nicolas ghesquière erzählt von seiner arbeit für louis vuitton

Wenn sich einer der einflussreichsten Modedesigner und eines der größten Luxuslabels der Welt zusammentun, darf man zurecht Großes erwarten. Gerade hat Nicolas Ghesquière die Modewelt in Palm Springs mit seiner neusten Kreation für Louis Vuitton in...

|
08 Mai 2015, 8:35am

Foto: Glen Luchford

Als sich die Rollläden in dem eigens für die „Louis Vuitton"-Show temporär erbauten Showroom im Hof des Louvre öffneten, flutete Sonnenlicht den Laufsteg. Aus den Lautsprechern tönte „Copy Cat" von Skream feat. Kelis als Freja Beha Erichsen mit einem schwarzen Ledermantel in A-Linie, der einen farblich abgesetzten braunen Kragen hat, die Show eröffnete und Geschichte schrieb.

Die Debütkollektion von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton wurde von vielen sehnlichst erwartet. Die Vorfreude unter den Modejournalisten und Fans war riesig, weil die Modewelt einen der talentiertesten Modedesigner unserer Generation wieder in ihren Reihen willkommen hieß. Der Neuanfang unter Nicolas lässt sich so zusammenfassen: retro trotzdem modern, gerade dennoch weich. Gefragt über seinen Ansatz, antwortet Nicolas: „Ich hatte eine Vision, nicht wirklich eine Strategie. Ich wusste von Beginn an, dass ich keine trendy Modekollektion machen wollte, weil ich tief in die Kleiderschränke von vielen verschiedenen Frauen vordringen möchte."

Wenn es darum geht, die Silhouette der Saison zu definieren, kommt an Nicolas Ghesquière keiner vorbei. Als er für Balenciaga gearbeitet hat, haben seine skulpturalen Designs die Mode 15 Jahre lang geprägt. Der Schwerpunkt seiner ersten Kollektion für Louis Vuitton lag jedoch auf geraden Schnitten. Die Taillen der Kleider und Röcke reichen gerade so bis unter den Brustkorb, was den architektonischen Charakter der Röcke betont. Daneben umfasste die Kollektion Rollkragen-Pullover mit klobigen Reißverschlüssen und sportliche Jacken mit spitzen Kragen sowie mit blauen und brauen Pailletten als Zitate auf die Après-Ski-Mode aus den Siebzigern. Stoffe spielten eine entscheidende Rolle - lederne Riemchenkleider, gefolgt von Röcken aus Bouclé, einem braunen Wildlederkleid in A-Linie mit blau und violett changierenden Applikationen, die wie Lametta schimmern, sowie einen schwarzen Mantel aus Kroko-Leder.

Das ist Kleidung, die man anfassen möchte; die man durch deine Finger gleiten lassen möchte; die man erleben möchte und am wichtigsten: die man tragen möchte. Was die Accessoires angeht: die Ohrringe, die schwarzen Stiefel, die Taschen. Jedes Teil hat einen Must-Have-Touch mit Kultpotenzial. Laut WWD generieren Lederwaren 90 Prozent der Umsätze von Louis Vuitton. Nicolas' Ziel ist es, diese Lücke zu schließen und Ready-to-Wear durch eine kunstvolle Synthese der beiden wieder nach vorne  zu bringen. „Ich denke, dass wir momentan einen Popmoment in der Mode und in der Kunst erleben", sagt Nicolas. „Mode wird heute von vielen geliebt, sie wollen mitmachen und dazugehören. Wir sollten das würdigen und etwas daraus machen."

Nicolas wurde 1971 in der Nähe von Lille geboren und wuchs in der Kleinstadt Loudun im Loire-Tal auf. Er wusste schon immer, dass er Modedesigner werden wollte: „Ich hatte eine sehr glückliche und beschützte Kindheit", sagt er uns. „Ich wusste schon früh, was ich machen wollte, und meine Eltern unterstützen mich dabei komplett." Im zarten Alter von 14 absolvierte er in den Ferien ein einmonatiges Praktikum bei Agnès b. Danach wurde ihm eine Stelle bei der jungen Designerin Corinne Cobson angeboten, bei der er an den Wochenenden für zwei Jahre arbeitete, bevor er seinen Schulabschluss machte und von 1990 bis 1992 Assistent bei Jean Paul Gaultier wurde. Eine Zeit, die er liebevoll als „im Herz eines Atomreaktors" beschreibt.

„Es gab natürlich Fragen, aber sie haben niemals an mir gezweifelt. Sie haben mein Selbstbewusstsein gestärkt. Und ich hatte Glück, dass ich die richtigen Leute bei Gaultier und später bei Balenciaga kennengelernt habe. Es gab ein paar Leute, die sich gut um mich gekümmert haben."

Nach dem Weggang bei Gaultier entwarf Nicolas Strickwaren für das kleine Pariser Label Pôles, bevor er 1995 Produktdesigner bei Balenciaga wurde. Kaum zwei Jahre später wurde er mit nur 26 Jahren neuer Creative Director des Haues und Nachfolger von Josephus Thimister.

