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„ich habe das gefühl, dass die menschen immer lauter werden und das ist gut.“

Dieses Jahr war ein wichtiges Jahr für die #blacklivesmatter-Bewegung in Deutschland. Was hat sich geändert und was muss sich noch ändern? Wir haben mit der Bloggerin Dominique Booker genau darüber gesprochen und sie gefragt, wo für sie Rassismus...

von Lisa Leinen
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14 Dezember 2016, 11:45am

Bereits vor einigen Tagen hat die Studentin und Bloggerin Dominique Booker für uns einen offenen Brief über Alltagsrassismus und ihre Erfahrungen damit geschrieben. Normalerweise ist es eher sie, die anderen Fragen stellt: Auf ihrem Blog Positiv / Negativ interviewt sie regelmäßig schwarze Frauen, die ihre ganz persönlichen Geschichten und Gefühle mit anderen teilen wollen, um aufzuklären, zu ermutigen oder auch zu unterhalten. 
Wir haben Dominique zum Interview getroffen und mit ihr über ihre Kindheit, Jugend und das Hier und Jetzt gesprochen.

Gab es ein besonderes Ereignis oder einen Auslöser, diesen Blog zu starten? 
Nicht unbedingt! Der Blog ist ursprünglich als ein Uniprojekt entstanden. Ich habe die ersten Interviews in Form eines Buches erarbeitet, das ich für meinen damaligen Kurs entworfen habe. Ich wollte etwas machen, das Sinn und Tiefe hat; das verbindet, was ich gerne tue; und mit dem ich mich identifizieren kann. Nachdem ich dann nur tolle Reaktionen bezüglich des Projektes/Buches erhalten habe, habe ich beschlossen, es allen sehr einfach und schnell zugänglich zu machen. Zumal ich auch der Meinung war, dass die Dinge, die ich festhalten durfte, zu wertvoll waren, um nicht geteilt zu werden. Weil für mich das Ganze noch nicht ausgereift genug war, um mich auf die Suche nach Verlegern zu begeben, lag es nahe, einen Blog daraus zu machen. 

Wie wirst du auf all die schwarzen Frauen aufmerksam, die du für deinen Blog interviewst?
Meistens finde ich sie über Social Media. Manchmal gibt es aber auch Empfehlungen von Freunden oder Bekannten, die Frauen mit interessanten Geschichten kennen. Ich habe bei jeder Frau bestimmte Gründe, warum ich sie aussuche. 

Schreiben dich viele von ihnen an, um ihre Geschichte zu erzählen? 
Ich bekomme hin und wieder Anfragen, aber eigentlich habe ich mir den Großteil der Frauen selbst ausgesucht.

Was war die schönste und rührendste Nachricht, die dich jemals für beziehungsweise über den Blog erreicht hat?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich da nicht wirklich etwas herauskristallisieren kann, weil ich persönlich von jeder Begegnung etwas mitnehme. Das muss keine dramatische Geschichte sein, damit ich etwas Wertvolles in den Gesprächen finden kann. Jede Geschichte und Sichtweise ist besonders und wichtig und wert, gehört zu werden. Überall stecken Emotionen drin—und was ist echter als Emotionen? Es gibt immer jemanden dort draußen, der sich mit einer Geschichte identifizieren kann, darum geht es mir. Mit ein paar ehrlichen Worten kann man manchmal mehr bewirken, als man vielleicht denkt.

Du schreibst auf deinem Blog in einem offenen Brief über die enge Bindung zu deiner Mutter und die eher schwierige Beziehung zu deinem Vater—wie ist euer Verhältnis heute?
Ein paar Stunden nachdem ich den Blog online gestellt habe, bekam ich einen Anruf: Mein Vater war verstorben. Er wollte kein Teil mehr von dieser Welt sein. Wir hatten uns ein paar Tage vorher noch gesehen und miteinander gesprochen. Das hat mir also die Möglichkeit genommen, unsere Beziehung weiter zu verbessern. Das hat wahrscheinlich auch den Wunsch in mir verstärkt, meine eigenen Wurzeln und Identität besser kennenzulernen. Meine Mama und ich sind nach wie vor ein starkes Team. Sie verfolgt alles, was ich im Zusammenhang mit diesem Projekt teile, und ist sehr offen und interessiert, wenn es um diese Themen geht. Das finde ich toll.

