteht, dann ist es das auch alles wert.“

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Nov. 9 2016, 2:15pm

Gesine Försterling hat vor knapp drei Wochen ihre Master-Kollektion für das Fach Modedesign an der Universität der Künste hier in Berlin vorgestellt. Der Look? Zahlreiche Stickerei- und Web-Elemente, Dekonstruktion klassicher Silhouetten und eine kontrastreiche Farbpalette. Bereits im Frühjahr letzten Jahres haben wir euch die von Womens- zu Menswear herübergewechselte Jungdesignerin im Anschluss an ihre Bachelor-Arbeit vorgestellt. Inzwischen ist sie um einiges an Erfahrungen und Vorstellungen reicher—sowohl auf kreativer, als auch auf persönlicher Ebene. Die UdK-Absolventin befindet sich jetzt an der Schwelle zum Übergang ins Berufsleben und wir haben uns anlässlich dessen mit ihr über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterhalten.

Warum bist du Modedesignerin geworden?
Ich wollte schon seit meiner Kindheit Modedesignerin werden. Keine Ahnung, was ich damals für eine naiv-kindliche Vorstellungen hatte, wie der Beruf tatsächlich aussieht, aber fest stand: Das will ich sein. Und grundsätzlich war ich schon immer daran interessiert, mich praktisch mit Dingen zu beschäftigen, also mit dem Anfassen von Textilien und dem Spiel mit dem Körper.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Mein Stil ist vor allem durch Handwerk geprägt. Gerade bei dieser Kollektion habe ich versucht, mich jeder Technik der Oberflächengestaltung zu bedienen. Strick, Stickereien, Weben, Print … Darüber hinaus, versuche ich immer authentisch zu bleiben; Dinge rauszuschicken, die sich richtig anfühlen, die sich nach mir anfühlen. In Adjektiven ausgedrückt: je nach Thema eher subtil, unprätentiös, gerne aber auch experimentell und laut.

Würdest du sagen, dass du eine trendorientierte Designerin bist?
Ich versuche eigentlich immer mich nicht zu sehr von Trends beeinflussen zu lassen oder zu viel Zeit auf Style.com zu verbringen. Aber ich schätze, es lässt sich nicht vermeiden, dass man durch den Konsum bestimmter Bilderwelten einfach unterbewusst in bestimmte Richtungen geleitet wird.

Das letzte Mal, als du dich mit uns unterhalten hast, hast du gerade deinen Bachelor gemacht. Inzwischen bist du mit dem Master fertig. Was kommt jetzt?
Ganz pragmatisch gesehen? Natürlich Geld verdienen [Lacht]. Es ist nicht leicht, in der Modebranche anzufangen und ich werde mich vermutlich erst einmal mit einem Praktikum versuchen müssen, um von dort aus weiter zu schauen. Ich denke aber, dass irgendetwas im Ausland wohl am besten wäre. Bevor ich mich aber für etwas Längerfristiges verpflichte, mich irgendwo festnageln lasse, hätte ich große Lust auf eher projektbezogenes Arbeiten. Am liebsten würde ich jetzt aber erstmal runterfahren, Luft schnappen, kurz pausieren, neue Energie schöpfen.

Deine MA-Kollektion heißt WORK. Die Bezüge zu dem Thema sind teils recht offensichtlich—aber was genau willst du mit der Kollektion ausdrücken?
Das Projekt war für mich erst wie eine riesige Collage. Ich habe aber dann recht schnell gemerkt, dass es doch zu viel zu diesem Thema gibt, als dass man es in einer Kollektion auf den Punkt bringen könnte. Ziel war es also, eine gewisse gesellschaftliche Veränderung zu verbildlichen. Den Wandel von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft und was er mit uns macht. Man erkennt es ja ganz simpel daran, dass man heutzutage kaum noch jemandem in richtiger Arbeitsbekleidung begegnet. Es ist für mich fast schon wie eine Art Relikt, etwas Nostalgisches. Mit den Stickereien und Verzierungen wollte ich das ganze Konzept dieser doch sehr maskulin-aufgeladenen Workwear aufbrechen, die Stücke sensibler machen, um dieses Verhältnis zwischen Arbeit und Männlichkeit zu hinterfragen oder neu zu interpretieren. 

Wie einschüchternd ist es für dich, wenn du davon hörst , dass große Namen wie Alber Elbaz von Lanvin nach Jahren ihrer Tätigkeit die Reißleine ziehen, weil sie mit der Schnelligkeit in der Branche nicht mehr zurecht kommen?
Mich schüchtert es nicht ein. Ich versuche das Ganze nicht zu sehr auf mich und meine Zukunft zu projizieren. Es ist offensichtlich, dass wir damit ein Problem haben aber gleichzeitig gibt es mir zu verstehen, dass es Anlass zur Veränderung gibt. Als Modedesignerin in Deutschland wird man sowieso darauf getrimmt, dass es schwer sein wird, in diesem Business Fuß zu fassen. Ich meine, jeder kennt die Central Saint Martins oder das RCA, aber im Ausland kennt kaum einer deutsche Mode(-schulen). Insofern muss man sich also ohnehin dem Schwierigkeitsgrad bewusst sein, wenn man in Deutschland Mode studiert. Ich versuche einfach alles Schritt für Schritt anzugehen und mich nicht in irgendwelchen Zukunftssorgen zu verfangen. 

Bei unserem letzten Treffen warst du in deinen End-20ern. Wie haben sich deine Sichtweisen und Vorstellungen zum Leben über die letzten Jahre verändert? 
Zwischen den Mitt-Zwanzigern und den Anfang-Dreißigern verändert sich so viel. Was mir aber extrem aufgefallen ist, ist, dass man irgendwann eine gewisse Entspanntheit entwickelt. Früher habe ich die meisten Dinge viel ernster und viel wichtiger genommen, als sie tatsächlich waren. Inzwischen ist das nicht mehr so. Man macht sich dadurch auch nur unnötig Stress. Heute bin ich der Meinung, dass wenn man weiß, was man kann, wird man seinen Platz schon finden.

Um dahin zu kommen wo du jetzt bist, musstest du auf irgendetwas anderes verzichten?
Ja, schon. Dieses Studium ist einerseits ein Privileg, aber andererseits erfordert es auch viele Opfer. Sowohl finanziell, als auch zwischenmenschlich. Ich musste, zumindest während des Semesters, mein sozial-aktives Leben hinten anstellen. Aber man erkennt auch, wie wichtig gute Freunde sind. Wenn sie dich dann mit Essen in der Uni überraschen zum Beispiel, getreu dem Motto ‚Wenn du nicht zu uns kommen kannst, kommen wir eben zu dir'. Und ich wäre gerne mehr gereist. Vor allem, weil ich aus diesen Tapetenwechseln meine Inspiration ziehe. Aber ich bereue nichts. Wenn man dieses Studium antritt, weiß man eigentlich vorher, worauf man sich einlässt. Und wenn du daran teilhast, es beobachtest und daran arbeitest, wie aus deiner Idee eine fertige Kollektion entsteht, dann ist es das auch alles wert.

@gesinefoersterling

Credits


Text: Max Migowski
Fotos: Marlen Mueller
Hair&Makeup: Patricia Heck
Models: Julian Ribler, Martin Tran