In den nächsten 15 Jahren stieg Balenciaga wie Phönix aus der Asche auf und wurde zu einem der einflussreichsten und inspirierendsten Modehäuser auf der Welt - eine Hit-produzierende Maschine. Seine Designs definierten ein ganzes Jahrzehnt: skinny Schulblazer, Cargo-Hosen, metallfarbene Leggings, Gladiator-Röcke und Sandalen erlangten schnell Kultstatus und wurden begierig von Redakteuren und Modefans auf der ganzen Welt aufgenommen.

In der Modebranche musst du dich ständig selbst neu erfinden. Mittlerweile habe ich aber keine Angst mehr. Ich bin jetzt entspannter, ich habe Unterstützung und ich bin umgeben von Leuten, denen ich vertraue.

Ghesquière verließ im November 2012 Balenciaga und nach einem Jahr Auszeit wurde er im November 2013 zum Creative Director für die Damenkollektion von Louis Vuitton berufen. Es war ein bedeutsamer Anlass, der Nicolas' Position als einer der wichtigsten und einflussreichsten Modedesigner unserer Zeit unterstrich. „Wir hatten schon länger Kontakt", sagt Nicolas über seine Beziehung mit dem französischen Luxuslabel. „Wir sprachen über Projekte, aber es war entweder nicht die richtige Zeitpunkt oder das richtige Projekt. Aber mit dem Erfolg von Jacobs' eigenem Label hat es dann gepasst." Und so sollten die Puzzleteile zusammenkommen. „Deswegen fühlt es sich gut an", führt Nicolas weiter aus. „Das Timing ist für alle gut."

Ein gutes Feeling ist wesentlich in Nicolas' Vision für das neue Louis Vuitton. Das war spürbar in dem Sonnenlicht-Walk im Louvre, in den frischen, architektonischen Linien seiner A-Linien-Röcke und -Jacken und in der persönlichen Note von Nicolas, die auf jedem Sitz auslag: „Heute ist ein neuer Tag. Ein großer Tag. Sie werden Zeuge meiner ersten Fashionshow für Louis Vuitton. Worte können nicht beschreiben, wie ich mich in diesem Moment fühle. Vor allem, unendliche Freude …", schrieb er. Die Show und seitdem alle Ghesquière-Entwürfe für das Label - eine herausragende Cruise-Kollektion in Monte Carlo und eine ikonische Werbekampagne mit von Juergen Teller, Bruce Weber und Annie Leibovitz fotografierten Modegrößen - badeten geradezu in Glanz und Neuanfängen.

Als wahrer Visionär ist es keine Überraschung, dass andere Ghesquière folgen und man seinen Einfluss überall auf den weltweiten Laufstegen spürt. Man sagt ja, dass Nachahmung die höchste Form der Anerkennung ist, aber das interessiert den französischen Modedesigner nicht. „In der Modebranche musst du dich ständig selbst neu erfinden. Mittlerweile habe ich aber keine Angst mehr. Ich bin jetzt entspannter, ich habe Unterstützung und ich bin umgeben von Leuten, denen ich vertraue", erklärt Nicolas. Vertrauen ist entscheidend, wenn du an der Spitze eines großen Hauses wie Vuitton stehst und nicht nur dort, wenn man an der Spitze jeder Organisation, ob nun kreativ oder nicht, steht. Es ist genauso entscheidend, dass man ein Netz aus Freunden und Kollaborateuren an seiner Seite hat. Nicolas nahm seinen Vertrauenskreis mit von Balenciaga zu Vuitton, einschließlich seiner besten Freundin, die Stylistin, Vertraute und Muse Marie-Amélie Sauvé, mit der er seit fast 20 Jahren zusammenarbeitet.

Andere Designer hätten sich vor der Verpflichtung für ein Luxuslabel vom Format Louis Vuitton vielleicht entmutigt gefühlt, aber nicht so Nicolas. „Ich war nicht nervös, sondern ich war ungeduldig", gibt er zu. „Ich konnte es nicht abwarten, meine Kollektion zu entwerfen, zu zeigen und die Reaktionen der Leute zu erfahren. Es scheint so, als ob alles, was ich bisher getan habe, der Vorbereitung für Louis Vuitton diente. Meine Stimme ist jetzt lauter und erreicht mehr Leute …". Das muss ein tolles Gefühl sein? „Ja, ich fühle mich gut", sagt er lächelnd. „Und darauf achten sie hier auch".

Credits


Text: Holly Shackleton
Foto: Glen Luchford
Fashion Director: Alastair McKimm 
Haare: Duffy von Streeters für Vidal Sassoon
Make-up: Sally Branka von LGA Management mit Produkten von NARS Cosmetics
Nägel: Gina Viviano von ABTP
Fotoassistenz: Jack Webb, Lance Cheshire, Braulio Moz
Digitaltechnik: Aron Norman
Stylingassistenz: Katelyn Gray
Haarassistenz: Ryan Mitchell
Make-up-Assistenz: Daisy Whitney
Casting: Angus Munro für AM Casting (Streeters NY)
Produktion: Tali Magal von Freebird Productions
Model: Sasha Piwowarowa at IMG
Sascha trägt Kleidung und Accessoires von Louis Vuitton.