the khayyer questionnaire ... beantwortet von iris van herpen

Die Autorin Jina Khayyer hat mit SOUVENIRby ein Kartenspiel entwickelt, das die Fragen stellt, die sie sich selbst in ihrem Roman „Älter als Jesus“ beantwortet hat. Darauf basierend interviewt sie exklusiv für i-D internationale Persönlichkeiten.

von Jina Khayyer
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08 März 2016, 2:50pm

Jean Baptiste Mondino

Wer bist du?
Das ist eine komplexe Frage. Ich könnte sagen Iris, aber was heißt das schon? Ich bin was ich erschaffe, aber was erschaffe ich? Ich weiß nicht mal, wie ich genau meinen Beruf beschreiben soll. Modedesignerin—ja, das ist ein Teil dessen, was ich bin, aber nicht nur. Wenn ich mich als Künstlerin bezeichne, ist das auch nicht ganz richtig. Ich bin irgendetwas dazwischen. Sicherlich sagt meine Arbeit sehr viel darüber aus, wer ich bin. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich das tue, was ich tue. Die meisten Kreativen sagen, sie drücken sich selbst in ihrer Arbeit aus. Bei mir ist es umgekehrt. Ich entdecke erst durch meine Arbeit, wer ich bin.

Wo kommst du her?
Ich bin in Wamel geboren und aufgewachsen. Das ist ein kleines Dorf in Holland, das wahrscheinlich niemand kennt. Es gibt dort nur einige hundert Einwohner. Ich hatte eine sehr friedliche Kindheit dort.

Bist du angekommen, wo du sein möchtest?
Ja, da bin ich sehr privilegiert. Ich kann mich jeden Tag vollkommen frei ausdrücken. Niemand sagt mir, was ich zu tun habe, außer ich. Das ist rar und dafür bin ich dankbar.

Was ist das Gegenteil von dir?
Meine Schwester Linda. Sie ist das absolute Gegenteil von mir, und zwar in jeder Hinsicht: der Look, der Style, die Denkweise, ihr soziales Verhalten, ihre Interessen, alles. Wir stehen uns nicht sehr nahe.

Bist du glücklich?
Ja. Natürlich habe ich auch Momente, in denen ich unglücklich bin, aber grundsätzlich bin ich glücklich.

Was bedeutet Glück?
Das klingt jetzt vielleicht klischeehaft, aber meine Arbeit- und mein Liebesleben sind mir am wichtigsten. Beide erfüllen mich, das ist für mich Glück.

Wie fühlt es sich an, das Erwachsensein?
Da bin ich mir nicht sicher. Ich frage mich selbst manchmal, ob ich erwachsen bin. Ich bin schon 31, da sollte man annehmen, dass ich es bin. Viele Gleichaltrige aus meinem Umfeld lassen sich jetzt nieder; bekommen Kinder, kaufen Häuser. Sie lassen sich auf das nächste Level der Verantwortung ein. Ich bin froh, dass ich da nicht bin. Ich brauche das Gefühl, jederzeit meine Abenteuer leben zu können. Jederzeit unverantwortlich sein zu dürfen. Ich habe einen großen Freiheitsdrang. Ich kann mir nicht vorstellen, mich irgendwann einmal nieder zu lassen.

Was ist dir jetzt am wichtigsten?
Meine nächste Kollektion, die ich im März in Paris zeige. Und meine Liebe, Salvador.

Was hast du heute gelernt?
Dass Gwendoline Christie absolut hypnotisierend ist. Ich bin fasziniert davon, wie sie mit ihrem Körper sprechen kann. Und ich habe heute gelernt, dass es ein Beruf ist, Menschen Körpersprache beizubringen.

Was hast du heute über dich gelernt?
Wie ich ja schon vorhin angesprochen habe, ich kreiere, um mehr über mich selbst zu erfahren. Aber ich will mir darüber gar nicht zu sehr bewusst werden. Meine Hände geben das Kommando, nicht mein Verstand. Wenn ich mir während der Arbeit zu viele Gedanken mache, dann kann mich das blockieren. Je unbewusster ich arbeite, desto besser ist meine Arbeit. Ich lerne also jeden Tag etwas Neues über mich, aber ich versuche, nicht darüber nachzudenken.