Barack Obamas Amtszeit ist bald vorbei, der neue Präsident heißt Donald Trump. Löst das etwas in dir aus? Deine beiden Brüder leben in den Staaten, richtig?
Die Hoffnung, die Schwarzen Menschen gegeben wurde—dadurch, dass ein Schwarzer Mann zum Präsidenten gewählt wurde und das sogar zwei Mal—, wurde mit der Wahl Donald Trumps wieder gedämpft und hat den Menschen einen ziemlichen Tritt verpasst. Aber am Ende des Tages gilt doch: Politik ist Politik. Man muss bei sich selbst anfangen, an sich selbst arbeiten und nicht nur darauf schauen, was alles oben passiert. Jeder Einzelne trägt die Kraft in sich, etwas zu verändern. Wenn man ein Schaf bleibt, dann darf man auch nicht heulen, wenn der Wolf angreift! Ja, meine Brüder haben die Hälfte ihres Lebens in Deutschland gelebt und sind seitdem wieder in den Staaten. Ich sorge mich immer um sie, besonders, weil einer von ihnen in der Army ist. Das liegt jetzt aber nicht speziell daran, dass sie in Amerika leben, es könnte überall etwas passieren.

Du schreibst auch, dass du—zum Glück—bisher noch keine Erfahrung mit tiefergehendem Rassismus im Alltag gemacht hast. Du schreibst aber über Kinderwitze, die dir noch im Ohr geblieben sind und dich verletzt und geprägt haben. Wo fängt Rassismus deiner Meinung nach an?
Ich habe meine Erfahrungen ziemlich komprimiert beschrieben, weil ich nicht viel über mich selbst sprechen wollte. Ich wollte mit meiner kurzen Einleitung einfach nur einen kleinen Einblick in die Person geben, die hinter dem Projekt steht. Aber glücklicherweise kann ich sagen, dass ich aufgrund meiner Herkunft bisher nie körperliche Gewalt erfahren musste  oder das Gefühl hatte, dass Türen geschlossen wurden und ich etwas nicht erreichen konnte. Ich glaube aber, dass es ein Fehler ist, zu denken, dass Rassismus immer radikal und in your face sein muss, er ist sehr oft sehr subtil. Ich habe in meinem Leben schon Rassismus erlebt beziehungsweise erlebe ihn oft, aber er beruht in den meisten Fällen auf Ignoranz, und da geht es, meiner Meinung nach, schon los—bei Ignoranz! Aber ich denke, man muss unterscheiden zwischen eigenverschuldeter und unbewusster Ignoranz. Eigenverschuldet bedeutet für mich, dass man nicht bereit ist, seinen eigenen Mikrokosmos zu verlassen und nicht erkennen möchte, dass es andere Erfahrungen und Realitäten als die eigenen gibt. Denn das wäre mit Selbstkritik und Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Person verbunden. Und die meisten Menschen kehren nicht gerne vor der eigenen Tür. Dann gibt es aber auch die Menschen, die viele dumme Dinge sagen oder tun, weil sie es nicht anders kennen oder besser wissen, aber dankbar dafür sind, wenn man sie eines Besseren belehrt.

