Warum Selfies dir bei deiner Selbstfindung helfen

Das Buch 'Faceworld' von Marion Zilio zeigt, welche versteckten Seiten deiner Selbst durch die Frontkamera offenbart werden.

von Micha Barban Dangerfield
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31 Januar 2019, 3:37pm

Foto: Screenshots von Instagram

Silicon Valley, Winter 2010. Apple integriert im neuen iPhone eine Frontkamera. Eine vermeintlich geringfügige Neuerung, die jedoch zum Schlüssel einer technische Revolution wurde: Die Ära der Selfies, Filter und sich verändernden Identitäten wurde eingeläutet. Willkommen in der Ära des Post-Humanismus.

Seitdem wurden unsere Leben mit einer Flut digitaler Gesichter überschwemmt. Ob Face Filter oder hyper-virtualisierte Avatare: Was sagen all diese "Masken" über uns? Unsere Gesichter wurden zur einer endlosen Leinwand, auf der unser Selbst erforschen können. Mit einem einzigen Klick kannst du dich 60 Jahre älter machen, dich in einen riesigen Donut verwandeln oder dein Gesicht in Vaseline tauchen. Alles ist möglich.

In dem Buch Faceworld taucht die Forscherin und Theoretikerin Marion Zilio tief in die Geschichte unserer Gesichter ein. Wir haben von ihr erfahren, wie Selfies uns dabei helfen bisher versteckte Seiten unserer Selbst zu entdecken.


Auch auf i-D: Na, hast du dein Gesicht auch schon in Vaseline getaucht?


Filter, Schönheits-OPs und Apps sind alles Mittel, uns zu modifizieren. Drohen Gesichter, so wie wir sie kennen, langsam zu verschwinden?
Unter all den Filtern verschwindet tatsächlich das Gesicht oder wird zumindest neu erfunden. Im Französischen heißt das Gesicht visage und verweist auf das Sichtbare. Das bedeutet aber immer auch eine Mischung aus dem, was gezeigt und was versteckt wird. Das Gesicht muss zerstört werden, damit es in einer verbesserten Gestalt wiederauftauchen kann. Nicht im Sinne von dem, was es zeigt, sondern was es zeigen will. Die Leute erfinden sich gemäß der Codes der Klasse neu, zu der sie gehören wollen.

Dein Buch basiert auf der Annahme, dass das Gesicht eine Erfindung ist. Was genau meinst du damit?
Hierfür müssen wir ein wenig zurückblicken. Im 19. Jahrhundert hatten Bauern keinen Zugang zu ihrem Gesicht. Porträts galten nur für die Elite; die Massen wurden nicht repräsentiert. Spiegel galten als wertvolle Objekte. Erst mit der industrialisierten Gesellschaft waren sich die Menschen ihrer Gesichter bewusst. Bis dahin hatten sie keine Möglichkeit sie zu sehen, außer beim Barbier, Hutmacher oder in der Reflexion des Wassers. Die Art und Weise, wie wir zu uns selbst und anderen stehen, hat sich grundlegend verändert; die Welt hat sich verändert. Du konntest damals nicht das Porträt von dir "mitnehmen", es war unmöglich eine Reflexion oder ein Gemälde zu transportieren.

Hat die Porträtmalerei dazu beigetragen, Stereotype von Gender, Class und Race einzuführen?
Ja, das Porträtieren hat zu Stereotypen oder festen Identitäten beigetragen. Ich würde sogar soweit gehen, dass diese Identitäten als Werkzeuge der Kontrolle kreiert wurden. Es gab die Arbeiter, die Bourgeois, die Reichen und die Armen. Das Gesicht hat sehr binäre Indikatoren präsentiert. Heute ist die Vorstellung des Selbst komplex und wird immer fließender. Aber auch Bildschirme, Spiegel und Filter waren befremdlich, bevor sie Werkzeuge der Emanzipation wurden.

Würdest du sagen, dass die derzeitige Transformation unserer Gesichter es erlaubt, uns von unseren eigenen Identitäten freizumachen?
Ja, und das hat mit der Evolution der Technologie zu tun. Als die Fotografie noch neu war, war die Gesellschaft von der Idee des Fortschritts besessen; der Dampfzug wurde gerade erst eingeführt. So ähnlich ist das mit dem Konzept der Identität. Diese Entwicklung begann im 19. Jahrhundert, aber es hat lange gedauert, bis etwas nach vorne ging. Die Art, wie Identität und Gesichter formbar werden, hängt von den zur Verfügung stehenden Techniken ab. In der Kunst haben erst die Futuristen, dann die Avantgardisten zur Fragmentierung und Veränderung der Identität beigetragen.

Sind wir demnach zu unseren eigenen Schöpfern geworden?
Ich würde eher sagen, dass wir als Individuen ein größeres Bedürfnis hatten, von anderen angeschaut zu werden, um uns bestätigt zu fühlen. Über die Zeit sind wir unsere eigenen Beobachter geworden. In sozialen Netzwerken sehen wir uns selbst zu. Deine eigene Reflexion begeistert dich, du suchst nicht mehr die Bestätigung der anderen. Wir haben eine Beziehung zu uns aufgebaut, die ein wenig autonom ist. Wenn du ein Selfie auf Instagram postest, kann es jemanden am anderen Ende der Welt erreichen, in einer völlig anderen Zeitzone. Es ist noch nicht lange her, dass Menschen lediglich bis zu 3.000 Menschen über ihr Leben verteilt begegneten. Im Gegensatz zu heute, jetzt hast du Zugang zu dieser Anzahl, wenn du dich bei Facebook einloggst.

Verbinden Selfies Menschen miteinander?
Ja, sie können sogar dabei helfen, dich mit dir selbst zu connecten. Die Pubertät ist zum Beispiel eine Zeit, in der sich das Gesicht ständig verändert, deine Identität ist instabil und du bist auf der Suche nach dir selbst. Selfies sind demnach ein Mittel für die Jugend, das eigene Bild zurückzuerobern.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der französischen Redaktion.

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