Monogamie? Oder Polygamie?
Monogamie.

Wie gehst du mit Ängsten um, und diesem schlimmen Beklommenheitsgefühl, das sich ja auch immer wieder anschleicht?
Meine Arbeit ist ja eine Art Befreiung. Also fühle ich mich eigentlich die meiste Zeit sehr stabil.

Träumst du manchmal davon wegzulaufen?
Früher, ja, als ich noch in der Pubertät war. Aber heute nicht mehr. Das Einzige, wovor ich manchmal gerne davonlaufen würde, ist Routine. Was ich an meiner Arbeit am schwierigsten finde, ist der Alltagstrott, der notwendig ist, um meine Marke Iris van Herpen am Laufen zu halten. Aber wenn man sich etwas aufbaut, ist Routine eine Konsequenz. Da gibt es kein Entkommen.

Hast du neue Träume?
Dauernd. Aber es sind kleine Träume. Ich mache keine großen Pläne für die Zukunft, das blockiert mich nur. Meine Träume liegen immer sehr nah und sind erreichbar. Sie haben eigentlich auch immer mit meiner Arbeit zu tun: Mit wem werde ich als nächstes zusammenarbeiten? Welche Technik könnte ich als nächstes entwickeln?

Bist du heute politischer?
Erst seitdem ich mit Salvador zusammen bin. Er ist sehr politisch, also beschäftige ich mich jetzt auch mehr damit.

Bist du heute sozialer?
Ich bin ein egozentrischer Mensch. Meine Lieblingsbeschäftigung ist, mit mir selbst Zeit zu verbringen. Wo sich andere vielleicht einsam fühlen, fahre ich zur Hochform auf. Das ist mit Sicherheit nicht eine meiner besten Eigenschaften, aber sie hilft mir dabei, meine Arbeit zu machen. In letzter Zeit versuche ich mich aber zu zwingen, auch mein Umfeld etwas stärker wahrzunehmen. Ich bin der Academy of Art in Holland beigetreten, die ein Teil der Academy of Science ist und sich darum bemüht, die Zukunft der Kunst und Wissenschaft zu sichern.

Was bedeutet Liebe für dich?
Wow, das ist schwer zu beschreiben. Ich nehme an, nur Schriftsteller können die Liebe in Worte fassen. Für mich es ist der schönste Ort, den es gibt. Teil von etwas Größerem als sich selbst zu sein, das ist Liebe.

Was ist das Gravierendste, was sich—abgesehen vom Körper—verändert hat?
Mein Verstand. Er verändert sich die ganze Zeit, was ich wundervoll finde.

Oben? oder unten?
Das macht keinen Unterschied.

Die größte Lektion, die du bisher gelernt hast?
Mir gefällt die Idee, dass ich nichts weiß. Die größte Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass ich weiter nachdenken muss und weiterhin Fragen stellen muss. Mir geht es ums Denken, nicht ums Wissen.

Stellst du dir je die Frage nach dem Sinn des Lebens?
Ich habe einige philosophische Bücher darüber gelesen und kenne auch einige Antworten auf diese Frage, aber es ist keine Frage, die ich mir bisher je gestellt habe. Ich bin introvertiert und ich denke doch, man muss extrovertiert sein, um sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Aber ich mag die Frage. Ich finde sogar, es ist die schönste aller Fragen, und ich freue mich immer, wenn ich Menschen treffe, die darüber nachdenken. Mir ist diese Frage zu viel. Vielleicht später einmal, wenn ich alt bin.

Was kommt als Nächstes?
Meine nächste Kollektion.

Hier geht's zu anderen Interviews aus unserer neuen Reihe The Khayyer Questionnaire".

SOUVENIRBy JINA KHAYYER Truth or Dare

The Khayyer Questionnaire Kartenspiel

 24 Euro

Erhältlich bei
Andreas Murkudis in Berlin
Schwittenberg in München
Park in Wien
und SOUVENIERBy

Autorin Jina Khayyer liest am Mittwoch um 19 Uhr in Hamburg in der Buchhandlung Sautter&Lackmann aus ihrem Buch Älter als Jesus, auf dem die Fragen für den Khayyer Questionnaire basieren.

Credits


Text: Jina Khayyer
Foto: Jean Baptiste Mondino

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