„afrikanisches design besteht nicht nur aus prints.“

Zwei Londonerinnen machen Mode aus Afrika ganz groß. Wir haben sie zum Gespräch über Klischees afrikanischer Mode, nachhaltige Entwicklung vor Ort und Gründergeist getroffen.

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Juni 16 2016, 8:41am

Kiran Yoliswa und Alae Ismail denken groß. Die Aufgabe, die sich die beiden vorgenommen haben, ist auch keine kleine: Die Gründerinnen von Styled by Africa— eine kuratierte Online-Boutique mit dem Besten an afrikanischer Mode—wollen den weltweiten Ruf afrikanischer Mode stärken und die Kollektionen dem internationalen Markt zugänglich machen. Gleichzeitig wollen sie aber auch die vorherrschenden Vorstellungen von Mode aus Afrika verändern.

Styled by Africa fing 2012 als Blog an. „Wir hatten einfach genug davon, wie junge Afrikaner weltweit in den Medien dargestellt werden und wir wollten damit eine Plattform schaffen, mit der sie sich identifizieren können und die sie widerspiegelt", sagt Kiran. „Mode war dafür ein geeignetes Mittel." Kennengelernt und angefreundet haben sich Kiran und Alae während des Biomedizinstudiums: „Weil wir beide Naturwissenschaften nicht sonderlich gemocht haben und nicht wie die anderen im Seminar Doktor werden wollten." Alae hatte sich schon immer für Mode interessiert und nebenbei als Stylistin gearbeitet. Kiran bringt die Begeisterung für Afrika und Entwicklungshilfe mit.

Als sie nach dem Studium auf Jobsuche gegangen sind, stand für beide fest, dass die Arbeit ihre Interessen widerspiegeln soll. Doch das sollte sich als nicht so einfach erweisen: „Wir haben nach verschiedenen Jobs gesucht und hatten das Gefühl, dass es keine Angebote gab, die wir wirklich wollten", so Kiran. „Stattdessen haben wir uns selbstständig gemacht." 2012 gründeten sie dann ihren Blog. Weihnachten sind die beiden nach Simbabwe gereist, um Designer zu treffen. Dort haben sie auch ihr erstes Event veranstaltet, bei dem sie gleichgesinnte Kreative aus der Fashion, Food- und Musikwelt zusammenbrachten. Die Reaktionen auf diesen Trip bestätigten ihre Annahmen: Dass in westlichen Ländern über Afrikas Kreativindustrien falsche Vorstellungen existieren.

„Als wir wieder zu Hause waren und die Leute sich Bilder von der Reise auf unserer Website angeschaut haben, reagierten sie oft mit 'Das ist so cool. Ich wusste nicht, dass die Leute in Simbabwe so etwas machen'", erklärt uns Kiran. „Das war spannend, weil wir einfach unterschiedliche Geschichten aus unterschiedlichen Orten erzählen konnten."

Nach sechs Monaten wurde den beiden klar, wie groß das Interesse an den Designern ist, die sie auf ihrem Blog gezeigt haben. Immer mehr Leser haben ihnen geschrieben und wollten wissen, wo man die Kleidung kaufen kann, über die die beiden Londoner Girls schreiben. „Wir haben versucht, unsere Leser mit den Designern zu connecten. Das stellte sich aber oftmals als echt schwierig heraus. Die Designer sitzen irgendwo in Ghana und der ganze Logistikprozess, dass die Kunden die Produkte dann auch wirklich erhalten, war eine Herausforderung. Als wir mit den Designern gesprochen haben, sagten die uns, dass für sie der Zugang zu internationalen Märkten die größte Herausforderung sei. Ihre Heimatmärkte sind klein und die Sachen können sich viele Leute dort nicht leisten. Du kannst dort als Modedesigner überleben, aber daraus wird kein Unternehmen mit nachhaltigem Wachstum.

„Wir waren so naiv und dachten, wenn die Leser die Sachen kaufen möchten und die Designer einen Vertriebskanal brauchen, dann müssen wir einfach nur aus unserem Blog einen Onlineshop machen." Leider ist es nicht ganz so einfach, ein Business zu gründen, wie die beiden Girls selbst erleben mussten. Die Rettung kam dann aber doch. Während den Pausen in ihren normalen Jobs haben sie am Businessplan geschrieben, den sie bei einer Initiative für junge Gründer eingereicht haben. Am Ende haben sie eine Mentorenschaft von Richard Branson gewonnen. Das gab ihnen die Bestätigung, die sie zum Weitermachen brauchten, und die Zuversicht, „den Onlineshop zu starten."

Seitdem sind die beiden immer wieder in Afrika unterwegs, um die besten Modedesigner zu entdecken und interessante Jungdesigner aufzuspüren. Mit ihrer Website (und einem kleinen Laden in London) versorgen sie ihre Kundschaft in Europa und den USA mit einem liebevoll ausgewählten Sortiment. Es sind Pieces, für die sie ohne Weiteres höhere Preise durchsetzen könnten. Wieso wird afrikanische Mode nach wie vor so unterschätzt?

„Ich glaube, dass lange Zeit die Vorstellung vorgeherrscht hat, dass alles aus Afrika aus Hand gefertigt wird", sagt Kiran. „Die Leute dachten, dass dahinter keine Designidee steckt. Das möchten wir ändern." Den beiden Unternehmerinnen ist es wichtig zu zeigen, dass afrikanische Mode mehr ist als knallige, bunte Prints.

„Afrikanisches Design besteht nicht nur aus Prints. Genauso geht es nicht nur um die traditionellen westafrikanischen Wax-Prints, das ist gar nicht repräsentativ für die Region", sagt Kiran." Alae kommt aus Ostafrika. Viele der dortigen Designs sind hauptsächlich Weiß mit einem farbigen Rand. In Südafrika sind die Designs viel grafischer."

Während Kiran und Alae gleichzeitig afrikanischen Designtalenten eine Plattform bieten, ist ihnen ebenso sehr wichtig, dass ihr Unternehmen nachhaltig und nach ethischen Grundsätzen arbeitet. „Einer unserer Prinzipien ist es, mit dieser Plattform Jobs in Afrika für junge Leute—besonders Frauen—zu schaffen", so Kiran. „Die meisten unserer Labels gehören Frauen. Aber wir beschäftigten auch viele Produktionsmanagerinnen und Näherinnen—diese Industrie hat einen großen Einfluss. Wir arbeiten mit der Ethical Fashion Intiative zusammen und haben ein ganzes Team, das sich um die Entwicklung kümmert", sagt Alae. „Viele Frauen arbeiten jetzt Vollzeit oder Teilzeit und lernen so viel. Das ist einfach toll."

Seit dem Launch von Styled by Africa sind fast vier Jahre vergangen, es gibt aber immer noch viel, was Kiran und Alae erreichen wollen: „Die Entwicklung ist großartig", sagt Alae. „Wir haben noch Großes vor. Momentan konzentrieren wir uns auf das Geschäftliche: Dass unsere Produkte unseren Ansprüchen genügen und hoffentlich kommen wir dieses Jahr noch mal nach Afrika, um noch mehr aufstrebende Labels zu entdecken."

Könnte Styled by Africa das für afrikanische Mode sein, was Net-a-Porter heute für die Modebranche insgesamt ist? „Das ist unser Ziel", so Alae.

Credits


Illustration: Hisham Bharoocha