plastik, plüsch und viel dramatik: diesen jungdesigner solltest du dir merken

Der österreichische Nachwuchsdesigner Markus Wernitznig im Interview.

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09 Mai 2017, 11:10am

Wir kennen sie alle: Diese Sonntagabend-Instagrambinges, bei denen man sich von einem Profil zum nächsten klickt und die gefundenen Schätze ganz aufgeregt an seine Freunde schickt. Markus Wernitznigs Fotofeed ist einer dieser Accounts. Zum ersten Mal ist uns der Designer Anfang dieses Jahres aufgefallen, kurze Zeit darauf wurde er von Business of Fashion zu einem der Universitätsabgänger, die man im Auge behalten sollte, gewählt, und nun wieder ein paar Monate später hat der den Modepreis des Bundeskanzleramts im Zuge des TAKE Festivals gewonnen. Vollkommen zurecht. Markus Designs sind durchdacht, seine Materialbearbeitung raffiniert und während er voll und ganz mit seiner Fähigkeit als Designer überzeugt, ist er auch noch dazu unheimlich sympathisch und auf dem Boden geblieben. 

Mit 15 hat er seinen Geburtsort im österreichischen Kärnten verlassen, um in London sein Glück zu finden. Im Laufe der Zeit wurde ihm immer klarer, dass Mode das ist, was er machen möchte. "Die Tatsache, dass meine Eltern in der Mode tätig sind beziehungsweise waren, ist sicherlich prägend, aber ist nicht ausschlaggebend gewesen. Als ich vor zehn Jahren in England angekommen bin, habe ich vieles ausprobiert", erklärt Markus. Aus dem Ausprobieren wurde ein Master-Abschluss an Central Saint Martins, Praktika bei Céline, Tom Ford und Balenciaga und nun eben die Förderung in der Höhe von mehreren Tausend Euro.

Seine Abschlusskollektion ist eine Mischung aus bunten Plastikstücken, in die Chiffonstücke eingearbeitet sind, und Hosen und Oberteilen in dramatischen Formen, die vom Film L'Enfer von Henri-Georges Glouzot aus dem Jahr 1964 inspiriert sind. Woher seine Vorliebe für Strukturen kommt und warum die heutige Mode ein Problem mit Kopien von Kopien, die den Markt beherrschen, hat, haben wir mit Markus im Interview besprochen. 

Wie kam es zu deiner Vorliebe für Strukturen und Formen?
Meine intensive technische Ausbildung vor dem kreativen Studium hat mein Verständnis für Formen und Strukturen sensibilisiert. Ob es wirklich eine Vorliebe ist, kann ich gar nicht so sagen. Aber es stimmt, dass meine Ästhetik von Strukturen und Formen beherrscht wird. Der Grund ist vielleicht, das ich in der Lage bin, jede Form zu realisieren und das oft zur Gänze ausschöpfe. Die Aufgabe jedes Designers ist es, eine eigene Formsprache zu finden.

Wie würdest du deinen Zugang zu Design und Mode beschreiben?
Ich arbeite experimentell und versuche, dabei nie den Aspekt von Tragbarkeit und Modernität aus den Augen zu verlieren. In meinen Kollektionen will ich verschiedene Ideen und Genres verbinden, um Neues zu schaffen. Etwas, das sich wie ein roter Faden durch alle meine Arbeiten zieht, ist die Auseinandersetzung von minimaler und maximaler Ästhetik. Ich sehe jede Kollektion wie einen Film, in dem viele Szenen ein Ganzes ergeben.

Kannst du mir erklären, wie du die Prints erstellt hast?
Die abstrakten Prints sind aus Experimenten mit Lichtreflexionen im unvollendeten Film L'Enfer entstanden. Bei dem Prozess habe ich zwei Lagen speziell entwickeltes Polyethylene durch Hitze verschmolzen und dazwischen farbigen Chiffon und Degradee Organza eingeschweißt. Das endgültige Resultat ist bei diesem experimentellen Prozess nicht beeinflussbar beziehungsweise absehbar gewesen. Eine exzessive Reihe von Trials & Errors hat das Endresultat bestimmt. 

Kann Mode eine Form der Revolution sein?
Mode kann durchaus Revolution sein, aber wirkliche Revolutionen liegen einige Jahrzehnte zurück. Heute sind Revolutionen in der Mode anscheinend out beziehungsweise werden aufgewärmte Kopien als solche gesehen.

Du hast deiner Heimat den Rücken zugekehrt und bist mit 15 nach London gegangen. Warum das?
Ich bin in einer Kleinstadt in einer eher ländlichen Gegend aufgewachsen. Mit 15 Jahren habe ich die Schule abgebrochen, um in England meinen Weg zu suchen. Ich wollte raus aus dieser konventionellen Welt, da ich keine Perspektiven und Chancen gesehen habe, mich kreativ zu entfalten. Für mich war es ein Befreiungsschlag, dieser Vergangenheit den Rücken zuzukehren. Wenn man so jung ist, ist man freier und unbedachter und kann solche Entscheidungen ohne Rücksicht auf Verluste in die Tat umsetzen. Es war aus heutiger Sicht gesehen das Beste, was ich jemals gemacht habe.

Wusstest du damals schon, dass du Mode entwerfen willst?
Die Tatsache, dass meine Eltern in der Mode tätig sind beziehungsweise waren, ist sicherlich prägend, aber ist nicht ausschlaggebend gewesen. Als ich vor zehn Jahren in England angekommen bin, habe ich vieles ausprobiert. Mehr und mehr habe ich mich dann einfach zur Mode hingezogen gefühlt. So hat alles begonnen. 

Was sagst du zum jetzigen Zustand der Mode? Wie beeinflusst er dich als Jungdesigner?
Mode befindet sich in einer Phase, in der Kopien von Kopien den Markt beherrschen. Ich reagiere auf den Ist-Zustand, indem ich versuche, ein neues Genre zu etablieren. Es geht mir darum, Mode zu kreieren, die nicht mit der Masse geht. 

Was kommt als Nächstes für dich?
Im Moment bin ich noch damit beschäftigt meine Möglichkeiten und Perspektiven abzuwägen. Ich bin im Moment offen für alles und schaue der Zukunft sehr optimistisch entgegen.

@markus_wernitznig

Credits


Text: Alexandra Bondi 
Fotos: Liana Osheverova und Emeline Lambert