Unsere Kollegin Naomi ist ebenfalls eine junge schwarze Frau und hat dieses Jahr ein Feature über Beauty-Standards für uns realisiert. Wie stehst du dazu? Beschäftigst du dich täglich mit ihnen?
Definitiv! Besonders als Frau weiß man, welche große Rolle das äußerliche Erscheinungsbild im Leben spielt—oft natürlich eine viel zu große, leider. Das geht in jungen Jahren mit dem Vergleich der Haarstruktur (der Freundinnen), die man lieber haben möchte, los und geht in Teenagerjahren mit Vergleichen bezüglich des Körpers weiter. Gleichzeitig ist man für alle anderen immer eine Attraktion, was man auch nicht sein möchte. In den Medien findet man sich auch nicht wirklich wieder. Wenn man dann noch bi-ethnisch ist, ist es auch oft der Fall, dass selbst die eigene Mutter einem nicht wirklich ähnelt. Wohin schaut man also?
Als Heranwachsende sucht man immer nach Leitbildern und die haben in meiner Jugend in Deutschland definitiv gefehlt. Also hat man sich diese außerhalb des Landes gesucht, das ist nicht schlimm, aber schade! Ich hatte das Glück, dass meine Mama mit meinem Haar umgehen konnte, aber das können auch viele nicht. Ich suche bis heute den perfekten Weg, was meine Haarpflege betrifft, wobei mittlerweile aber zahlreiche YouTube-Videos Abhilfe schaffen. Haarpflege klingt eigentlich ziemlich banal, aber Haare spielen in der Schwarzen Kultur eine große Rolle. Der Einkauf ist für mich ist allein, zum Beispiel, mit Gängen zum Afroshop verbunden. Oft hat der kleine Laden um die Ecke nicht das, was man sucht, dann muss man in die nächstgrößere Stadt in einen größeren Laden fahren, um dann importierte Produkte zu kaufen, deren Preise auch nicht ohne sind. Friseurgänge sind für viele auch ein Albtraum, weil viele mit unseren Haarstrukturen oft überfordert sind und das Angebot an Friseuren für Schwarzes Haar sehr gering ist. Für Frauen, die Make-up tragen, war es auch lange Zeit ein Krampf das passende zu finden, das ihrem Hautton entspricht. Das wird aber immer besser. Als Schwarze Person in Deutschland ist es etwas komplizierter und mit größerem Aufwand verbunden, aber man findet irgendwie immer einen Weg. Die Medien machen es heute auf jeden Fall erheblich einfacher. Mir ist es mit meiner Arbeit aus diesem Grund aber auch wichtig, die Schönheit und Diversity von allen hervorzuheben. Ich hoffe, dass man dadurch irgendwann erreicht, dass nicht nur im Ausland nach Leitbildern oder Vergleichsmöglichkeiten gesucht wird, sondern dass man sich auch im eigenen Heimatland wiederfindet. Wir haben hier auch coole, erfolgreiche, stylische, talentierte, bewundernswerte, interessante und wunderschöne Schwarze Frauen!

Hattest du jemals das Gefühl, dass du aufgrund deiner Hautfarbe anders behandelt wurdest?
Das spielt oft eine Rolle—aus negativen und positiven Gründen! Ich könnte da jetzt zig Anekdoten aufführen, aber eigentlich würde ich dazu nur gerne sagen, dass ich mir oft im Leben gewünscht habe, nicht aufzufallen. Ich wollte einfach als Mensch gesehen werden, frei von Beurteilungen aufgrund meiner Herkunft und meiner äußerlichen Hülle. Da all die Ignoranz oder Konflikte—in welcher Form auch immer sie auftauchen—primär aus diesem Punkt entstehen und oft einfach nur ermüdend und sinnlos sind. Natürlich erzählt meine Herkunft etwas über mich, aber der Mensch, der ich wirklich bin, steckt ganz tief unter meiner Haut. Und das sage ich mit sehr viel Liebe für meine Haut, denn ich wollte und will zu keiner Sekunde meines Lebens anders sein oder aussehen.

Hast du das Jahr 2016 als ein wichtiges Jahr für die #blacklivesmatter-Bewegung in Deutschland wahrgenommen?
Die Solidarität war auf jeden Fall sichtbarer! Dem Thema wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was auch nötig ist. Den Menschen, die es belächelt haben, weil die der Meinung sind, dass es in Deutschland keine Rolle spielt, wurden Gegenbeispiele gezeigt, das ist auch sehr wichtig. Natürlich sind viele Dinge in Deutschland anders als in Amerika—Gott sei Dank—aber es gibt leider auch Parallelen und das darf man nicht einfach ignorieren. 

Was hat sich dieses Jahr geändert und was muss sich noch ändern? 
Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer lauter werden und das ist gut. Laut sein bedeutet für mich nicht immer auf Konfrontation aus zu sein, sondern auch Wege zu finden, um aufzuklären oder sich selbst oder das vermeidliche Anderssein zu zelebrieren beziehungsweise den Zusammenhalt zu stärken und sich zu befreien. Gleichzeitig ist das aber auch eine Gegenbewegung, gegen die immer größer werdende Zustimmung der braunen Sauce. Das finde ich sehr beunruhigend! Doch daran sieht man, dass erschreckender- und traurigerweise Fremdenfeindlichkeit selbst im Jahre 2016 noch ein großes Thema ist. Es muss also noch viel getan werden, überall auf der Welt! Fremdenfeindlichkeit, allein schon dieses Wort! Dazu fällt mir direkt ein Song ein: Advanced Chemistry - „Fremd im eigenen Land".

@positivnegativ

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: via Positiv / Negativ