fünf bücher, die zeigen, dass gute musiker auch gute schriftsteller sein können

Musik und Literatur gehen seit je her Hand in Hand, nicht erst seitdem Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Musik bezieht sich auf Literatur, Literatur auf Musik. Hin und wieder lassen Musiker ihre Instrumente gänzlich ruhen und...

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07 November 2016, 2:10pm

Das Spucktütenlied, Nick Cave
Zwischen dem 13. Juni und dem 2. August 2014 schrieb Nick Cave sein Spucktütenlied auf ebenjene Sick Bags, die in Flugzeugen ausgegeben werden. Wir finden zwar nicht heraus, ob und warum Mr. Cave im Flieger schlecht wird, seine Spucktüte hält aber in jedem Fall einiges für uns bereit. Wir treffen auf Bryan Ferry in Badehose und auf einen vampirischen Bob Dylan, werden entführt in eine mythische Welt irgendwo zwischen Traumsequenz und Tagebuch. „Die Geister heulen durch die Wörter, bringen sie zum Klingen". Recht hat er! Beseelt von düsterer Schönheit, schwarzem Humor und anmutiger Poesie nimmt uns Nick Cave mit auf eine Flugreise durch eine hügelige Seelenlandschaft. Das Spucktütenlied ist bereits Caves drittes Buch. Die in Deutschland veröffentlichte zweisprachige Ausgabe wartet mit hochwertigen Abbildungen der originalen Kotztüten auf, übersät mit Caves (lyrischen) Ergüssen.

Glückstage in der Hölle, Mark Oliver Everett
Bei Glückstage in der Hölle handelt es sich zugegebenermaßen um eine Autobiografie. Schwierig, denn wenn diese es in die Liste geschafft hat, was ist dann mit Kim Gordon, Morrissey, Neil Young und wie sie alle heißen? Doch dieses Buch ist mir ein Anliegen. Everett, seines Zeichens Frontmann der Eels, zeichnet auf etwas mehr als 200 Seiten ab, dass Musik dazu in der Lage ist, dich aus den tiefsten und dunkelsten Löchern zu erretten. Seine Eltern sind früh gestorben, seine Schwester hat sich das Leben genommen, nachdem er sie schon einige Male in letzter Sekunde retten konnte. Everett macht weiter, die Musik ist seine Konstante, an der er sich entlanghangelt. Plötzlich machen Songs wie „Novocaine for the Soul" oder „The Medication is wearing off" so viel mehr Sinn. Sein Schreibstil ist sehr nüchtern, sein Humor trocken—ohne Pathos oder Selbstmitleid. Er schreibt so, wie seine Stimme klingt.

Traumsammlerin, Patti Smith
Klar, jeder kennt Just Kids—die Geschichte von Patti Smith und Robert Mapplethorpe. Ihr letztes Buch M Train ist immer noch in aller Munde. Die Frau, die Hymnen wie „Because The Night" schrieb, hat zur Genüge unter Beweis gestellt, dass sie mehr ist, als eine gute Songwriterin. Zwischen diesen beiden zurecht hochgelobten Büchern erschien 2013 ein kleines Bändchen, das bereits 1992 in den USA in Auszügen abgedruckt wurde. Es liest sich so flüchtig und erfüllend, wie ein kurzes Verliebtsein in der Straßenbahn. Traumsammlerin ist die poetische Abhandlung der Jugend der Punk-Ikone Patricia Smith. Wenn sie davon schreibt, über das Gras der Felder Pennsylvanias geschwebt zu sein, zweifelt man keine einzige Sekunde, dass das so auch der Fall gewesen ist. Sie schreibt: „Ich wusste schon immer, ich würde ein Buch schreiben, wenn auch nur ein kleines, das einen fortträgt in eine Welt, die weder zu vermessen ist noch in Gedanken zu fassen." Traumsammlerin ist von der ersten bis zur letzten Seite pure Kunst.

Beautiful Losers, Leonard Cohen
Beautiful Losers ist ein Gedicht im Gewand eines Romans. Cohens stream-of-conciousness-artige Weise zu schreiben trägt uns tief ins Seelenleben des namenlosen Protagonisten. Dessen Gedanken drehen sich um den Verlust seiner Frau, die sich das Leben genommen hat und seinen besten Freund und Geliebten, der nur F genannt wird. Um seiner persönlichen von sexuellen Sehnsüchten durchsetzen Hölle zu entkommen, widmet er sich der Recherche über die Mohawk Kateri Tekakwitha, eine nordamerikanische Indianerin, die im 17. Jahrhundert lebte und von der Kirche heilig gesprochen werden sollte. Die Geschichte dieser Heiligen in spe verwebt sich wiederum in die gedanklichen Wirrungen der Hauptperson, lässt sich in den Rissen des seelischen Fundaments des Namenlosen nieder. Wer den ruhigen Ton von Cohens Liedern kennt und schätzt und diesen auch in Beautiful Losers erwartet, dürfte sich bei der Lektüre ein bisschen wundern. Auch fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung scheiden sich an diesem Buch die Geister. Es ist wild, vulgär, explizit, experimentell, pornografisch, äußerst symbollastig und spirituell. Die Vermutung, dass Cohen weite Strecken des Buches unter Drogeneinfluss schrieb, ist so weit verbreitet wie so gut vorstellbar.

Haus aus Erde, Woody Guthrie
In Haus aus Erde erzählt der linke Aktivist und die Folk-Legende Woody Guthie die Geschichte vom Lebenskampf der armen Farmer Tike und Ella. Die beiden erwarten nicht viel vom Leben: Ein Dach über dem Kopf, getragen von Lehmziegel-Mauern, die vor Sandstürmen schützen und ein Fleckchen Boden, den sie bereiten können. Doch das Land, auf dem ihr Haus aus Erde steht, gehört nicht ihnen, sondern der Bank („This Land is your Land" anmachen!). Der Plot gibt nicht viel Handlung her, was auch nicht von Nöten ist. Wir erhalten einen realistischen Einblick in das harte Leben der Menschen, die im Dust Bowl-Amerika der 30er Jahre um ihre Existenz kämpfen mussten und deren Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte in einer korrupten, verstaubten Welt. Dieses Buch, dessen Manuskript fast sechzig Jahre in einer Schublade in Hollywood verstaubt ist, entstand in den Jahren 1940 - 47, also unmittelbar nach der Großen Depression und während des Zweiten Weltkriegs. Es spiegelt die Wut und Verzweiflung der amerikanischen Arbeiterklasse wider und ist wie alles, was Woody Guthrie geschaffen hat, bis ins letzte Quäntchen politisch aufgeladen. Die Sprache ist ungeschönt, sehr direkt und sehr zornig. Keinem geringeren als Johnny Depp haben wir es zu verdanken, dass dieser Roman doch noch das Licht der Welt erblicken durfte.

Credits


Text: Kai Hilbert
Foto: via Imago