Warum Selbstporträts dabei helfen, die eigenen Depressionen zu bekämpfen

Ex-Model Kimbra Audrey beschreibt, wie sie durch die Fotografie gelernt hat, besser mit ihren psychischen Problemen umzugehen.

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Nov. 21 2017, 10:02am

Das Model Kimbra Audrey war völlig ausgelaugt, als sie anfing zu fotografieren. Sie hatte jahrelangen gegen ihre Depression gekämpft, war drogenabhängig und hatte einen traumatischen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hinter sich. Durch die Fotografie fand sie ihr Gleichgewicht wieder. Hier erzählt sie, wie wichtig die kreative Therapie für sie war.

"Schon mein ganzes Leben habe ich Depressionen. Ich bin in einer zerrütteten Familie aufgewachsen und habe mit 15 mit dem Modeln angefangen, um dem zu entfliehen und finanziell unabhängig zu sein. Modeln schien mir der lukrativste Job zu sein, den man als Teenager haben konnte.

Nach meinem Schulabschluss bin ich mit 17 alleine nach New York gezogen, um eine Model-Karriere zu verfolgen. Als ich jünger war, hatte ich ein paar Jobs im High-Fashion-Bereich, aber der Druck wurde mir zu hoch, immer eine Size Zero zu sein. Also machte ich vor allem kommerziellere Jobs, auch wenn ich mich dabei nie wirklich gut genug gefühlt habe – es gab immer etwas an mir, das nicht stimmte; entweder war ich zu dick, zu dünn, zu groß oder zu braunhaarig. Ich könnte die Liste endlos lange weiterführen … Mein Selbstbewusstsein war praktisch nicht vorhanden. Ich habe mein Spiegelbild gehasst, also habe ich gelernt, zu schauspielern, um vor Kunden selbstbewusster aufzutreten – dabei war mir innerlich meistens einfach nur zum Weinen zumute. Meine Depressionen wurden schlimmer, aber ich war der Meinung, dass ich nichts anderes konnte als Modeln.


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Mit 19 nahm ich eine Überdosis Drogen und Alkohol und bin fast daran gestorben. Meine Leber versagte und die Ärzte sagten zu mir, dass ich sterben würde, wenn ich keine Leber-Transplantation bekommen würde. Ich musste warten und wurde immer schwächer. Nach zwei langen Wochen mit Bluttransfusionen besserte sich mein Zustand plötzlich. Es war wie ein Wunder. Ich habe insgesamt einen Monat im Krankenhaus verbracht, davon zwei Wochen in einer stationären Psychiatrie-Abteilung. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Mit meinen 19 Jahren war ich die Jüngste dort. Ich wurde ausgezogen, durchsucht und gewaschen. Es gab keine Türen, keine Schlösser, keine Privatsphäre. Meine Mitbewohnerin war eine 80-jährige Frau namens Katherine, die dachte, dass jeder Tag ihr Geburtstag sei. Nachts wachte sie schreiend auf und musste ruhiggestellt werden. Ich durfte weder rausgehen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, noch um Sport zu machen. Das Essen war ungenießbar, also habe ich an den meisten Tagen nichts gegessen. Ich wurde gezwungen, Medikamente einzunehmen, durch die ich mich schlechter, statt besser fühlte. Doch um diesen Ort verlassen zu können, musste ich beweisen, dass ich ihrer Ansicht nach geistig gesund war – aber es waren genau diese Räumlichkeiten und Umstände, die mich verrückt gemacht haben.

Als ich endlich entlassen wurde, entschied ich mich dazu, mein Leben komplett zu ändern. Ich hörte mit dem Alkohol auf, wurde Veganerin und fing an, Yoga zu machen. Ich war so dankbar dafür, noch am Leben zu sein – ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr empfunden hatte. Die einfachsten Dinge, wie spazieren zu gehen, machten mir so viel Freude. Mein wahres Glück fand ich aber hinter der Kamera. An der Highschool hatte ich einen Fotografie-Kurs und habe alles fotografiert, was mir vor die Linse kam. Meistens waren es aber meine Freunde.

Eine meiner Freundinnen, auch ein Model, sagte mir, dass auch sie durch das Modeln depressiv geworden war. Sie blieb nie länger als ein paar Monate in einer Stadt, war ständig pleite, müde und einsam. Also fing sie an, Selbstporträts zu machen, was ihr sehr geholfen hat. Ich wollte es auch auszuprobieren, sah es aber mehr als Experiment. Es war eine Herausforderung, gleichzeitig Model und Fotografin zu sein, aber es fühlte sich auch sehr befreiend an.

Selbstporträts haben mir die Kraft gegeben, mich auf Fotos so festzuhalten, wie ich mich selbst wahrnehme. Ich bearbeite meine Bilder nicht, weil ich mich als Model oft auf dem fertigen Bild kaum selbst wiedererkannt habe. Ich wollte ehrliche Bilder von mir und begann, fast täglich Aufnahmen von mir zu schießen.

Durch meine Selbstporträts habe ich gelernt, mich verletzlich zu zeigen und zu akzeptieren, dass das etwas Positives sein kann. Ich habe gelernt, meinen Körper zu lieben, statt mich schlecht zu fühlen, weil ich keine Size Zero bin. Heute fühle ich mich wohl in meiner Haut und akzeptiere meinen Körper so, wie er ist. Es frustriert mich, dass unsere Gesellschaft so besessen von Perfektion ist. Warum können wir nicht die Schönheit in der Unvollkommenheit erkennen? Warum können die Leute nicht natürlich sein und sich so lieben, wie sie sind?

Meine Depressionen zu dokumentieren, hat mir mehr geholfen, als Ärzte oder Medikamente es je getan hätten. Meine Depression habe ich bis heute, und ich weiß nicht, ob ich sie je loswerden werde. Das aktuelle System für psychische Gesundheit in den USA trimmt die Leute darauf, zu versagen. Meistens werden einem Medikamente verschrieben und man wird nach Hause geschickt. Es gibt keine Nachuntersuchung, kein Gespräch über alternative Behandlungsmethoden. Es ist ein Kampf, meine Depressionen zu behandeln, aber jetzt bin ich endlich an einem Punkt angelangt, an dem ich weiß, wie ich besser damit umgehe.

Vergangenes Jahr habe ich auch nach neun Jahren mit dem Modeln aufgehört und bin nach Paris gezogen, um mich dort voll und ganz auf meine Fotografie zu konzentrieren. Meine Fotos können manchmal ziemlich düster sein, aber es ist mir sehr wichtig, all meine Gefühle festzuhalten – ob positive oder negative."

@kibraaudrey

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.


Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.